Körperliche Aktivität bei Hypothyreose: physiologische Einordnung, Studienlage und ärztlicher Rahmen
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Schilddrüsenhormone modulieren in nahezu allen Stoffwechselgeweben die mitochondriale Atmungskette, den Energie-Grundumsatz, die Lipogenese und Lipolyse sowie die Sensitivität der Skelettmuskulatur gegenüber adrenergen Reizen. Bei einer manifesten Hypothyreose ist die periphere Verfügbarkeit von Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) reduziert; klinisch beschrieben sind unter anderem eine verminderte körperliche Belastbarkeit, eine verlangsamte Erholungsfähigkeit, Myalgien sowie eine reduzierte sympathoadrenale Reagibilität.¹,²,³
In Patienten-Foren und populärwissenschaftlichen Quellen wird körperliche Aktivität bei Schilddrüsenunterfunktion teils als unbedingt empfehlenswert dargestellt, teils mit warnendem Unterton versehen. Dieser Artikel ordnet die verfügbare Studienlage sachlich ein, beschreibt den physiologischen Hintergrund und benennt die Stellen, an denen die Auswahl, Intensität und Dauer einer Bewegungs-Aktivität in die ärztliche oder sport-/ernährungs- medizinische Beurteilung gehört. Er enthält keine individuelle Trainings-Vorgabe.
1. Physiologischer Hintergrund
Schilddrüsenhormone wirken über nukleäre Rezeptoren (TRα, TRβ) und beeinflussen die Genexpression in Skelettmuskulatur, Herz, Leber und Fettgewebe. Periphere Deiodasen wandeln T4 in das biologisch aktive T3 um; die zelluläre T3-Verfügbarkeit steuert unter anderem die mitochondriale Energiebereitstellung, den Cholesterinstoffwechsel und die kontraktile Funktion der quergestreiften Muskulatur.² Eine manifeste Hypothyreose ist mit einer Reduktion des Grundumsatzes, einer verlangsamten Herzfrequenz, einer reduzierten maximalen Sauerstoffaufnahme (VO₂max) sowie einer eingeschränkten muskulären Kraftentwicklung und Ausdauer assoziiert.¹,³,⁴
Die körperliche Belastbarkeit kann auch bei adäquat substituierten Personen eingeschränkt bleiben. In einer systematischen Übersichtsarbeit von Lankhaar et al. (2014, Res Q Exerc Sport; 38 eingeschlossene Studien, 1 379 Personen) wurden bei manifester wie bei subklinischer Hypothyreose Hinweise auf eine multifaktorielle Belastungs-Intoleranz beschrieben (kardiovaskuläre, kardiopulmonale, muskuloskelettale, neuromuskuläre und zelluläre Komponenten); die Autorinnen und Autoren betonen zugleich den Mangel an quantitativen Interventionsstudien zu strukturiertem Training in dieser Population.⁴
2. Studienlage zu körperlicher Aktivität bei Hypothyreose
Körperliche Belastbarkeit unter Substitution
Die Mehrzahl der eingeschlossenen Studien in der Lankhaar-Übersicht befasste sich mit Belastungstests (Spiroergometrie, isokinetische Krafttests) bei manifester oder subklinischer Hypothyreose. Eine vollständige Normalisierung der Belastbarkeit unter Levothyroxin- Substitution war nicht in allen Studien dokumentiert; persistierende Einschränkungen wurden insbesondere bei subklinischer Hypothyreose und bei Personen mit längerer hypothyreoter Vorphase berichtet.⁴
Hormonelle Interaktion bei körperlicher Belastung
Mastorakos und Pavlatou (2005) beschreiben in einer Übersichtsarbeit die wechselseitige Beeinflussung der Hypothalamus-Hypophysen- Nebennierenrinden-Achse (HPA) und der Hypothalamus-Hypophysen- Schilddrüsen-Achse (HPT): Akute körperliche Belastung führt bei Gesunden zu einer Aktivierung der HPA-Achse mit Cortisol- und Katecholamin-Anstieg; chronisches Übertraining ist in Tiermodellen und klinischen Fall-Serien mit Veränderungen der Schilddrüsen- hormon-Spiegel und der Deiodase-Aktivität assoziiert.⁵ Hackney et al. (2003) berichteten bei männlichen Probanden während akuter Ausdauerbelastung Veränderungen von Cortisol, Prolaktin und peripheren Schilddrüsenhormonen, ohne dass aus diesen Daten eine Empfehlung für die Hypothyreose-Population unmittelbar ableitbar wäre.⁶ Eine Übertragung dieser Befunde aus Studien an gesunden oder leistungssportlich trainierten Probandinnen und Probanden auf substituierte Hypothyreose-Patientinnen und -Patienten ist zurückhaltend zu interpretieren.
