Leberwerte verstehen — ALT, AST, GGT und mehr

Leberwerte verstehen — ALT, AST, GGT und mehr

„Leberwerte" sind eine Sammelbezeichnung für mehrere Laborparameter, die unterschiedliche Aspekte der hepatischen Funktion und Schädigung beleuchten. Sie gehören zu den am häufigsten bestimmten Laborparametern in der Routinediagnostik. Die Aussagekraft eines einzelnen Werts ist begrenzt; klinisch relevant ist regelmäßig das Muster mehrerer Parameter im Zusammenhang mit Anamnese, Symptomatik und gegebenenfalls Bildgebung.

Dieser Artikel beschreibt, was die gängigen Parameter messen, welche Konstellationen welche Hinweise geben und in welcher Logik die aktuellen Leitlinien der European Association for the Study of the Liver (EASL-EASD-EASO 2024) und des American College of Gastroenterology (ACG) deren Auswertung vorsehen. Konkrete Referenzbereiche werden nicht angegeben; diese sind laborabhängig und stehen auf dem jeweiligen Befund. Eine ärztliche Beurteilung des Einzelfalls ersetzt dieser Artikel nicht.

1. Begriff und Einordnung

Die Bezeichnung „Leberfunktionstest" ist im engeren Sinn irreführend. Die gängig bestimmten Enzymparameter — Alanin- Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase, gamma-Glutamyl- Transferase und alkalische Phosphatase — messen keine Leberfunktion, sondern zeigen eine Hepatozyten-Schädigung beziehungsweise eine cholestatische Belastung an. Die eigentliche Syntheseleistung der Leber lässt sich an Albumin und Gerinnungsparametern ablesen.¹,²

In der diagnostischen Auswertung werden die Parameter regelmäßig in drei funktionellen Gruppen zusammengefasst:¹

  • Marker der Hepatozyten-Schädigung: ALT und AST.
  • Marker der Cholestase: alkalische Phosphatase und GGT, ergänzt um Bilirubin.
  • Marker der Synthesefunktion: Albumin und Gerinnungsparameter (Quick-Wert beziehungsweise Prothrombinzeit, INR).

2. Die einzelnen Parameter

2.1 Alanin-Aminotransferase (ALT, früher GPT)

ALT ist ein Enzym des Aminosäurestoffwechsels, das überwiegend in den Hepatozyten lokalisiert ist. Wegen dieser hohen Lebergewebs-Konzentration gilt ALT als der spezifischere der beiden Aminotransferase-Marker für eine hepatozelluläre Schädigung.¹,²

Eine ALT-Erhöhung gilt grundsätzlich als Hinweis auf eine Hepatozyten-Schädigung. Häufige Ursachen sind eine metabolisch- assoziierte Steatose-Lebererkrankung (Metabolic Dysfunction- Associated Steatotic Liver Disease, MASLD; historisch nichtalkoholische Fettlebererkrankung, NAFLD), Virushepatitiden, medikamenten- oder substanzinduzierte Leberschäden, autoimmune Hepatitiden und Stoffwechselerkrankungen (Hämochromatose, Morbus Wilson, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel).¹,³,⁴ Ein Normalbefund schließt eine relevante Lebererkrankung allerdings nicht aus.

2.2 Aspartat-Aminotransferase (AST, früher GOT)

AST kommt nicht nur in Hepatozyten, sondern auch in Herz- und Skelettmuskulatur, Niere und Erythrozyten vor. Eine isolierte AST-Erhöhung ist daher nicht leberspezifisch und kann auch durch Muskeltrauma, intensive körperliche Belastung, Hämolyse oder kardiale Ereignisse bedingt sein.¹,²

Das Verhältnis AST zu ALT (De-Ritis-Quotient) ist in der klinischen Praxis ein häufig genutzter Hinweis auf das zugrunde liegende Geschehen. Ein deutlich über eins liegender Quotient — klassisch bei einem Wert über zwei — wird in der Literatur als Hinweis auf eine alkoholbedingte Lebererkrankung beschrieben, ein Quotient unter eins eher im Zusammenhang mit einer Fettleber. Die Interpretation des Quotienten ist nicht ohne den Absolutwert sinnvoll.²

