Wechseljahre und Schilddrüsenunterfunktion: überlappende Symptome einordnen
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Zwischen etwa 45 und 55 verändert sich bei Frauen die Hormonproduktion der Eierstöcke und mit ihr vieles andere: Schlaf, Gewicht, Wasserhaushalt, Stimmung, Leistungsfähigkeit. Weil diese Phase zeitlich klar zuzuordnen ist, liegt für fast jede neue Beschwerde eine Erklärung nahe. Sie lautet: die Wechseljahre.
Genau hier entsteht ein blinder Fleck. Das Beschwerdebild der Wechseljahre und das einer Schilddrüsenunterfunktion überschneiden sich in weiten Teilen und beide häufen sich in derselben Lebensphase. Dieser Artikel ordnet ein, warum die Verwechslung naheliegt und was die Datenlage zu Gewicht, Wassereinlagerungen und Müdigkeit hergibt.
Was in den Wechseljahren hormonell geschieht
Die Wechseljahre sind kein Zeitpunkt, sondern ein Übergang über mehrere Jahre. Die wissenschaftliche Einteilung folgt seit 2012 den Kriterien des Stages of Reproductive Aging Workshop (STRAW+10), die den Verlauf in Stadien um die letzte Menstruationsblutung herum ordnen. Diese lässt sich erst rückblickend bestimmen, nach zwölf Monaten ohne weitere Blutung.¹ Drei Begriffe werden im Alltag vermischt:
- Perimenopause. Die Übergangsphase, die mit zunehmend unregelmäßigen Zyklen beginnt und zwölf Monate nach der letzten Blutung endet. Die Östradiol-Spiegel sind hier nicht einfach niedrig, sondern stark schwankend. Die meisten Beschwerden setzen bereits in dieser Phase ein.¹,²
- Menopause. Die letzte Menstruationsblutung selbst. In industrialisierten Ländern liegt das mediane Alter bei etwa 51 Jahren.²
- Postmenopause. Die Zeit danach. Östradiol und FSH verändern sich noch etwa zwei Jahre weiter; danach bleibt das Östradiol stabil niedrig.¹
Dass die Beschwerden mit der letzten Blutung enden, ist eine verbreitete Fehlannahme. In der Study of Women's Health Across the Nation betrug die mediane Gesamtdauer häufiger vasomotorischer Beschwerden (Hitzewallungen, Nachtschweiß) bei 1.449 betroffenen Frauen 7,4 Jahre; bei den 881 Frauen mit beobachtbarer letzter Blutung hielten sie darüber hinaus im Median noch 4,5 Jahre an. Bei frühem Beginn lag die mediane Gesamtdauer über 11,8 Jahren.³
Das typische Symptombild
Ein Teil der Beschwerden ist für die Wechseljahre kennzeichnend: Hitzewallungen und Nachtschweiß, Zyklusveränderungen bis zum Ausbleiben der Blutung sowie vaginale Trockenheit, die auf den Östrogenmangel im Urogenitaltrakt zurückgeht.²
Daneben steht eine zweite, größere Gruppe: Müdigkeit, Schlafstörungen, Gewichtszunahme und veränderte Körperform, Wassereinlagerungen, Haarausfall, trockene Haut, Kälteempfindlichkeit, Stimmungsschwankungen, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Gelenkbeschwerden.² Sie ist der problematische Teil, denn kein einziges dieser Symptome ist den Wechseljahren eigen.
Warum Wechseljahre und Schilddrüsenunterfunktion so leicht verwechselt werden
Die klinischen Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion sind in der Fachliteratur seit Langem als unspezifisch beschrieben: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteintoleranz, trockene Haut, Haarausfall, Obstipation, verlangsamtes Denken, depressive Verstimmung, Zyklusstörungen.⁴,⁵ Die Aufzählung ist mit der zweiten Symptomgruppe des vorigen Abschnitts praktisch deckungsgleich.
