Selen und die Schilddrüse: Funktion, Studienlage und Sicherheits-
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Selen ist ein essenzielles Spurenelement, das in Form von Seleno- cystein im aktiven Zentrum mehrerer Enzyme der Schilddrüse vorkommt. Pro Gramm Gewebe enthält die Schilddrüse mehr Selen als jedes andere Organ des Körpers.¹,² Damit hängt die Funktion zentraler Schilddrüsen-Enzyme — der Deiodasen, der Glutathionperoxidasen und der Thioredoxin-Reduktasen — von einer ausreichenden Selenversorgung ab.²
Dieser Artikel beschreibt die biochemische Rolle des Selens in der Schilddrüse, fasst die Studienlage zu Selen und Autoimmun-Thyreo- iditis zusammen, ordnet die Referenz- und Sicherheits-Grenzwerte ein und stellt die verschiedenen Selen-Verbindungen sachlich gegenüber.
Selen im Stoffwechsel der Schilddrüse
Selen liegt in den Selenoenzymen als 21. proteinogene Aminosäure Selenocystein vor. Der menschliche Körper synthetisiert etwa 25 verschiedene Selenoproteine, von denen ein Großteil in der Schilddrüse exprimiert wird.²
Zwei Enzymfamilien sind im Schilddrüsen-Kontext besonders relevant:
Deiodasen
Die Familie der Iodothyronin-Deiodasen umfasst drei Isoformen (DIO1, DIO2, DIO3). Alle drei sind Selenoenzyme. DIO1 (Leber, Niere, Schilddrüse) und DIO2 (Gehirn, Hypophyse, Skelettmuskel, braunes Fettgewebe) katalysieren die Umwandlung des Speicherhormons Thyroxin (T4) in das biologisch aktivere Trijodthyronin (T3); DIO3 inaktiviert T4 und T3 zu reversem T3 beziehungsweise zu T2.³ Die katalytische Aktivität dieser Enzyme erfordert das Selenocystein im aktiven Zentrum.
Glutathionperoxidasen
Bei der Hormonbiosynthese in den Thyreozyten entsteht Wasserstoff- peroxid, das die Thyreoperoxidase für die Jodierung der Tyrosin- Reste am Thyreoglobulin benötigt. Die Glutathionperoxidasen, ebenfalls Selenoenzyme, gehören zu den Enzymen, die diesen oxidativen Druck in der Schilddrüsenzelle neutralisieren.²
Die Schilddrüse hält ihren Selen-Gehalt bei einer leichten Selen- Unterversorgung über einen gewissen Zeitraum, weil sie Selen gegenüber anderen Geweben bevorzugt einlagert; dieser homöostatische Mechanismus wird in der Literatur regelmäßig beschrieben.²
Studienlage zu Selen und autoimmuner Thyreoiditis
Selen ist in der wissenschaftlichen Literatur eines der am ausgiebigsten untersuchten Spurenelemente im Kontext der autoimmunen Thyreoiditis (Hashimoto-Thyreoiditis). Die Studien fokussieren überwiegend auf den serologischen Marker Thyreoperoxidase-Anti- körper (TPO-AK).
Frühe randomisierte Studien
Gärtner et al. (2002) untersuchten in einer dreimonatigen rando- misierten kontrollierten Studie 70 Patientinnen und Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis. Die Verum-Gruppe erhielt 200 µg Natrium- selenit pro Tag, die Kontrollgruppe ein Placebo. In der Verum- Gruppe sank die mittlere TPO-AK-Konzentration deutlich stärker als in der Kontrollgruppe; der Unterschied war statistisch signifikant.⁴
Duntas et al. (2003) führten eine sechsmonatige Studie an 65 Personen mit autoimmuner Thyreoiditis durch. Die Verum-Gruppe erhielt zusätzlich zu Levothyroxin 200 µg Selenomethionin pro Tag, die Kontrollgruppe Levothyroxin plus Placebo. Auch hier wurde unter Selen eine deutlichere Abnahme der TPO-AK-Titer beobachtet.⁵
Meta-Analysen
Toulis et al. (2010) werteten in einer Meta-Analyse vier randomi- sierte kontrollierte Studien aus. Die gepoolte Auswertung zeigte unter Selen eine signifikante Reduktion der TPO-AK gegenüber Kontrolle nach drei Monaten; nach sechs Monaten war der Effekt weniger einheitlich. Die Studienheterogenität war hoch, klinische Endpunkte (Symptome, Krankheitsverlauf) wurden uneinheitlich erhoben.⁶
Wichman et al. (2016) bezogen in eine umfassendere systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse 16 kontrollierte Studien ein. Die TPO-AK-Reduktion unter Selen war auch hier statistisch signifikant, mit deutlicher Variation zwischen den Einzelstudien hinsichtlich Stichprobe, Selen-Form, Dosis, Behandlungsdauer und Begleitmedikation.⁷
Der Cochrane-Review von van Zuuren et al. (2013) bewertete die verfügbare Evidenz vorsichtiger. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Evidenz für patientenrelevante Endpunkte (Lebensqualität, Krankheitsverlauf, Notwendigkeit einer Levothyroxin-Therapie) zum Zeitpunkt der Übersicht unzureichend war, um eine generelle Empfehlung zur Selen-Supplementation bei Hashimoto-Thyreoiditis abzuleiten.⁸
Einordnung
Die Studien zeigen konsistent, dass Selen-Supplementation den serologischen Marker TPO-AK senken kann. Ob diese Verschiebung einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf, die Symptome oder die Notwendigkeit der Levothyroxin-Substitution hat, ist nach der verfügbaren Evidenz nicht belegt. Mehrere neuere Studien (etwa Esposito et al. 2017) fanden auch für den TPO-AK-Endpunkt keine signifikanten Unterschiede gegenüber Placebo; die Studienlage ist heterogener als ältere Meta-Analysen suggerieren.
