T4-T3-Konversion: Biochemie der Deiodasen, Modulatoren und Diagnostik im Ueberblick
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Die Schilddruese produziert ueberwiegend das Prohormon Thyroxin (T4). Die biologische Wirkung des Schilddruesenhormonsignals entfaltet sich zum groessten Teil ueber das Trijodthyronin (T3), das peripher aus T4 gebildet wird. Diese periphere Aktivierung uebernimmt die Familie der Iodothyronin-Deiodasen.
Der vorliegende Artikel beschreibt die Biochemie der Deiodase- Familie, die Verteilung der Isoformen, Modulatoren ihrer Aktivitaet und den diagnostischen Stellenwert peripherer Schilddruesenparameter. Die laborchemische Einordnung der Schilddruesenfunktion (TSH, fT4, fT3, Befundmuster) ist Gegenstand eines eigenstaendigen Wissens- Artikels; die Frage einer eingeschraenkten peripheren Konversion unter Levothyroxin-Substitution wird im ebenfalls eigenstaendigen Artikel zur peripheren Konversionsdiskussion behandelt.
1. T4 als Prohormon
Etwa 90 Prozent der von der Schilddruese sezernierten Schilddruesen- hormone entfallen auf Thyroxin (T4); rund 10 bis 20 Prozent des zirkulierenden T3 stammen direkt aus der Schilddruese, der ueberwiegende Anteil entsteht extrathyroidal durch Konversion aus T4 (Bianco, Salvatore, Gereben, Berry, Larsen 2002; Larsen, Berry 1995).¹,²
T4 hat am nukleaeren Schilddruesenhormonrezeptor eine deutlich geringere Bindungsaffinitaet als T3 und wird daher als Prohormon beschrieben. Die nukleaere Rezeptoraffinitaet von T3 ist in der endokrinologischen Literatur ungefaehr eine Groessenordnung hoeher angegeben als die von T4; daraus ergibt sich die zentrale Rolle der peripheren Konversion fuer die effektive Hormonwirkung in den Geweben.¹,³ Die Plasmahalbwertszeit von T4 liegt bei rund sieben Tagen und ist damit deutlich laenger als die von T3 (rund ein Tag).¹
2. Iodothyronin-Deiodasen — Familie und Funktion
Die Iodothyronin-Deiodasen umfassen drei Isoformen (DIO1, DIO2, DIO3). Alle drei sind Selenoenzyme; in ihrem aktiven Zentrum sitzt die 21. proteinogene Aminosaeure Selenocystein.¹,⁴,⁵
2.1 DIO1
DIO1 wird vor allem in Leber, Niere und Schilddruese exprimiert. Sie katalysiert sowohl die aeussere als auch die innere Ringdeiodierung und traegt zur Bereitstellung von T3 in den Plasmaraum sowie zur Clearance von reversem T3 (rT3) bei.¹,⁴ Die DIO1-Aktivitaet ist bei Hyperthyreose hochreguliert und bei Hypothyreose vermindert; sie wird damit als T3-zufluss-relevantes Enzym fuer die systemische Plasmakonzentration verstanden.¹,²
2.2 DIO2
DIO2 wirkt vor allem im zentralen Nervensystem, in der Hypophyse, im Skelettmuskel und im braunen Fettgewebe. Sie katalysiert ausschliesslich die aeussere Ringdeiodierung und ist in vielen Geweben der wichtigste Lieferant intrazellulaeren T3, das nicht aus der Zirkulation aufgenommen, sondern lokal gebildet wird.¹,⁴ DIO2 ist in vielen Zelltypen kompensatorisch reguliert: bei sinkenden T4-Spiegeln wird die Enzymaktivitaet hochreguliert, sodass das intrazellulaere T3-Angebot relativ stabil bleibt.¹
2.3 DIO3
DIO3 katalysiert ausschliesslich die innere Ringdeiodierung und inaktiviert T4 zu rT3 sowie T3 zu T2 (3,3'-Diiodthyronin). Sie ist insbesondere in fetalem Gewebe und bei akuter Krankheit hochreguliert und gilt als wichtigster Inaktivierungsweg fuer Schilddruesenhormone in der Peripherie.¹,⁴
2.4 Bedeutung des Selenocysteins im aktiven Zentrum
Die katalytische Aktivitaet der Deiodasen erfordert Selenocystein im aktiven Zentrum (Koehrle 2015; Larsen, Berry 1995).²,³ Aus dieser strukturellen Einbindung des Selens in das Enzym laesst sich keine Verzehrempfehlung ableiten; im EU-Register zugelassen ist fuer Selen lediglich der Health Claim "traegt zu einer normalen Schilddruesen- funktion bei" (Anhang VO 432/2012, ID 1750). Eine ueber diesen Claim hinausgehende Aussage zur Konversionsverbesserung durch Selen, Zink, NAC oder vergleichbare Naehrstoffe ist im NEM-Kontext nicht durch zugelassene Health Claims gedeckt. Versorgungs- und Studienfragen zu Selen und zur Schilddruese sind im eigenstaendigen Selen-Artikel der Wissensdatenbank dargestellt.
