TPO-Antikörper: Was der Laborwert aussagt und wie er einzuordnen ist

TPO-Antikörper: Was der Laborwert aussagt und wie er einzuordnen ist

Der Befund „TPO-Antikörper erhöht" löst häufig Verunsicherung aus, weil er in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der häufigsten chronischen Schilddrüsenerkrankung steht: der Hashimoto-Thyreoiditis. Antikörper gegen die Thyreoperoxidase (TPO-AK) sind der sensitivste serologische Marker dieser Erkrankung; sie sind bei einem grossen Teil der diagnostizierten Patientinnen und Patienten nachweisbar. Gleichzeitig findet sich ein positiver TPO-AK-Befund in geringer Konzentration auch bei einem Teil der gesunden Bevölkerung, sodass ein einzelner erhöhter Wert nicht mit einer behandlungsbedürftigen Erkrankung gleichgesetzt werden kann.[1][2][3]

Dieser Artikel beschreibt, wofür der Laborparameter steht, wie er einzuordnen ist, welche differentialdiagnostischen Überlegungen üblicherweise angeschlossen werden, wie der Verlauf typischerweise aussieht und welche Studienlage zu Beeinflussbarkeit des Titers besteht. Der Artikel ersetzt keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall und gibt keine Verzehr- oder Therapieempfehlungen ab.

1. Thyreoperoxidase und ihre Antikörper

Die Thyreoperoxidase ist ein membranständiges Häm-Enzym in den Thyreozyten. Sie katalysiert zwei Schlüsselschritte der Hormonbiosynthese in der Schilddrüse: die Oxidation von Iodid zu reaktiven Iod-Spezies und die Iodierung der Tyrosin-Reste am Thyreoglobulin sowie die anschliessende Kupplung iodierter Tyrosinreste zu T3 und T4. Wasserstoffperoxid dient dabei als Co-Substrat.[4]

TPO-Antikörper sind Auto-Antikörper, die sich gegen Epitope der Thyreoperoxidase richten. Sie sind überwiegend der Immunglobulin-Klasse G zugeordnet und Ausdruck einer Toleranzstörung gegen schilddrüseneigene Antigene. In der Pathogenese der Hashimoto-Thyreoiditis sind sowohl die humorale (Auto-Antikörper-Bildung) als auch die zelluläre Immunität (T-Zellen, Makrophagen) beteiligt; die Antikörper allein erklären die Gewebeschädigung nicht, sind aber ein robuster serologischer Marker für den autoimmunen Prozess.[1][2]

Caturegli et al. (2014) berichten TPO-AK bei etwa 90 bis 95 Prozent und Thyreoglobulin-Antikörper (Tg-AK) bei etwa 60 bis 80 Prozent der Patientinnen und Patienten mit gesicherter Hashimoto-Thyreoiditis.[1]

2. Bestimmung und Einheiten

TPO-AK werden im Serum bestimmt, üblicherweise mit immunometrischen Verfahren (Chemilumineszenz, ELISA). Das Ergebnis wird in internationalen Einheiten pro Milliliter (IU/mL) oder Kilo-Units pro Liter (kU/L) angegeben; die beiden Einheiten sind zahlenwertgleich. Trotz Standardisierung über das WHO-Referenzpräparat MRC 66/387 sind die Ergebnisse unterschiedlicher Testsysteme nicht uneingeschränkt vergleichbar, weil die Testsysteme verschiedene Epitope der TPO erfassen und unterschiedliche Kalibrationen verwenden. Die im Laborbericht ausgewiesenen Referenzwerte sind deshalb in der Regel methoden- und laborspezifisch und gehören in die Befundinterpretation des Labors.[5][6]

3. Häufigkeit eines positiven Befundes in der Allgemein-

bevölkerung

Ein positiver TPO-AK-Befund ist in der Allgemeinbevölkerung nicht selten. In der bevölkerungsrepräsentativen NHANES-III-Erhebung der Vereinigten Staaten (Hollowell et al. 2002, n etwa 17 000) waren in der „disease-free"-Subpopulation TPO-AK bei rund 11 Prozent nachweisbar; positive Befunde waren bei Frauen häufiger als bei Männern und nahmen mit dem Lebensalter zu.[3] In der Whickham-Kohorte und ihren Folgeuntersuchungen wurde in der weiblichen Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz positiver TPO-AK in einer zweistelligen Prozentgrösse beobachtet; die Prävalenz steigt mit dem Alter.[7]