2.3 gamma-Glutamyl-Transferase (GGT)

GGT ist ein membrangebundenes Enzym, das in den Gallengangs- epithelien und in Hepatozyten exprimiert wird. Es ist ein empfindlicher, aber wenig spezifischer Marker einer hepatobiliären Belastung. Erhöhungen finden sich bei cholestatischen Prozessen, bei chronischem Alkoholkonsum, bei Enzyminduktion durch zahlreiche Medikamente (zum Beispiel Antiepileptika), bei Fettleber sowie im Zusammenhang mit metabolischem Syndrom und Diabetes mellitus.¹,²

In der differenzialdiagnostischen Auswertung einer erhöhten alkalischen Phosphatase hat die GGT eine ergänzende Funktion: Eine gleichzeitig erhöhte GGT spricht für eine hepatobiliäre Genese der AP-Erhöhung, während eine normale GGT eher auf eine ossäre oder andere extrahepatische Quelle hinweist.¹

2.4 Alkalische Phosphatase (AP, ALP)

Die alkalische Phosphatase ist eine Enzymfamilie, die in mehreren Geweben vorkommt — vor allem in Leber, Knochen, Darm und Plazenta. Bei hepatischer Genese sitzt die AP an der Membran der Gallengangsepithelien.¹

Eine AP-Erhöhung wird häufig im Rahmen cholestatischer Prozesse beobachtet (Gallenwegsverschluss, primär biliäre Cholangitis, primär sklerosierende Cholangitis, medikamenteninduzierte Cholestase, infiltrative Erkrankungen). Nicht-hepatische Ursachen einer AP-Erhöhung umfassen insbesondere Knochenstoffwechsel- Erkrankungen, physiologisches Wachstum bei Kindern und Jugendlichen sowie eine Schwangerschaft (Plazenta-Isoenzym).¹,²

2.5 Bilirubin

Bilirubin entsteht beim Abbau des Hämoglobins. Die Leber nimmt das unkonjugierte (indirekte) Bilirubin auf, konjugiert es und exkretiert das wasserlösliche konjugierte (direkte) Bilirubin über die Galle. Eine relevante Hyperbilirubinämie wird klinisch als Gelbsucht (Ikterus) sichtbar.¹

Bei der Einordnung wird zwischen indirektem und direktem Bilirubin unterschieden. Eine überwiegende Erhöhung des indirekten Bilirubins findet sich bei Hämolyse, ineffektiver Erythropoese sowie beim Gilbert-Meulengracht-Syndrom (in mitteleuropäischen Populationen bei einem nicht unerheblichen Bevölkerungsanteil als gutartige Stoffwechselvariante zu finden).² Eine überwiegende Erhöhung des direkten Bilirubins weist auf eine Störung der biliären Ausscheidung hin, sei es hepatozellulär (Hepatitis, Cholestase) oder posthepatisch (Gallenwegsobstruktion).

2.6 Albumin

Albumin ist das mengenmäßig dominierende Plasmaprotein und wird ausschließlich in der Leber synthetisiert. Es trägt zur Aufrechterhaltung des kolloidosmotischen Drucks bei und dient als Transportprotein für endogene Substanzen, Hormone und zahlreiche Medikamente.²

Wegen der vergleichsweise langen Halbwertszeit reagiert Albumin nicht auf akute Leberschäden. Ein erniedrigtes Albumin ist daher typischerweise ein Marker einer chronischen Synthesestörung — etwa bei fortgeschrittener Zirrhose —, kann aber auch durch Mangelernährung, enteralen oder renalen Eiweißverlust und chronisch-entzündliche Prozesse bedingt sein. Die Aussagekraft besteht nur in Kombination mit den übrigen Befunden.²

2.7 Gerinnungsparameter (Quick, INR)

Die meisten plasmatischen Gerinnungsfaktoren werden in der Leber synthetisiert; Faktor VII besitzt die kürzeste Halbwertszeit und reagiert daher rasch auf eine eingeschränkte Syntheseleistung.⁵ Quick-Wert (Prothrombinzeit) und INR sind die etablierten globalen Tests dieser Synthesefunktion.