Die Überschneidung im Einzelnen
Bei folgenden Beschwerden lässt sich allein aus dem Symptom nicht ableiten, ob die Wechseljahre, eine Schilddrüsenunterfunktion oder beides zugrunde liegen:
- Müdigkeit und Erschöpfung. In den Wechseljahren meist schlafvermittelt, bei der Unterfunktion eher als durchgehende Antriebsminderung. Über die Anamnese gelingt die Unterscheidung nur eingeschränkt.²,⁵
- Gewichtszunahme. Bei beiden vorhanden, mit unterschiedlichem Mechanismus und unterschiedlicher Größenordnung.⁵,⁸
- Haarausfall und trockene Haut. Bei beiden beschrieben, ohne unterscheidendes Muster.²,⁵
- Kälteempfindlichkeit. Klassisch für die Unterfunktion, kommt in den Wechseljahren aber ebenfalls vor, teils im Wechsel mit Hitzewallungen.²,⁵
- Stimmungsschwankungen sowie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Für beide Zustände belegt.²,⁵
- Zyklusveränderungen. In der Perimenopause definierendes Merkmal, bei der Unterfunktion ein bekanntes Begleitzeichen. Bei einer Frau Mitte 40 ist die Zuordnung allein am Zyklus nicht möglich.¹,⁵
Beide Zustände treffen dieselbe Altersgruppe
Erschwerend überlagern sich die Häufigkeitsgipfel. Funktionsstörungen der Schilddrüse nehmen mit dem Alter zu. Wie stark die Menopause selbst auf die Schilddrüse wirkt, lässt die Studienlage laut einer Übersichtsarbeit zu beiden Themen offen.⁴ In der Colorado Thyroid Disease Prevalence Study, einer Querschnittsuntersuchung an 25.862 Teilnehmenden, lag der Anteil erhöhter TSH-Werte bei 9,5 Prozent; solche Störungen bleiben laut den Autoren häufig unentdeckt. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund: Unter denen, die bereits Schilddrüsenmedikamente einnahmen, hatten 40 Prozent einen TSH-Wert außerhalb des Referenzbereichs.⁶
Die Verwechslung läuft in beide Richtungen. Eine unerkannte Unterfunktion wird der Menopause zugeschrieben und nicht abgeklärt. Umgekehrt kann ein auffälliger Laborwert die Aufmerksamkeit binden, während die Beschwerden ihre Ursache im hormonellen Übergang haben. Ein eigener Beitrag stellt dar, wie sich die Schilddrüse in den Wechseljahren verhält. Dass Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer, ist ein eigener Faktor.
Was einzelne Symptome leisten und was nicht
Die Colorado-Erhebung stellte fest, dass Symptome bei Personen mit Unterfunktion zwar häufiger berichtet wurden, die Sensitivität einzelner Symptome jedoch niedrig war.⁶ Eine Querschnittsuntersuchung an 76 neu diagnostizierten Personen mit manifester Unterfunktion und 147 gematchten Kontrollen ergänzte einen entscheidenden Punkt: Ausschlaggebend war nicht das einzelne Symptom, sondern die Anzahl der Symptome, die sich im vergangenen Jahr verändert hatten. Bei sieben oder mehr veränderten Symptomen lag die Likelihood Ratio für eine Unterfunktion bei 8,7 (95-Prozent-Konfidenzintervall 3,8 bis 20,2), bei zwei oder weniger bei 0,5 (0,4 bis 0,7).⁷
Ein einzelnes Symptom trennt die beiden Zustände demnach nicht. Eine Häufung neu aufgetretener Beschwerden erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Unterfunktion dagegen messbar, unabhängig davon, wie gut sie sich mit den Wechseljahren erklären ließen. Die Bandbreite zeigt eine Übersicht über das Symptombild einer Schilddrüsenunterfunktion.
Gewichtszunahme in den Wechseljahren
Gewicht und Körperzusammensetzung sind nicht dasselbe
Die aussagekräftigste Untersuchung stammt aus der SWAN-Kohorte. Die Körperzusammensetzung wurde per DXA wiederholt gemessen und statistisch auf die letzte Blutung bezogen, sodass sich der Effekt des Übergangs vom Effekt des Älterwerdens trennen lässt. Mit Beginn des Übergangs verdoppelte sich die Rate der Fettzunahme und die Magermasse begann abzunehmen; beides setzte sich bis etwa zwei Jahre nach der letzten Blutung fort. Das Körpergewicht dagegen stieg über die Prämenopause hinweg linear an, ohne Beschleunigung zu Beginn des Übergangs.⁸
Die Menopause beschleunigt nachweisbar die Verschiebung von Muskel- zu Fettmasse, nicht aber die Gewichtszunahme als solche. Die veränderte Körperform bei annähernd gleicher Zahl auf der Waage ist ein echter Menopause-Effekt.