3. Periphere Verteilung der Deiodase-Aktivitaet
Die Expression der Isoformen ist gewebespezifisch und in Tracer- und Expressionsstudien beschrieben. Eine eindeutige Aufteilung der peripheren T3-Produktion in feste Prozent-Anteile pro Organ ist auf Basis der vorliegenden Literatur nicht etabliert; verbreitete populaer-medizinische Aufzaehlungen einzelner Organbeitraege beruhen auf Modellannahmen und sind methodisch nicht belastbar (Bianco, Salvatore, Gereben, Berry, Larsen 2002).¹
Qualitativ laesst sich die Expression wie folgt beschreiben:
- Leber, Niere und Schilddruese: vor allem DIO1-Aktivitaet.¹,⁴
- Zentrales Nervensystem, Hypophyse, Skelettmuskel und braunes Fettgewebe: vor allem DIO2-Aktivitaet, mit Bedeutung fuer die lokale, intrazellulaere T3-Versorgung.¹,⁴
- Plazenta, fetales Gewebe, Haut und in akuten Krankheits- konstellationen verschiedene Gewebe: relevante DIO3-Aktivitaet.¹,⁴
Diese qualitative Verteilung erklaert, warum sich der periphere T3-Status in unterschiedlichen Geweben nicht zwingend gleichfoermig verhaelt: Gewebe mit hoher DIO2-Aktivitaet (etwa Hypophyse, zentrales Nervensystem) koennen ihren intrazellulaeren T3-Bedarf weitgehend lokal regulieren.¹,⁴ Diese Eigenheit ist Gegenstand der Diskussion um die Aussagekraft des TSH-Werts als alleiniger Surrogatparameter fuer den gewebsspezifischen Schilddruesenstatus (vgl. ETA- und ATA- Leitlinien sowie den Artikel zur peripheren Konversion im Therapiekontext).
4. Reverses T3 (rT3) und Inaktivierungsweg
Aus T4 kann durch Abspaltung eines Jodatoms an der inneren Tyrosylringposition reverses T3 (3,3',5'-Triiodthyronin, rT3) entstehen, eine biologisch inaktive Form (Bianco, Salvatore, Gereben, Berry, Larsen 2002).¹
Die Verschiebung der Deiodase-Aktivitaeten zugunsten von DIO3 mit gleichzeitig reduzierter DIO1-/DIO2-Aktivitaet ist als Bestandteil des "Non-Thyroidal Illness Syndrome" (NTIS) bei schweren Erkrankungen, Hungerzustaenden und ausgepraegtem Stress beschrieben (de Vries, Fliers, Boelen 2015).⁶ Klinisch zeigt sich ein erniedrigtes fT3 bei normalem oder erniedrigtem fT4 und variablem TSH. Das Muster ist nicht Ausdruck einer thyreoidalen Erkrankung, sondern einer extrathyroidalen Anpassung an die Grunderkrankung; eine routinemaessige Substitution mit Schilddruesenhormonen wird in dieser Konstellation nicht empfohlen.⁶
Die klinische Wertigkeit isolierter rT3-Messungen ausserhalb dieses Kontexts ist umstritten; rT3 ist in den ATA- und ETA-Leitlinien nicht als Routine-Parameter etabliert.⁶,⁷
5. Modulatoren der peripheren Konversion
In der wissenschaftlichen Literatur sind mehrere Faktoren beschrieben, die das Verhalten der Deiodasen modulieren. Sie sind als mechanistische Befunde aus tierexperimenteller, zellbiologischer und beobachtender klinischer Forschung berichtet; eine therapeutische Konsequenz im Sinne einer Verzehrempfehlung fuer einzelne Naehrstoffe laesst sich daraus nicht zureichend ableiten.
- Schwere akute oder chronische Erkrankungen: reduzierte DIO1-/ DIO2-Aktivitaet, gewebsspezifisch hochregulierte DIO3-Aktivitaet ("NTIS").⁶
- Lebererkrankungen (Fettleber, Hepatitis, Zirrhose): Veraenderung der hepatischen DIO1-Aktivitaet als Folge der gestoerten Leber- funktion (Sinha, Singh, Yen 2014).⁸ Diese Befunde sind patho-physiologische Befunde der Leber-Erkrankung; sie tragen keine Naehrstoff-Empfehlung.
