Seronegative Hashimoto-Thyreoiditis: Definition, Ursachen und Diagnostik
Splitsen
Die Diagnose einer Hashimoto-Thyreoiditis stuetzt sich in den gaengigen Schemata auf drei Saeulen: das klinische Bild, den laborchemischen Nachweis von Antikoerpern gegen die Thyreoperoxidase (TPO-AK) und gegebenenfalls gegen Thyreoglobulin (Tg-AK) sowie das sonographische Muster der Schilddruese.12 Bei einer Teilgruppe der Patientinnen und Patienten sind die genannten Antikoerper im Serum jedoch nicht erhoeht, obwohl sonographische und histologische Befunde mit einer chronisch-lymphozytaeren Thyreoiditis vereinbar sind. Diese Konstellation wird als seronegative Hashimoto- Thyreoiditis oder antikoerper-negative Autoimmunthyreoiditis bezeichnet.34
Dieser Artikel beschreibt die zugrunde liegende Diagnose- Definition, moegliche Erklaerungsmodelle fuer den fehlenden Antikoerper-Nachweis, die diagnostische Bedeutung der Sonographie sowie die Studienlage zum klinischen Verlauf. Therapie-Entscheidungen und die individuelle Befund-Interpretation sind Gegenstand der aerztlichen Beurteilung im Einzelfall.
1. Begriff und Haeufigkeit
Bei der klassischen Hashimoto-Thyreoiditis sind TPO-AK in etwa 90 bis 95 Prozent und Tg-AK in etwa 60 bis 80 Prozent der Faelle nachweisbar.1 In der verbleibenden Subgruppe sind die genannten Antikoerper trotz klinischer und sonographischer Befunde, die mit einer Autoimmunthyreoiditis vereinbar sind, im Serum nicht nachweisbar. Kolanu et al. (2024) referieren in ihrer Uebersicht eine Praevalenz von etwa 5 bis 10 Prozent aller Hashimoto-Faelle; die genauen Anteile variieren mit Definition, Studienpopulation und verwendeter Testmethode.4
In paediatrischen Kohorten werden teilweise hoehere Anteile beschrieben.5 Eine multizentrische Querschnitts-Auswertung an Erwachsenen (Hou et al. 2025) berichtet je nach Subkollektiv hoehere Anteile bis in den Bereich von 20 Prozent; die Heterogenitaet der zugrunde liegenden Populationen erlaubt keine einheitliche Generalisierung.6
2. Diagnostische Kriterien
Croce et al. (2020) haben fuer die seronegative Hashimoto- Thyreoiditis ein einheitliches Kriterien-Set vorgeschlagen.7 Die Kriterien umfassen:
- Negativer TPO-AK-Befund.
- Negativer Tg-AK-Befund.
- Subklinische oder manifeste Hypothyreose.
- Diffus echoarmes Schilddruesenmuster in der Sonographie.
Caturegli et al. (2014) betonen daneben, dass eine kleine Subgruppe auch im euthyreoten Zustand der oben genannten Konstellation entspricht; die Diagnose stuetzt sich in diesen Faellen vor allem auf das sonographische Bild und gegebenenfalls auf den histologischen Befund einer Feinnadelbiopsie.1 Eine Biopsie wird nur in ausgewaehlten Konstellationen erwogen und gehoert in die aerztliche Entscheidung.
3. Moegliche Ursachen des fehlenden Antikoerper-Nachweises
Die Studienlage diskutiert mehrere, nicht sich gegenseitig ausschliessende Erklaerungsmodelle.