Eine Verlängerung der Prothrombinzeit beziehungsweise eine INR-Erhöhung ohne anderweitige Erklärung kann auf eine relevante hepatische Synthesestörung hinweisen — beispielsweise im Rahmen eines akuten Leberversagens oder einer dekompensierten Zirrhose. Da die Gerinnungsparameter erst bei deutlich eingeschränkter Leberleistung auffällig werden, gehören sie zu den späten Markern. Vitamin-K-Mangel und Vitamin-K-Antagonisten (zum Beispiel Phenprocoumon, Warfarin) verändern die Parameter ebenfalls und müssen in der Beurteilung berücksichtigt werden.⁵

3. Referenzbereiche

Konkrete Referenzbereiche für ALT, AST, GGT, AP, Bilirubin, Albumin und die Gerinnungsparameter werden in diesem Artikel nicht angegeben. Sie sind laborabhängig und variieren nach Messmethode, Geschlechts- und Altersstratifizierung sowie nach der gewählten Referenzpopulation. Der für die Beurteilung gültige Referenzbereich steht auf dem individuellen Laborbefund.

In der klinischen Diagnostik wird zudem unterschieden, ob ein Wert oberhalb des Referenzbereichs noch im Bereich einer „geringen" Abweichung liegt oder ein Vielfaches der oberen Normgrenze erreicht. Die EASL-EASD-EASO-Leitlinie 2024 und die ACG-Leitlinie 2017 empfehlen ein gestuftes Vorgehen, das die Höhe der Erhöhung, das Muster mehrerer Parameter, die zeitliche Entwicklung, das Risikoprofil und die klinische Symptomatik berücksichtigt.³,⁴

4. Muster der Erhöhung

Eine isolierte Betrachtung einzelner Werte ist diagnostisch wenig aussagekräftig. Sinnvoll ist die Auswertung des Musters mehrerer Parameter im Zusammenhang:¹,³,⁴

  • Hepatozelluläres Muster: vorwiegend Erhöhung von ALT und AST, während alkalische Phosphatase und GGT normal oder nur gering erhöht sind. Findet sich typischerweise bei Hepatitiden (viral, autoimmun, medikamenteninduziert) und in fortgeschrittenen Phasen einer MASLD.
  • Cholestatisches Muster: vorwiegend Erhöhung von alkalischer Phosphatase und GGT, häufig begleitet von einer Erhöhung des direkten Bilirubins. Kommt bei Erkrankungen der Gallenwege (Steinleiden, primär biliäre Cholangitis, primär sklerosierende Cholangitis) und bei medikamenteninduzierter Cholestase vor.
  • Gemischtes Muster: parallele relevante Erhöhung beider Gruppen.
  • Isolierte Hyperbilirubinämie: Bilirubin erhöht, übrige Parameter normal. In der Differenzialdiagnose stehen das Gilbert- Meulengracht-Syndrom und hämolytische Prozesse.

Bei medikamenten- und substanzinduzierter Leberschädigung (Drug-Induced Liver Injury, DILI) wird das Muster nach den CIOMS-Konsenskriterien quantifiziert. Verwendet wird der sogenannte R-Wert, der das Verhältnis der ALT-Erhöhung (in Vielfachen der oberen Normgrenze) zur AP-Erhöhung (in Vielfachen der oberen Normgrenze) abbildet. Werte ab fünf werden dem hepatozellulären Muster zugeordnet, Werte bis zwei dem cholestatischen, Werte dazwischen einem gemischten Muster. Der R-Wert wurde 1990 vom internationalen Expertengremium publiziert und 2011 im Rahmen der Konsensus-Definition zur Falldefinition der DILI erneut aufgegriffen.⁶,⁷

5. Leber und Schilddrüse

Zwischen Schilddrüsenfunktion und Leberlabor besteht eine wechselseitige Beziehung. In einer monozentrischen Auswertung (Pagadala et al. 2012, Dig Dis Sci) wurde bei 4 648 erwachsenen Patientinnen und Patienten eine signifikant höhere NAFLD-Prävalenz unter Hypothyreose beobachtet (30,2 % gegenüber 19,5 % bei Personen ohne Hypothyreose, p < 0,001).⁸ Die Studie ist ein retrospektives Querschnittsdesign; ein kausaler Zusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten. Eine Übersichtsarbeit von Eshraghian und Hamidian Jahromi (2014) referiert konsistent Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Hypothyreose und NAFLD, aber auch divergente Ergebnisse.⁹