Ein nachweisbarer TPO-AK-Titer ist daher kein gleichbedeutender Befund mit einer Erkrankung. Er ist jedoch mit einem erhöhten Risiko verbunden, über die Zeit eine Schilddrüsenfunktionsstörung zu entwickeln; in der Whickham-Folgeerhebung über 20 Jahre war die Kombination aus erhöhtem TSH und positiven Antikörpern mit der höchsten Inzidenz einer manifesten Hypothyreose verbunden.[7]

4. Differentialdiagnose erhöhter TPO-AK

TPO-AK sind in erster Linie ein Marker autoimmuner Schilddrüsenerkrankungen. Erhöhte Titer finden sich bei:[1][2][6]

  • Hashimoto-Thyreoiditis (typischerweise höchste Titer; im Zusammenspiel mit Sonographie und Schilddrüsenfunktion die Hauptindikation der Bestimmung).
  • Morbus Basedow (Graves-Krankheit). TPO-AK sind hier ebenfalls häufig erhöht; bestimmend für die Diagnose sind aber Anti-TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK).
  • Postpartum-Thyreoiditis. Frauen mit positivem TPO-AK in der Schwangerschaft haben ein erhöhtes Risiko, postpartal eine Thyreoiditis zu entwickeln.
  • Subklinische und manifeste Hypothyreose nicht-autoimmuner Genese — als unspezifischer Begleitbefund.
  • Andere organspezifische Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Zöliakie, autoimmune Gastritis und einzelne Kollagenosen — als Bestandteil polyglandulärer Konstellationen.

Bei einem isoliert positiven TPO-AK-Befund ohne sonographische und funktionsdiagnostische Auffälligkeiten wird in der Literatur gelegentlich der Begriff einer „euthyreoten Autoimmunthyreoiditis" gebraucht. Dabei handelt es sich um einen serologischen Befund, der für sich genommen keine Therapieindikation begründet.[1][2]

5. Diagnostische Einordnung

Die Bestimmung der TPO-AK ist Teil einer abgestuften Diagnostik. Im Vordergrund stehen das thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) als sensitivster Parameter der Schilddrüsenfunktion und das freie T4 (fT4) bei auffälligem TSH. Die Antikörperbestimmung ergänzt das Bild, insbesondere bei subklinischer Hypothyreose oder bei Verdacht auf einen autoimmunen Prozess. Die Schilddrüsensonographie zeigt typischerweise ein diffus echoarmes, inhomogenes Parenchym-Muster.[1][6]

Eine isolierte Antikörperbestimmung ohne klinischen Anlass und ohne Konsequenz für die weitere Versorgung ist in den einschlägigen Leitlinien nicht indiziert.[6] Die Frage, ob und wann eine Antikörperbestimmung wiederholt wird, gehört in die ärztliche Beurteilung; im Verlauf einer einmal gesicherten Hashimoto-Thyreoiditis hat die Titerverlaufs-Kontrolle keinen unabhängigen Einfluss auf Therapieentscheidungen.

6. Bedeutung der Höhe des Titers

Die absolute Höhe der TPO-AK ist kein zuverlässiger Prädiktor für Schweregrad oder Symptomatik einer Schilddrüsenerkrankung. Hohe Titer (etwa im Bereich mehrerer Tausend IU/mL) sind mit einem ausgeprägten autoimmunen Prozess assoziiert; einzelne Personen mit sehr hohen Titern bleiben dennoch über Jahre euthyreot, während andere mit niedrig-positiven Titern bereits eine subklinische Hypothyreose aufweisen.[1][7] Eine schematische Schwelle, ab der „engmaschiger" kontrolliert werden muss, ist in den grossen Leitlinien nicht etabliert; die Steuerung der Verlaufs-Kontrolle orientiert sich an TSH, fT4, Symptomatik, Sonographie und individuellen Risikofaktoren.[6]

7. Verlauf des Titers

TPO-AK-Konzentrationen sind über die Zeit nicht statisch. Intraindividuelle Schwankungen sind dokumentiert; sie reflektieren methodische Streuung, interkurrente Infekte, hormonelle Veränderungen (Schwangerschaft, postpartal, Menopause) und den natürlichen Verlauf des autoimmunen Prozesses.[1][2]

