Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA: physiologische Einordnung, zugelassene Health Claims und Studienlage bei autoimmuner Thyreoiditis

Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA: physiologische Einordnung, zugelassene Health Claims und Studienlage bei autoimmuner Thyreoiditis

Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) sind langkettige Omega-3-Fettsäuren mariner Herkunft. Sie sind Bestandteil von Membranlipiden und Vorstufen einer eigenständigen Klasse lipidbasierter Mediatoren, darunter die Resolvine und Maresine.¹,² Die alpha-Linolensäure (ALA) ist die pflanzliche Ausgangsverbindung; ihre endogene Umwandlung zu EPA und DHA verläuft beim Menschen nur eingeschränkt und mit erheblichen interindividuellen Unterschieden.³

Dieser Artikel ordnet die physiologische Rolle von EPA, DHA und ALA ein, listet die in der Europäischen Union zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen im Wortlaut mit ihren Mengenbedingungen und referiert die zur autoimmunen Thyreoiditis (Hashimoto-Thyreoiditis) publizierte Studienlage sachlich. Er gibt keine Verzehrempfehlung und ersetzt keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall.

1. EPA, DHA und ALA: Herkunft und Umwandlung

EPA (C20:5 n-3) und DHA (C22:6 n-3) finden sich in nennenswerten Konzentrationen in fettreichen Seefischen (Hering, Makrele, Lachs, Sardine, Sardelle) sowie in Mikroalgen der Gattungen Schizochytrium und Crypthecodinium. Algenöl ist Ausgangsstoff sowohl für die Anreicherung tierischer Lebensmittel als auch für pflanzliche EPA-/DHA-Nahrungsergänzungsmittel.

ALA (C18:3 n-3) ist die kurzkettige pflanzliche Omega-3-Fettsäure; sie kommt vor allem in Lein-, Chia-, Hanf- und Walnussölen vor. Die Umwandlung von ALA zu EPA wird im Stoffwechselweg über Delta-6- und Delta-5-Desaturasen sowie verlängernde Enzyme bewerkstelligt. In Isotopenstudien an erwachsenen Männern wurde eine ALA-zu-EPA-Konversion in der Grössenordnung weniger Prozent und eine ALA-zu-DHA-Konversion unterhalb 1 % beschrieben; Frauen im reproduktiven Alter erreichten in einzelnen Untersuchungen höhere Werte, die interindividuelle Spannweite ist gross.³ ALA ist daher kein funktioneller Ersatz für eine direkte EPA-/DHA-Zufuhr.

2. Biochemische Rolle: Resolvine, Maresine und Membraneffekte

Im Gewebe konkurriert EPA mit der n-6-Fettsäure Arachidonsäure als Substrat der Cyclooxygenasen und Lipoxygenasen. Aus EPA und DHA entstehen Specialized Pro-resolving Mediators (SPMs), darunter Resolvine der E- und D-Serie sowie Maresine. Diese Mediatoren sind in der von Charles Serhan und Mitarbeitern aufgeklärten Auflösungsphase der akuten Entzündung beteiligt; sie fördern unter anderem die Phagozytose apoptotischer Zellen und die Wiederherstellung der Gewebehomöostase.¹,² Daneben verändern EPA und DHA als Membranbestandteile die Fluidität und Signaltransduktion von Immunzellen.⁴

Diese Mechanismen sind grundlagenphysiologisch beschrieben. Sie begründen keinen eigenständigen schilddrüsen- oder hashimotobezogenen Wirkanspruch.