Umgekehrt findet die periphere Konversion des Schilddrüsenhormons T4 zum biologisch aktiven T3 in mehreren Geweben statt — neben der Schilddrüse selbst vor allem in Leber und Niere. Eine hepatische Funktionsstörung kann den Schilddrüsenstoffwechsel beeinflussen.

6. Wann eine ärztliche Abklärung dringlicher ist

Die ärztliche Vorstellung wegen eines auffälligen Leberlabors ist grundsätzlich bei jeder bestätigten Erhöhung indiziert. Die Leitlinien (EASL-EASD-EASO 2024; ACG/Kwo 2017) beschreiben Konstellationen, in denen eine zeitnahe Abklärung besonders vorgesehen ist:³,⁴

  • ausgeprägte Erhöhung der Aminotransferasen über das Mehrfache der oberen Normgrenze, insbesondere bei akut neu aufgetretenem Befund.
  • begleitende klinische Zeichen einer Lebererkrankung (Ikterus, anhaltende Müdigkeit, anhaltender rechtsseitiger Oberbauch- Schmerz, Aszites, Hautjucken).
  • begleitende kardiometabolische Risikofaktoren oder Diabetes mellitus.
  • bekannte Risikofaktoren für eine Virushepatitis.
  • unklare Ursache der Erhöhung trotz initialer Basisdiagnostik.

In der initialen Stufendiagnostik werden — abhängig vom Risikoprofil und vom Muster der Werte — Anamnese (insbesondere Alkohol- und Medikamentenanamnese, Anamnese von Nahrungsergänzungs-Präparaten), körperliche Untersuchung, erweiterte Labordiagnostik (Hepatitis-B/C-Serologie, Eisen- stoffwechsel, gegebenenfalls Autoantikörper, Coeruloplasmin, Alpha-1-Antitrypsin), Risikostratifizierung der Fibrose mit dem Fibrosis-4-Index sowie Sonographie eingesetzt; je nach Konstellation folgen ergänzende Verfahren wie transiente Elastographie.³,⁴ Indikation und Interpretation gehören in die ärztliche Versorgung.

7. Zusammenfassung

ALT, AST, GGT, AP, Bilirubin, Albumin und die Gerinnungsparameter beleuchten unterschiedliche Aspekte der hepatischen Funktion und Schädigung. ALT gilt als der spezifischere Marker einer Hepatozyten-Schädigung; AST ist nicht leberspezifisch. GGT und AP sind cholestatisch sensible Parameter, die häufig gemeinsam beurteilt werden; das Verhältnis hilft, hepatische von extrahepatischen Quellen der AP-Erhöhung abzugrenzen. Bilirubin, Albumin und Gerinnungsparameter geben Hinweise auf die Ausscheidungs- und Syntheseleistung der Leber.

Klinisch entscheidend ist nicht ein einzelner Wert, sondern das Muster mehrerer Parameter, ihre Höhe relativ zur oberen Normgrenze, der zeitliche Verlauf und die Einordnung in Anamnese und Symptomatik. Konkrete Referenzbereiche sind laborabhängig und stehen auf dem jeweiligen Befund; sie eignen sich nicht zur Selbstinterpretation. Die diagnostische Auswertung folgt leitliniengestützt einem gestuften Vorgehen und gehört in die ärztliche Versorgung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

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  2. Giannini EG, Testa R, Savarino V. Liver enzyme alteration: a guide for clinicians. CMAJ. 2005;172(3):367-379. DOI: 10.1503/cmaj.1040752.
  3. European Association for the Study of the Liver (EASL), European Association for the Study of Diabetes (EASD), European Association for the Study of Obesity (EASO). EASL-EASD-EASO Clinical Practice Guidelines on the management of metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease (MASLD). J Hepatol. 2024;81(3):492-542. DOI: 10.1016/j.jhep.2024.04.031.
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