Eine vierjährige Längsschnittstudie an 156 anfangs prämenopausalen Frauen stützt das: Nur bei denen, die postmenopausal wurden, nahm das viszerale Fett signifikant zu, das subkutane Bauchfett dagegen bei allen. Die körperliche Aktivität sank bereits zwei Jahre vor der Menopause deutlich ab.⁹
Was am "Stoffwechsel ankurbeln" dran ist
Die Vorstellung, der Grundumsatz falle in den Wechseljahren ein und lasse sich durch geeignete Maßnahmen wieder anheben, hält der Datenlage nicht stand. Die bislang umfangreichste Auswertung des Energieumsatzes über die Lebensspanne stützt sich auf eine internationale Datenbank mit Messungen nach der Doubly-Labelled-Water-Methode bei Personen von 8 Tagen bis 95 Jahren. Der Gesamtenergieumsatz steigt mit der fettfreien Masse; rechnet man diese heraus, bleibt er zwischen 20 und 60 Jahren stabil und sinkt erst danach. Ein eigenständiger Einbruch um das 50. Lebensjahr findet sich in diesen Daten nicht.¹⁰
Der Umsatz sinkt in dieser Lebensphase also vor allem deshalb, weil die fettfreie Masse abnimmt, nicht weil der Stoffwechsel pro Kilogramm Muskel langsamer würde. In der Längsschnittstudie war der Rückgang des Schlaf-Energieumsatzes über vier Jahre bei den postmenopausal gewordenen Frauen mit 7,9 gegenüber 5,3 Prozent zwar 1,5-fach größer, die Fettoxidation sank um 32 Prozent.⁹ Ein messbarer, aber moderater Effekt.
Die Größe, die sich nachweislich verändert und den Umsatz trägt, ist demnach die Muskelmasse. Ein davon unabhängig beschleunigbarer Stoffwechsel hat in den vorliegenden Daten keine Entsprechung. Von der Gewichtszunahme im Zusammenhang mit der Schilddrüse unterscheidet sich das Geschehen in Größenordnung und Verlauf deutlich.
Wassereinlagerungen
Ein Spannungsgefühl in Beinen, Händen oder Bauch, das über den Tag oder den Zyklus schwankt, wird in der Perimenopause häufig berichtet. Eine Beteiligung der Sexualhormone am Wasser- und Elektrolythaushalt ist physiologisch gut belegt: Östrogen und Progesteron greifen in die Osmoregulation ein und beeinflussen die Regelkreise, die das Plasmavolumen konstant halten.¹¹ Die stark schwankenden Östradiol-Spiegel der Perimenopause¹ erklären plausibel, dass das Gefühl kommt und geht.
Zweierlei ist wichtig. Erstens ist die Wahrnehmung einer Schwellung nicht gleichbedeutend mit einer objektivierbaren Ödembildung. Zweitens tritt ein Ödem auch bei ausgeprägter Schilddrüsenunterfunktion auf, dort mit anderem Charakter.⁵ Wie sich Wassereinlagerungen bei einer Schilddrüsenunterfunktion darstellen, ist an anderer Stelle beschrieben. Neu aufgetretene, anhaltende oder einseitige Schwellungen gehören ärztlich abgeklärt, weil ihnen auch Ursachen am Herzen, an den Nieren oder an den Venen zugrunde liegen können.
Müdigkeit und Schlaf
Eine Übersichtsarbeit zu Schlafstörungen in der Menopause beziffert die Rate selbstberichteter Schlafschwierigkeiten bei Frauen in der Übergangsphase und in der Postmenopause auf 40 bis 56 Prozent, gegenüber 31 Prozent bei prämenopausalen Frauen in der späten reproduktiven Phase.¹²
Ein erheblicher Anteil der Tagesmüdigkeit ist damit über den gestörten Nachtschlaf erklärbar, häufig vermittelt über nächtliche Hitzewallungen. Diese Kausalkette ist prüfbar: Müdigkeit, die einem fragmentierten Schlaf folgt, verhält sich anders als eine Erschöpfung, die unabhängig von der Schlafqualität besteht und über Monate zunimmt. Bei Letzterer kann die Erklärung "Wechseljahre" zu kurz greifen; darauf geht der Beitrag zur Müdigkeit bei Schilddrüsenproblemen ein. Müdigkeit hat in dieser Altersgruppe zudem weitere Ursachen, von der Eisen- und Vitamin-B12-Versorgung über Schlafapnoe bis zu depressiven Störungen.²
Was abgeklärt gehört
Die Wechseljahre selbst werden klinisch eingeordnet, nicht über einen Laborwert. Nach den STRAW+10-Kriterien tragen Zyklusverlauf und Alter die Stadieneinteilung; Hormonbestimmungen sind gerade in der Perimenopause wegen der Schwankungen nur eingeschränkt aussagekräftig.¹ Eine einzelne Östradiol- oder FSH-Messung beweist hier wenig.