3. Zugelassene Health Claims in der EU

In der Europäischen Union dürfen ausschliesslich die im EU-Register der gesundheitsbezogenen Angaben geführten Aussagen verwendet werden; die rechtliche Grundlage ist Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (HCVO) i. V. m. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 und ihren Änderungsverordnungen.⁵ Für EPA und DHA sind die folgenden Aussagen zugelassen, jeweils mit der genannten Mindestzufuhr je Tagesportion:

  • "DHA trägt zur Erhaltung einer normalen Gehirnfunktion bei", Bedingung: mindestens 250 mg DHA pro Tag.
  • "DHA trägt zur Erhaltung einer normalen Sehkraft bei", Bedingung: mindestens 250 mg DHA pro Tag.
  • "EPA und DHA tragen zu einer normalen Herzfunktion bei", Bedingung: mindestens 250 mg EPA und DHA pro Tag.
  • "EPA und DHA tragen zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks bei", Bedingung: mindestens 3 g EPA und DHA pro Tag.
  • "EPA und DHA tragen zur Aufrechterhaltung normaler Triglyceridspiegel im Blut bei", Bedingung: mindestens 2 g EPA und DHA pro Tag.

Eine schilddrüsen- oder autoimmunitätsbezogene gesundheitsbezogene Aussage für EPA, DHA oder ALA ist auf EU-Ebene nicht zugelassen. Aussagen wie "Omega-3 unterstützt die Schilddrüse" oder "Omega-3 hilft bei Hashimoto-Thyreoiditis" sind im Anwendungsbereich der Health-Claims-Verordnung ausgeschlossen; eine krankheitsbezogene Aussage zu einem Lebensmittel ist nach Art. 7 Abs. 3 LMIV ohnehin unzulässig.

4. Referenzwerte für die Zufuhr

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2010 für Erwachsene einen Adequate Intake für EPA + DHA von 250 mg pro Tag als Bezugswert für die kardiovaskuläre Gesundheit abgeleitet; für ALA wurde ein Adequate Intake von 0,5 Energieprozent festgesetzt.⁶ Die D-A-CH-Referenzwerte (DGE, ÖGE, SGE, Stand 2024) nennen für ALA 0,5 Energieprozent und für EPA + DHA keinen eigenen Empfehlungswert, sondern verweisen auf den regelmässigen Verzehr fettreicher Seefische als Bezugsgrösse.⁷

In ihrer Bewertung zur sicheren Höchstzufuhr stellte die EFSA 2012 fest, dass eine supplementäre Zufuhr von EPA und DHA kombiniert bis 5 g pro Tag sowie eine isolierte Zufuhr von EPA bis 1,8 g pro Tag und DHA bis etwa 1 g pro Tag für Erwachsene keine Sicherheitsbedenken aufwarf. Ein numerischer Tolerable Upper Intake Level für EPA, DHA oder DPA — einzeln oder kombiniert — konnte mangels ausreichender Daten nicht abgeleitet werden.⁸

5. Studienlage zu Omega-3 bei autoimmuner Thyreoiditis

Die zur Wirkung einer EPA-/DHA-Zufuhr auf den Verlauf der Hashimoto-Thyreoiditis publizierten Untersuchungen sind wenige, überwiegend klein und im Design heterogen. Randomisierte kontrollierte Studien mit primär schilddrüsenrelevanten Endpunkten und ausreichender statistischer Trennschärfe liegen nicht vor.

Eine prospektive Vorher-Nachher-Untersuchung von Szczuko und Kollegen (2024) an 39 Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis kombinierte eine glutenfreie entzündungsarme Diät mit einer Supplementation von EPA und DHA. Im Plasma stiegen die anti-entzündlichen Lipidmediatoren Resolvin D1, Resolvin E1 und Maresin 1 signifikant an; die Konzentrationen der Antikörper gegen Thyreoperoxidase (TPO-AK) und gegen Thyreoglobulin (TG-AK) veränderten sich in dieser Stichprobe nicht signifikant.⁹ Es handelt sich um eine kleine, einarmige Untersuchung ohne Kontrollgruppe und ohne Verblindung; die Veränderungen können Diät, Supplementation und Spontanverlauf nicht trennen.