Übertraining als klinische Entität
Das Übertrainings-Syndrom (Overtraining Syndrome, OTS) ist im sport-medizinischen Kontext etabliert. Cadegiani und Kater (2017) fassen die hormonelle Charakterisierung in einer systematischen Übersicht zusammen: berichtet werden unter anderem Veränderungen der HPA-Achse, der gonadalen Hormonachse und der Schilddrüsen-Hormonachse sowie eine reduzierte Leistung, gesteigerte Erschöpfung und verlängerte Erholungszeiten.⁷ Eine direkte Quantifizierung des OTS-Risikos in einer Hypothyreose-Population liegt nicht in robusten Daten vor; die klinische Plausibilität, dass eine bereits reduzierte Belastbarkeit eine niedrigere Schwelle für eine ungünstige Beanspruchungs-Erholungs-Bilanz erzeugt, ist aus der referierten Pathophysiologie ableitbar, aber nicht in dieser Form interventionell belegt.
Allgemeine Effekte körperlicher Aktivität
Für die allgemeine erwachsene Bevölkerung sind die positiven Wirkungen regelmässiger körperlicher Aktivität auf das kardio- vaskuläre Risikoprofil, den Glukose- und Lipidstoffwechsel, die muskuloskelettale Gesundheit und die psychische Verfassung in umfangreichen Kohorten- und Interventionsstudien dokumentiert (Warburton et al. 2006; American College of Sports Medicine, Garber et al. 2011).⁸,⁹ Diese Wirkungen sind nicht hypothyreose-spezifisch und werden in den einschlägigen Leitlinien als Bestandteil einer allgemeinen Lebensstil-Empfehlung formuliert.
3. Bewegung im Rahmen einer ärztlich eingestellten Therapie
Die Standardtherapie der manifesten Hypothyreose ist die orale Substitution mit Levothyroxin. Dosis-Einleitung, Titration, Kontroll-Intervalle und Zielbereich der biochemischen Parameter sind in den Leitlinien der American Thyroid Association (Jonklaas et al. 2014), der American Association of Clinical Endocrinologists (Garber et al. 2012) und im NICE-Guideline NG145 beschrieben; körperliche Aktivität wird in diesen Leitlinien nicht als eigene Therapie-Komponente, wohl aber als Bestandteil der allgemeinen Lebensführung adressiert.¹⁰,¹¹,¹²
Für eine Person mit gesicherter manifester Hypothyreose folgt aus den oben referierten Daten:
- Eine pauschale Aussage „Bewegung ist bei Schilddrüsenunterfunktion besonders wichtig" überträgt epidemiologische Befunde aus der Allgemeinbevölkerung undifferenziert auf eine erkrankte Population. Sachgerecht ist eine individualisierte Beurteilung der körperlichen Belastbarkeit nach Anamnese, biochemischer Schilddrüsen-Einstellung, kardiovaskulärer Belastbarkeit und Begleiterkrankungen.
- Auswahl, Intensität, Dauer und Häufigkeit einer Bewegungs-Aktivität gehören in die ärztliche oder sport-/ernährungsmedizinische Mit-Betreuung. Konkrete Trainings-Vorgaben sind nicht Aufgabe eines allgemeinen Aufklärungs-Beitrags.
- Bei ausgeprägten hypothyreoten Symptomen, bei kardiovaskulären Begleiterkrankungen, bei einer noch nicht stabil eingestellten Substitution oder bei einer akuten Infektion ist eine Belastbarkeits-Beurteilung durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt vor Aufnahme einer strukturierten Bewegungs-Aktivität angezeigt.
- In der subklinischen Hypothyreose ist die Datenlage zur Belastbarkeit uneinheitlich (Lankhaar 2014).⁴ Eine pauschale Belastungs-Empfehlung ist daraus nicht ableitbar; massgeblich ist die individuelle klinische und biochemische Konstellation.
4. Häufige Vorstellungen, sachlich eingeordnet
„Bewegung verbessert direkt die Schilddrüsenfunktion."
Eine direkte Wirkung regelmässiger Bewegung auf die endogene Schilddrüsenhormon-Produktion bei manifest hypothyreoten Personen ist in der verfügbaren Literatur nicht belastbar dokumentiert. Beschrieben sind Veränderungen peripherer Schilddrüsenhormon-Spiegel unter akuter Belastung und unter chronischem Übertraining (Hackney 2003; Mastorakos 2005); diese sind nicht ohne weiteres als „Verbesserung" oder „Verschlechterung" der Funktion zu deuten und lassen sich nicht in eine Therapie-Empfehlung übersetzen.⁵,⁶
„Bei Hypothyreose ist intensiver Sport gefährlich."