Eine sachgerechte Schlussfolgerung lautet: Selen wird in der Forschung zu Hashimoto-Thyreoiditis untersucht, ein klarer klinisch- funktioneller Nutzen über die Verschiebung eines Antikörper-Titers hinaus ist nicht etabliert.
Referenz- und Aufnahme-Werte
Die Empfehlungen zur Selenzufuhr sind in den letzten Jahren mehrfach überarbeitet worden.
- Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) leitete 2014 für Erwachsene einen Adequate Intake (AI) von 70 µg Selen pro Tag ab. Grundlage ist die Plateau-Bildung von Selenoprotein P im Plasma als Indikator einer ausreichenden Selen-Versorgung der Selenoenzyme.⁹
- Die deutschsprachigen D-A-CH-Referenzwerte (DGE, ÖGE, SGE 2015) geben einen Schätzwert von 70 µg/Tag für Männer und 60 µg/Tag für Frauen an.
- Die Tolerable Upper Intake Level (UL) für Erwachsene wurde von der EFSA 2023 neu bewertet und auf 255 µg/Tag festgesetzt (Schwangere und Stillende eingeschlossen). Ausgangspunkt der Bewertung war eine Studie mit einer beobachteten unerwünschten Wirkung („lowest-observed-adverse-effect level", LOAEL) von 330 µg/Tag aus der „Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial" (SELECT). Auf den LOAEL wurde ein Unsicherheitsfaktor von 1,3 angewendet, woraus sich der UL von 255 µg/Tag ergab. Als kritischer Endpunkt wurde Haarausfall (Alopezie) gewählt, ein früh beobachtbares Zeichen einer übermäßigen Selen-Exposition.¹⁰
- Ältere Werte (300 µg/Tag aus der SCF-Bewertung von 2000; 400 µg/Tag aus der US-amerikanischen IOM-Bewertung) sind in der Literatur noch häufig zu finden, in der EU aber durch die EFSA- Bewertung von 2023 abgelöst.
Die mittlere Selenzufuhr über die Ernährung liegt in Mitteleuropa nach mehreren Erhebungen im Bereich von 35 bis 60 µg/Tag und damit unter dem EFSA-AI. Die Versorgungslage in der Schweiz und in Deutschland wird in der wissenschaftlichen Literatur als suboptimal beschrieben, mit großen regionalen und individuellen Schwankungen abhängig von Ernährungsmuster und Selenkonzentration des Bodens.¹¹
Sicherheits-Profil
Die Spanne zwischen ausreichender Versorgung und ungünstigen Effekten ist bei Selen vergleichsweise schmal. Eine chronische Aufnahme oberhalb des UL wird mit dem Syndrom Selenose in Verbindung gebracht; charakteristische Befunde sind ein knoblauch- artiger Atemgeruch, Veränderungen an Haaren und Nägeln (Haarausfall, brüchige Nägel), gastrointestinale Beschwerden und neurologische Symptome bei stärkerer Belastung.¹⁰,¹²
Diskutiert wird zudem ein möglicher Zusammenhang zwischen langfristig hoher Selen-Zufuhr und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes mellitus. Im US-amerikanischen „Nutritional Prevention of Cancer Trial" (NPC, Stranges et al. 2007) zeigten Teilnehmer, die über durchschnittlich 7,7 Jahre 200 µg Selen pro Tag (als hochangerei- cherte Selen-Hefe) erhielten, eine erhöhte Inzidenz neu diagnosti- zierten Typ-2-Diabetes gegenüber der Placebogruppe. Die Studie wurde an einer Population mit überwiegend bereits hoher Selen- Versorgung durchgeführt; die Übertragbarkeit auf Personen mit niedriger Ausgangsversorgung ist umstritten.¹³
Selen-Verbindungen — Eigenschaften im Vergleich
Selen wird in Nahrungsergänzungsmitteln und in der wissenschaft- lichen Literatur in verschiedenen chemischen Formen verwendet. Die Formen unterscheiden sich in Pharmakokinetik, Inkorporation in Selenoproteine und Akkumulationsverhalten.³,¹²
Natriumselenit und Natriumselenat (anorganisch). Beide werden nach Aufnahme im Stoffwechsel zu Selenid reduziert und stehen damit direkt für die Synthese der spezifischen Selenoproteine (Deiodasen, Glutathionperoxidasen, Selenoprotein P) zur Verfügung. Anorganisches Selen wird nicht in den Methionin-Pool des Organismus eingebaut und akkumuliert weniger in Körperproteinen. In den klinischen Studien zur Hashimoto-Thyreoiditis wurde überwiegend Natriumselenit eingesetzt.