In Längsschnitt-Beobachtungen ist eine spontane Abnahme der Titer möglich, ebenso ein anhaltend positiver Befund über viele Jahre. Nach einer (aus anderer Indikation erfolgten) Thyreoidektomie sinken die Titer in der Regel, weil das Zielantigen fehlt.[2]

Verschiedene Faktoren sind in kontrollierten Studien auf eine Modulation der TPO-AK-Titer hin untersucht worden. Stellvertretend seien drei genannt:

  • Levothyroxin-Substitution. In Beobachtungs- und einzelnen randomisierten Studien wurde unter Levothyroxin-Substitution bei Hashimoto-Thyreoiditis ein Rückgang der TPO-AK-Titer im mehrjährigen Verlauf beschrieben; die klinische Bedeutung dieses Effekts für den Krankheitsverlauf ist nicht abschliessend geklärt.[2]
  • Glutenfreie Ernährung. Krysiak et al. (2019, n = 34) beobachteten in einer kleinen randomisierten Pilotstudie bei euthyreoten Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis unter einer achtwöchigen glutenfreien Diät eine stärkere Abnahme der TPO-AK-Titer als in der Kontrollgruppe. Stichprobengrösse und Beobachtungszeitraum sind klein, eine Übertragung auf die klinische Versorgung ist daraus nicht ohne weiteres ableitbar.[8]
  • Selen-Supplementation. Eine Reihe randomisierter Studien (Gaertner et al. 2002, Duntas et al. 2003 und weitere) hat unter zusätzlicher Gabe von Selen (typischerweise 200 µg/Tag als Natriumselenit oder Selenomethionin) eine stärkere Abnahme der TPO-AK-Titer beobachtet als unter Placebo.[9][10] Die Meta-Analyse von Toulis et al. (2010) bestätigte für den TPO-AK-Endpunkt einen signifikanten Effekt, mit hoher Studienheterogenität.[11] Der Cochrane-Review von van Zuuren et al. (2013) kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für patientenrelevante Endpunkte (Lebensqualität, Krankheitsverlauf, Notwendigkeit einer Levothyroxin-Therapie) unzureichend ist, um eine generelle Empfehlung zur Selen-Supplementation abzuleiten.[12] Eine vertiefte Darstellung findet sich im Schwester-Artikel zu Selen und Schilddrüse.

Die genannten Beobachtungen betreffen einen Laborparameter, nicht einen klinischen Endpunkt. Der TPO-AK-Titer ist ein Surrogat-Marker; eine Senkung des Titers ist nicht gleichbedeutend mit einer Verbesserung des Krankheitsverlaufs.

8. Bezug zur Standardtherapie

Eine kausale, immunmodulatorische Therapie der Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht etabliert. Die Behandlung der manifesten Hypothyreose erfolgt mit Levothyroxin nach gewichtsadaptierter Einstellung und unter laborchemischer Kontrolle des TSH; bei subklinischer Hypothyreose sind Indikation, Höhe und Dauer einer Substitution nach den einschlägigen Empfehlungen (Garber et al. 2012) Gegenstand der ärztlichen Beurteilung und richten sich nach TSH-Wert, Alter, Symptomatik, Begleiterkrankungen und besonderen Konstellationen wie Schwangerschaft oder Kinderwunsch.[6][13] Eine vertiefte Darstellung findet sich im Schwester-Artikel zur Hashimoto-Thyreoiditis.

Die TPO-AK-Höhe ist in den Therapie-Empfehlungen kein eigener Steuerparameter; sie ist Teil der Diagnose-Stellung, nicht der Therapie-Steuerung.[6]

9. Praktische Konsequenz eines isolierten TPO-AK-Befundes

Ein isoliert positiver TPO-AK-Befund bei normaler Schilddrüsenfunktion ist diagnostisch relevant, aber nicht behandlungsindizierend. In der Literatur und in den einschlägigen Empfehlungen findet sich kein Konsens für eine pharmakologische Therapie in dieser Konstellation; statt einer Therapie steht die diagnostische Einordnung — TSH-Verlauf, Sonographie, Berücksichtigung der Komorbiditäten — im Vordergrund.[6]

Bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und postpartal gelten gesonderte Empfehlungen (Alexander et al. 2017); ein positiver TPO-AK-Befund hat in diesen Konstellationen eine eigene Bedeutung für Verlaufs-Kontrolle und Therapie-Entscheidungen.[14]