Die Schilddrüsenfunktion dagegen ist mit einem einfachen Test messbar. Genau diese Asymmetrie ist das Argument für die Abklärung: Die Wechseljahre bleiben eine Zusammenschau-Diagnose, während sich die wichtigste Differentialdiagnose mit einem Blutwert prüfen lässt. Die Autoren der Colorado-Erhebung folgerten, dass bei mehreren berichteten Schilddrüsensymptomen eine TSH-Bestimmung angezeigt ist.⁶ Anlass dafür besteht insbesondere, wenn Beschwerden neu und in Häufung auftreten, wenn sie über Monate zunehmen statt zu schwanken, oder wenn bereits eine Schilddrüsenerkrankung bekannt ist. Der letzte Punkt verdient Betonung: Eine bestehende Substitution schließt eine unzureichende Einstellung nicht aus.⁶ Wie ein Befund vor dem Hintergrund der Beschwerden zu interpretieren ist, gehört in die ärztliche Beurteilung.
Häufige Fragen
Kann man an den Symptomen unterscheiden, ob es die Wechseljahre oder die Schilddrüse ist?
Zuverlässig nicht. Die unspezifischen Beschwerden überschneiden sich weitgehend. Die Untersuchungen zur Aussagekraft einzelner Symptome zeigen niedrige Sensitivitäten.⁶ Was die Wahrscheinlichkeit verschiebt, ist die Anzahl neu veränderter Symptome.⁷ Die Klärung erfolgt über die Laborbestimmung.
Kann beides gleichzeitig vorliegen?
Ja. Beide Zustände häufen sich in derselben Altersgruppe und schließen sich nicht aus.⁴,⁶ Dass eine Erklärung gefunden ist, spricht nicht gegen die zweite. Das ist einer der Gründe, warum Beschwerden trotz schlüssig empfundener Zuordnung fortbestehen können.
Lässt sich der Stoffwechsel in den Wechseljahren ankurbeln?
Die Vorstellung eines abrupt einbrechenden Stoffwechsels findet in den Daten keine Entsprechung. Nach der umfangreichsten Auswertung des Energieumsatzes über die Lebensspanne bleibt der auf die fettfreie Masse bezogene Umsatz zwischen 20 und 60 Jahren stabil.¹⁰ Was sich verändert, ist die fettfreie Masse selbst.⁸ Der Umsatz folgt ihr, nicht umgekehrt.
Sollte die Schilddrüse auch dann geprüft werden, wenn bereits L-Thyroxin eingenommen wird?
Eine bestehende Therapie ist kein Beleg für eine ausreichende Einstellung. In der Colorado-Erhebung wiesen 40 Prozent der Personen unter Schilddrüsenmedikation einen TSH-Wert außerhalb des Referenzbereichs auf.⁶ Ob und wie oft kontrolliert wird, entscheidet die ärztliche Beurteilung.
Zusammenfassung
Nur ein kleiner Teil der Wechseljahresbeschwerden ist für diesen Übergang kennzeichnend. Viele halten weit über die letzte Blutung hinaus an.¹,³ Der größere Teil deckt sich mit den Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion, die in derselben Altersgruppe häufig ist.⁴,⁵,⁶ Weil einzelne Symptome die beiden Zustände nicht trennen, eine Häufung neu veränderter Beschwerden die Wahrscheinlichkeit einer Unterfunktion aber messbar erhöht, fällt die Unterscheidung im Labor.⁶,⁷ Zur Gewichtsfrage trennen die Längsschnittdaten sauber: Der Übergang beschleunigt die Zunahme der Fett- und den Verlust der Magermasse, nicht die Gewichtszunahme als solche.⁸,⁹ Und weil der auf die fettfreie Masse bezogene Energieumsatz zwischen 20 und 60 Jahren stabil bleibt, folgt der sinkende Umsatz dieser Jahre der abnehmenden Muskelmasse.¹⁰ Wo Beschwerden neu, gehäuft und zunehmend auftreten, bleibt die ärztliche Abklärung einschließlich der Schilddrüsenfunktion der belastbare Weg, auch bei laufender Therapie.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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