- Kalorienrestriktion und Hungerzustaende: Reduktion des zirkulierenden T3, das in der Forschung als Adaptationsmechanismus interpretiert wird.¹
- Akute Glukokortikoidwirkung und einzelne Pharmaka (u. a. Amiodaron, Propylthiouracil, hochdosierte Salicylate): in der Literatur beschriebene Effekte auf die Deiodase-Aktivitaet (Bianco, Salvatore, Gereben, Berry, Larsen 2002).¹
- Selenversorgung als strukturelle Voraussetzung der Selenoenzym- Aktivitaet; siehe oben, Abschnitt 2.4.²,³
6. Genetische Varianten der Deiodasen
Eine in der Schilddruesenforschung haeufig untersuchte Variante ist der Thr92Ala-Polymorphismus (rs225014) im DIO2-Gen. Panicker und Kollegen untersuchten in der Weston Area T4 T3 Study (WATTS) an 552 Personen unter Levothyroxin-Substitution einen moeglichen Zusammenhang zwischen diesem Polymorphismus und psychologischem Wohlbefinden unter T4-Monotherapie sowie unter einer T4/T3- Kombinationstherapie. Traegerinnen und Traeger des selteneren homozygoten CC-Genotyps (etwa 16 Prozent in der untersuchten WATTS-Kohorte; in Allgemeinbevoelkerungs-Erhebungen wird die Haeufigkeit homozygoter Traeger zwischen rund 12 und 15 Prozent angegeben) zeigten in der GHQ-12-Auswertung eine staerkere Verbesserung unter Kombinationstherapie.⁹
Die Befunde sind in der Folge nicht durchgaengig repliziert worden, und die ATA-Leitlinie 2014 stuft eine Genotypisierung als nicht ausreichend belegt fuer den klinischen Routineeinsatz ein.⁷ Eine Genotypisierung in der Hypothyreose-Versorgung ist nicht Bestandteil der gegenwaertigen Leitlinienempfehlungen.
7. Diagnostischer Stellenwert peripherer Schilddruesenparameter
In der laborchemischen Routinediagnostik der Schilddruesenfunktion werden TSH und freies T4 bestimmt; freies T3 wird im Screening nicht regelhaft mitbestimmt, kann in der individuellen Abklaerung (beispielsweise bei persistenten Beschwerden unter Levothyroxin) sinnvoll sein und ist Gegenstand der aerztlichen Beurteilung.⁷ Eine detaillierte Darstellung der Befundmuster (TSH, fT4, fT3) findet sich im eigenstaendigen Artikel zu Laborparametern der Schilddruese.
Das fT3/fT4-Verhaeltnis wird in der Forschung als Parameter zur Beschreibung der peripheren Konversionsleistung verwendet (Hoermann, Midgley, Larisch, Dietrich 2015).¹⁰ Ein allgemein akzeptierter klinischer Schwellenwert, ab dem eine "Konversionsstoerung" diagnostiziert wuerde, existiert in den ATA- und ETA-Leitlinien nicht; populaere Cutoff-Angaben (etwa "fT3/fT4 < 0,25") sind nicht leitlinienkonform und werden ausserhalb spezialisierter Forschungs- auswertungen nicht als Diagnosekriterium herangezogen. Die Bestimmung von rT3 ist in der Routine nicht etabliert (siehe Abschnitt 4).
Tageszeitliche Schwankungen, Einnahmeintervall der Levothyroxin- Substitution und unterschiedliche Labormethoden beeinflussen die Messwerte. Eine serioese Verlaufsbeurteilung erfolgt unter standardisierten Bedingungen im selben Labor und in Zusammenschau mit der klinischen Konstellation.
8. Zusammenfassung
Die T4-T3-Konversion ist eine periphere enzymatische Aktivierung des Prohormons T4 durch die Familie der Iodothyronin-Deiodasen (DIO1, DIO2, DIO3). Alle drei Isoformen sind Selenoenzyme und tragen Selenocystein im aktiven Zentrum.
DIO1 und DIO2 katalysieren ueberwiegend die Aktivierung von T4 zu T3; DIO3 leitet die Inaktivierung ueber rT3 ein. DIO2 ist in zentralem Nervensystem, Hypophyse, Skelettmuskel und braunem Fettgewebe besonders relevant fuer die lokale T3-Versorgung, waehrend DIO1 in Leber, Niere und Schilddruese zur Plasma-T3-Bereitstellung beitraegt.
Die periphere Konversionsleistung wird durch akute und chronische Erkrankungen, Hungerzustaende, Leber- und Nierenfunktion sowie einzelne Pharmaka moduliert; eine ueber diese Befunde hinaus abgeleitete Naehrstoff-Empfehlung ist nach Studienlage nicht zureichend zu begruenden. Genetische Varianten (DIO2-Thr92Ala) sind Gegenstand der Forschung; eine Genotypisierung ist in den Leitlinien nicht als Routinediagnostik vorgesehen.
In der Diagnostik gilt TSH/fT4 als Standardparameter-Set; fT3 und rT3 sind keine Routine-Parameter, sondern Gegenstand der spezialaerztlichen Einzelbeurteilung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine aerztliche Abklaerung erforderlich. Nahrungsergaenzungsmittel koennen Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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