Eine Netzwerk-Meta-Analyse von Peng und Kollegen (2024) zu Nahrungsergänzungsmitteln bei Hashimoto-Thyreoiditis bewertet Selen, Vitamin D und Myo-Inositol; Omega-3 ist in dieser Auswertung mangels qualifizierender Studien nicht enthalten.¹⁰

In der allgemeinen entzündungsmodulatorischen Forschung sind EPA und DHA breiter untersucht: die systematische Übersicht von Miles und Calder (2012) referiert moderate Effekte bei rheumatoider Arthritis;⁴ die Meta-Analyse von Goldberg und Katz (2007) beschreibt eine Reduktion patientenberichteter Gelenkschmerzen unter EPA-/DHA-Supplementation bei entzündlichen Gelenkerkrankungen.¹¹ Eine Übertragbarkeit dieser Befunde auf die Hashimoto-Thyreoiditis ist aus den vorliegenden Daten nicht abgeleitet.

6. Verhältnis von n-6 zu n-3 Fettsäuren

In der westlichen Ernährung liegt die Zufuhrrelation von n-6 zu n-3 Fettsäuren in epidemiologischen Erhebungen typischerweise im Bereich von 10 : 1 bis 20 : 1; in der historischen Ernährung des Menschen wird sie deutlich enger geschätzt.¹² Die Diskussion um ein "optimales" Verhältnis (häufig genannte Zielgrössen 4 : 1 oder enger) ist geführt, aber nicht konsentiert; methodisch ist sie davon abhängig, wie ALA und langkettige n-3 in der Bilanzierung gewichtet werden. Eine Aussage, dass die Veränderung des Verhältnisses durch Nahrungsergänzung den Verlauf einer Schilddrüsenerkrankung beeinflusst, lässt sich aus der vorliegenden Literatur nicht ableiten.

7. Sicherheit, Wechselwirkungen und Qualität

Häufige unerwünschte Wirkungen einer hochdosierten EPA-/DHA-Zufuhr sind gastrointestinale Beschwerden wie Aufstossen, Übelkeit und weicher Stuhl sowie ein fischiger Geschmack der Atemluft. Veränderte Blutungszeit und reduzierte Thrombozytenaggregation sind in kontrollierten Studien bei supplementärer EPA-/DHA-Zufuhr bis etwa 6 g pro Tag beobachtet worden; sie waren in kurzfristigen Interventionen nicht mit spontanen klinischen Blutungsereignissen verbunden.⁸

Bei begleitender Einnahme gerinnungshemmender Arzneimittel (Cumarinderivate, direkte orale Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer) und im perioperativen Zeitraum ist die Notwendigkeit, Dauer und Menge einer EPA-/DHA-Zufuhr Gegenstand der ärztlichen Beurteilung. Eine relevante Wechselwirkung mit Levothyroxin ist nicht beschrieben; allgemeine Mindestabstände zu Schilddrüsenhormonpräparaten gehören in die Fachinformation des jeweiligen Präparates.

Marine Bezugsstoffe können je nach Herkunft mit Schadstoffen (Methylquecksilber, polychlorierte Biphenyle, Dioxine) sowie mit Oxidationsprodukten belastet sein. Algenöl umgeht den Eintrag aus der marinen Nahrungskette. Unabhängige Schadstoff- und Frischanalysen (z. B. über Anbieter wie GOED, IFOS oder akkreditierte Labore) sind gängig; die Bewertung gehört in den Herstellungs- und Qualitätskontext und nicht in den allgemeinen Wissensartikel.

8. Zusammenfassung

EPA und DHA sind langkettige Omega-3-Fettsäuren mariner Herkunft mit beschriebener Rolle in Membranzusammensetzung und in der Bildung spezialisierter Lipidmediatoren der Entzündungsauflösung. ALA ist die pflanzliche Ausgangsverbindung, die nur eingeschränkt zu EPA und DHA umgewandelt wird. Die in der EU zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen für EPA und DHA beziehen sich auf Herzfunktion, Blutdruck, Triglyceridspiegel, Gehirnfunktion und Sehkraft; eine schilddrüsen- oder hashimotobezogene Aussage ist nicht zugelassen.