L-Selenomethionin (organisch). Das selenanaloge Pendant zur Aminosäure L-Methionin. Es wird über die regulären Methionin- Transporter resorbiert und wird im Organismus teilweise unspezifisch in Körperproteine eingebaut, deren Methioninstellen es ersetzt; ein anderer Anteil wird über die Trans-Sulfurierung zu Selenocystein abgebaut und in die spezifischen Selenoproteine eingebaut. Daraus resultiert eine längere biologische Halbwertzeit und ein höherer Aufbau eines Gewebespeichers gegenüber anorganischen Formen.
Selen-angereicherte Hefe (Selenhefe). Mischung verschiedener selenhaltiger Verbindungen aus Hefekulturen, die unter selenreichen Bedingungen kultiviert wurden. Hauptanteil ist meist L-Selenomethio- nin. Die genaue Zusammensetzung kann je nach Produkt variieren.
Die Beurteilung „eine Form ist generell besser als die andere" ist aus der Studienlage nicht ableitbar. Anorganisches und organisches Selen haben unterschiedliche pharmakokinetische Profile, die je nach Untersuchungsfrage als Vor- oder Nachteil interpretiert werden können. Welche Form im Einzelfall sinnvoll ist, ist Teil einer individuellen ärztlichen Beurteilung.
Selen in Lebensmitteln
Der Selen-Gehalt von Lebensmitteln variiert erheblich, vor allem abhängig von der Selen-Konzentration im Boden des Anbaugebiets. Tierische Lebensmittel zeigen aufgrund der Futter-Zufuhr in der Lebensmittelproduktion meist gleichmäßigere und höhere Selen- Gehalte als pflanzliche Lebensmittel europäischer Herkunft.¹¹
Eine Auswahl typischer Werte (Spannweiten aus der wissenschaft- lichen Literatur, in µg Selen je 100 g, frisch oder zubereitet):
- Paranüsse: 100 bis über 1500 µg/100 g, mit sehr großer Streuung je nach Herkunft; einzelne Nüsse können den UL bereits über- schreiten.
- Thunfisch, Sardinen: 50 bis 90 µg/100 g.
- Lachs, Heilbutt: 30 bis 50 µg/100 g.
- Eier: 15 bis 30 µg/100 g (rund 15 µg pro mittleres Ei).
- Rind- und Geflügelfleisch: 10 bis 25 µg/100 g.
- Linsen, Bohnen, Sonnenblumenkerne: 5 bis 15 µg/100 g, abhängig vom Anbaugebiet.
Werte aus EFSA 2014 und Stoffaneller und Morse 2015, mit Lebensmittel-Daten aus europäischen und US-amerikanischen Nährwertdatenbanken.⁹,¹¹
Paranüsse zeichnen sich durch eine außergewöhnlich hohe Selen- Konzentration aus. Aufgrund der starken Streuung ist nicht verlässlich vorhersagbar, wie viel Selen eine einzelne Nuss enthält. Bei regelmäßigem Verzehr mehrerer Paranüsse pro Tag kann die Selenzufuhr leicht den UL erreichen oder überschreiten.
Diagnostik
Der Selenstatus kann über das Serum-Selen, das Vollblut-Selen oder über Selenoprotein P im Plasma gemessen werden. EFSA leitete den AI über das Plateau von Selenoprotein P bei einem Plasma-Selen von etwa 110 µg/L ab; dieser Wert dient in wissenschaftlichen Studien als Orientierung für eine ausreichende Versorgung der Selenoenzyme.⁹ Eine einheitlich anerkannte klinische Schwellenwert-Definition „Selen-Mangel" oder „optimaler Selen-Spiegel" existiert nicht. Die Indikation, ob, wann und in welcher Form eine Bestimmung sinnvoll ist, gehört in die ärztliche Beurteilung.
Zusammenfassung
Selen ist über die Selenoenzym-Familien der Deiodasen und der Glutathionperoxidasen biochemisch eng mit der Schilddrüsenfunktion verknüpft. Die Studienlage zu Selen bei autoimmuner Thyreoiditis zeigt überwiegend eine Senkung der TPO-Antikörper unter Supple- mentation; ob daraus ein patientenrelevanter Nutzen folgt, ist nicht belegt und die neueren Daten sind heterogener als ältere Meta-Analysen suggerieren. Die EFSA hat 2014 einen Adequate Intake von 70 µg/Tag für Erwachsene und 2023 einen Tolerable Upper Intake Level von 255 µg/Tag festgelegt; die Spanne zwischen Versorgung und Risiko ist vergleichsweise schmal. Anorganische und organische Selen-Verbindungen unterscheiden sich pharmakokinetisch, eine generelle Überlegenheit einer Form ist aus der Studienlage nicht abzuleiten. Eine ärztliche Beurteilung von Versorgungslage, Indikation und Dosis bleibt der zentrale Bezugspunkt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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