Eine generelle Kontraindikation gegen intensive körperliche Belastung bei Hypothyreose ist aus den verfügbaren Daten nicht abzuleiten. Die individuelle Belastbarkeit hängt von der biochemischen Einstellung, der kardiovaskulären Konstitution und Begleitfaktoren ab; bei nicht stabil eingestellter Substitution oder bei kardiovaskulären Begleiterkrankungen ist eine ärztliche Belastbarkeits-Beurteilung sinnvoll. Eine pauschale Vermeidungs- Empfehlung wäre nicht evidenzbasiert.
„Übertraining wirkt sich bei Hypothyreose besonders ungünstig aus."
Die hormonellen Veränderungen des Übertrainings-Syndroms (Cadegiani & Kater 2017) betreffen unter anderem die HPA- und die HPT-Achse.⁷ Die klinische Plausibilität, dass eine bereits reduzierte Belastbarkeit eine niedrigere Schwelle für eine ungünstige Beanspruchungs-Erholungs-Bilanz erzeugt, ist gegeben; robuste Interventionsdaten speziell zur Hypothyreose-Population liegen jedoch nicht vor.
„Mit Sport nehme ich die Gewichtszunahme der Hypothyreose weg."
Eine moderate Gewichtszunahme gehört zu den möglichen Befunden einer manifesten Hypothyreose.¹³ Der unter Substitution erreichbare Gewichtsverlust fällt in der Studienlage moderat aus und entfällt zu einem Teil auf die Rückbildung myxödembedingter Flüssigkeitseinlagerungen.¹³ Für das langfristige Gewichts- management gelten dieselben ernährungs- und bewegungsmedizinischen Grundsätze wie ausserhalb einer Schilddrüsenerkrankung; eine Quantifizierung des Beitrags körperlicher Aktivität ist nur individuell möglich.
5. Zusammenfassung
Schilddrüsenhormone regulieren zentrale Stoffwechselwege und die körperliche Belastbarkeit. Bei manifester und in Teilen auch bei subklinischer Hypothyreose ist die Belastbarkeit reduziert; eine vollständige Normalisierung unter Substitution ist nicht in allen Fällen dokumentiert. Robuste Interventionsstudien zu strukturierten Trainings-Programmen in der Hypothyreose-Population sind rar. Die allgemeinen, evidenzbasierten positiven Wirkungen regelmässiger körperlicher Aktivität auf das kardiovaskuläre Risikoprofil und die muskuloskelettale Gesundheit gelten unabhängig vom Vorliegen einer Schilddrüsenerkrankung. Auswahl, Intensität und Frequenz einer Bewegungs-Aktivität bei einer Person mit Hypothyreose gehören in die ärztliche oder sport-/ernährungsmedizinische Mit-Betreuung; ein allgemeiner Wissens-Beitrag kann hier weder eine individuelle Trainings-Vorgabe ersetzen noch eine pauschale Belastungs- oder Vermeidungs-Empfehlung begründen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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- Mullur R, Liu YY, Brent GA. Thyroid hormone regulation of metabolism. Physiol Rev. 2014;94(2):355-382. DOI: 10.1152/physrev.00030.2013. PMID: 24692351.
- Brennan MD, Powell C, Kaufman KR, Sun PC, Bahn RS, Nair KS. The impact of overt and subclinical hyperthyroidism on skeletal muscle. Thyroid. 2006;16(4):375-380. DOI: 10.1089/thy.2006.16.375. PMID: 16646684.
- Lankhaar JAC, de Vries WR, Jansen JACG, Zelissen PMJ, Backx FJG. Impact of Overt and Subclinical Hypothyroidism on Exercise Tolerance: A Systematic Review. Res Q Exerc Sport. 2014;85(3):365-389. DOI: 10.1080/02701367.2014.930405. PMID: 25141089.
- Mastorakos G, Pavlatou M. Exercise as a stress model and the interplay between the hypothalamus-pituitary-adrenal and the hypothalamus-pituitary-thyroid axes. Horm Metab Res. 2005;37(9):577-584. DOI: 10.1055/s-2005-870426. PMID: 16175498.
- Hackney AC, Kallman A, Hosick KP, Rubin DA, Battaglini CL. Thyroid hormonal responses to intensive interval versus steady-state endurance exercise sessions. Hormones (Athens). 2012;11(1):54-60. DOI: 10.1007/BF03401537. PMID: 22450344.
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- Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
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- Sanyal D, Raychaudhuri M. Hypothyroidism and obesity: An intriguing link. Indian J Endocrinol Metab. 2016;20(4):554-557. DOI: 10.4103/2230-8210.183454. PMID: 27366725.