Die zur Hashimoto-Thyreoiditis publizierte EPA-/DHA-Forschung ist quantitativ gering und beruht überwiegend auf kleinen Interventionsstudien ohne Kontrollgruppe. In der bisher grössten solchen Untersuchung sind anti-entzündliche Lipidmediatoren unter einer kombinierten Diät- und Supplementations-Intervention angestiegen, ohne dass sich die Schilddrüsenautoantikörper signifikant verändert haben. Daraus lässt sich keine schilddrüsenspezifische Verzehrempfehlung ableiten.

Die EFSA hat für supplementäre Zufuhren bis 5 g EPA + DHA pro Tag keine Sicherheitsbedenken festgestellt; einen numerischen Tolerable Upper Intake Level hat sie nicht abgeleitet. Bei begleitender Gerinnungshemmung und im perioperativen Zeitraum ist die Indikation und Menge einer EPA-/DHA-Zufuhr eine ärztliche Entscheidung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Serhan CN, Hong S, Gronert K, et al. Resolvins: a family of bioactive products of omega-3 fatty acid transformation circuits initiated by aspirin treatment that counter proinflammation signals. J Exp Med. 2002;196(8):1025-1037. DOI: 10.1084/jem.20020760.
  2. Calder PC. Omega-3 fatty acids and inflammatory processes. Nutrients. 2010;2(3):355-374. DOI: 10.3390/nu2030355.
  3. Burdge GC, Calder PC. Conversion of alpha-linolenic acid to longer-chain polyunsaturated fatty acids in human adults. Reprod Nutr Dev. 2005;45(5):581-597. DOI: 10.1051/rnd:2005047.
  4. Miles EA, Calder PC. Influence of marine n-3 polyunsaturated fatty acids on immune function and a systematic review of their effects on clinical outcomes in rheumatoid arthritis. Br J Nutr. 2012;107(Suppl 2):S171-S184. DOI: 10.1017/S0007114512001560.
  5. Europäische Kommission. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 vom
  6. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern. ABl. L 136 vom 25.5.2012, S. 1, in der konsolidierten Fassung. Mit nachfolgenden Änderungsverordnungen, darunter VO (EU) Nr. 536/2013 (Blutdruck- und Triglycerid-Claim für EPA/DHA).
  7. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies. Scientific Opinion on Dietary Reference Values for fats. EFSA Journal. 2010;8(3):1461. DOI: 10.2903/j.efsa.2010.1461.
  8. DGE, ÖGE, SGE. D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr — Fett, einschliesslich Omega-3-Fettsäuren. Stand 2024.
  9. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies. Scientific Opinion on the Tolerable Upper Intake Level of eicosapentaenoic acid (EPA), docosahexaenoic acid (DHA) and docosapentaenoic acid (DPA). EFSA Journal. 2012;10(7):2815. DOI: 10.2903/j.efsa.2012.2815.
  10. Szczuko M, Kotlega D, Palma J, et al. The Influence of an Anti-Inflammatory Gluten-Free Diet with EPA and DHA on the Involvement of Maresin and Resolvins in Hashimoto's Disease. Int J Mol Sci. 2024;25(21):11692. DOI: 10.3390/ijms252111692.
  11. Peng C-Z, Cao T, Yu Z-M, Zhao Y-Y. Effects of different supplements on Hashimoto's thyroiditis: a systematic review and network meta-analysis. Front Endocrinol. 2024;15:1445878. DOI: 10.3389/fendo.2024.1445878.
  12. Goldberg RJ, Katz J. A meta-analysis of the analgesic effects of omega-3 polyunsaturated fatty acid supplementation for inflammatory joint pain. Pain. 2007;129(1-2):210-223. DOI: 10.1016/j.pain.2007.01.020.
  13. Simopoulos AP. The importance of the omega-6/omega-3 fatty acid ratio in cardiovascular disease and other chronic diseases. Exp Biol Med (Maywood). 2008;233(6):674-688. DOI: 10.3181/0711-MR-311.
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