10. Zusammenfassung

TPO-Antikörper sind ein sensitiver serologischer Marker der autoimmunen Schilddrüsen-Erkrankungen, allen voran der Hashimoto-Thyreoiditis. Ein positiver Befund kommt auch in der Allgemeinbevölkerung vor; er ist häufiger bei Frauen und nimmt mit dem Lebensalter zu. Die Höhe des Titers korreliert nicht zuverlässig mit Schwere oder Verlauf der Erkrankung und ist kein eigener Steuerparameter der Therapie. Diagnostisch entscheidend ist die Kombination aus Schilddrüsenfunktion (TSH, fT4), Antikörperbefund und Sonographie. Verlaufs-Kontrollen und Therapie-Entscheidungen sind Gegenstand der ärztlichen Beurteilung; eine generelle Empfehlung zur titer-orientierten Steuerung des Krankheitsverlaufs ist in den grossen Leitlinien nicht etabliert.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Caturegli P, De Remigis A, Rose NR. Hashimoto thyroiditis: clinical and diagnostic criteria. Autoimmun Rev. 2014;13(4-5): 391-397. DOI: 10.1016/j.autrev.2014.01.007.
  2. Ralli M, Angeletti D, Fiore M, et al. Hashimoto's thyroiditis: An update on pathogenic mechanisms, diagnostic protocols, therapeutic strategies, and potential malignant transformation. Autoimmun Rev. 2020;19(10):102649. DOI: 10.1016/j.autrev.2020.102649.
  3. Hollowell JG, Staehling NW, Flanders WD, et al. Serum TSH, T4, and thyroid antibodies in the United States population (1988 to 1994): National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III). J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(2):489-499. DOI: 10.1210/jcem.87.2.8182.
  4. Carvalho DP, Dupuy C. Thyroid hormone biosynthesis and release. Mol Cell Endocrinol. 2017;458:6-15. DOI: 10.1016/j.mce.2017.01.038.
  5. Feldt-Rasmussen U, Hoier-Madsen M, Bech K, et al. Anti-thyroid peroxidase antibodies in thyroid disorders and non-thyroid autoimmune diseases. Autoimmunity. 1991;9(3): 245-253. DOI: 10.3109/08916939109007650.
  6. Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
  7. Vanderpump MPJ. The epidemiology of thyroid disease. Br Med Bull. 2011;99:39-51. DOI: 10.1093/bmb/ldr030.
  8. Krysiak R, Szkrobka W, Okopien B. The Effect of Gluten-Free Diet on Thyroid Autoimmunity in Drug-Naive Women with Hashimoto's Thyroiditis: A Pilot Study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2019;127(7):417-422. DOI: 10.1055/a-0653-7108.
  9. Gaertner R, Gasnier BCH, Dietrich JW, Krebs B, Angstwurm MWA. Selenium supplementation in patients with autoimmune thyroiditis decreases thyroid peroxidase antibodies concentrations. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(4):1687-1691. DOI: 10.1210/jcem.87.4.8421.
  10. Duntas LH, Mantzou E, Koutras DA. Effects of a six month treatment with selenomethionine in patients with autoimmune thyroiditis. Eur J Endocrinol. 2003;148(4):389-393. DOI: 10.1530/eje.0.1480389.
  11. Toulis KA, Anastasilakis AD, Tzellos TG, Goulis DG, Kouvelas D. Selenium supplementation in the treatment of Hashimoto's thyroiditis: a systematic review and a meta-analysis. Thyroid. 2010;20(10):1163-1173. DOI: 10.1089/thy.2009.0351.
  12. van Zuuren EJ, Albusta AY, Fedorowicz Z, Carter B, Pijl H. Selenium supplementation for Hashimoto's thyroiditis. Cochrane Database Syst Rev. 2013;(6):CD010223. DOI: 10.1002/14651858.CD010223.pub2.
  13. Chaker L, Bianco AC, Jonklaas J, Peeters RP. Hypothyroidism. Lancet. 2017;390(10101):1550-1562. DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30703-1.
  14. Alexander EK, Pearce EN, Brent GA, et al. 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum. Thyroid. 2017;27(3):315-389. DOI: 10.1089/thy.2016.0457.
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