Lokalisierte Antikoerper-Produktion in der Schilddruese
In histologischen Untersuchungen und Gewebe-Analysen wird eine ueberwiegend intrathyreoidale Antikoerper-Produktion beschrieben. Die Antikoerper liegen in diesen Faellen im Schilddruesengewebe vor und erreichen den systemischen Kreislauf nur in geringer Konzentration. Im Serum-Test liegen sie dann unter der Nachweisgrenze.24
Fruehphase der Erkrankung
In sehr fruehen Stadien kann der Antikoerper-Titer noch unter der Nachweisgrenze der eingesetzten Tests liegen, waehrend die zellulaere Komponente der Autoimmunreaktion bereits sonographisch fassbare Veraenderungen erzeugt. Im Verlauf koennen Antikoerper nachweisbar werden.4
Spaetphase mit Verlust des Zielgewebes
Mit fortschreitender Atrophie und Fibrose verkleinert sich das verfuegbare Antigen-Reservoir. Die Antikoerper-Titer koennen in dieser Phase abfallen; dokumentierte hoehere Titer in frueheren Untersuchungen sind im klinischen Befund hinweisgebend.14
Test-Methodik und Referenzbereiche
Unterschiede zwischen Immunoassay-Plattformen, Referenzbereichen und Cut-off-Werten koennen den Befund beeinflussen. Eine Kontrolle in einem zweiten Labor wird im Einzelfall erwogen.48
Immunsuppressive Komedikation und systemische Faktoren
Eine immunsuppressive Therapie, schwere Begleiterkrankungen und einzelne Immundefekt-Konstellationen koennen die humorale Antikoerper-Produktion daempfen und Befunde maskieren.4 Indikation und Interpretation gehoeren in die aerztliche Beurteilung.
4. Sonographie als zentrales diagnostisches Werkzeug
In Abwesenheit eines positiven Antikoerper-Befundes traegt die Schilddruesensonographie die Hauptlast der Diagnose. Charakteristisch sind:124
- Ein diffus echoarmes Parenchymmuster.
- Eine inhomogene, teils fleckige oder mottenfrassartige Textur.
- Variabel ausgepraegte Groessenveraenderungen, von der diffusen Vergroesserung in fruehen Stadien bis zur Atrophie in spaeten Stadien.
- Entzuendungsbedingte pseudonodulaere Areale.
Die Vaskularisation ist heterogen und in fortgeschrittenen Stadien eher reduziert; ein floride hypervaskulaerer Befund ist charakteristisch fuer die Differentialdiagnose Morbus Basedow, nicht fuer die typische Hashimoto-Thyreoiditis.2
Verschiedene semi-quantitative Scoring-Systeme zur Graduierung der Echogenitaet und Heterogenitaet sind publiziert; ihre klinische Anwendung ist untersucherabhaengig und nicht einheitlich konsentiert.2 Neuere Arbeiten untersuchen ergaenzend automatisierte Verfahren (Radiomics, kuenstliche Intelligenz) zur Vereinheitlichung der Befund-Interpretation, insbesondere in Hinblick auf die seronegative Konstellation; die Verfahren sind Gegenstand laufender Studien.46
5. Histologische Sicherung
Die Feinnadelpunktion mit histologischer Aufarbeitung wird nur in ausgewaehlten Konstellationen erwogen, in denen die Kombination aus Klinik, Labor und Sonographie keine ausreichende Befundbasis liefert. Im positiven Befund zeigen sich eine lymphozytaere Infiltration mit Bildung von Keimzentren, eine Zerstoerung der Follikelstruktur und, in fortgeschrittenen Stadien, eine fibrosierende Komponente.1
6. Differentialdiagnostik
Bei negativen Antikoerpern und veraenderter Schilddruesensonographie sind weitere Ursachen einer Thyreoiditis in die Beurteilung einzubeziehen:9
- Subakute Thyreoiditis de Quervain (in der Regel schmerzhaft, oft nach Virusinfektion, BSG-Erhoehung).
- Stumme (painless) Thyreoiditis mit transienter Hyper- gefolgt von Hypothyreose-Phase.
- Postpartum-Thyreoiditis im Anschluss an eine Geburt.
- Medikamenten-induzierte Thyreoiditis unter Amiodaron, Lithium, Interferon-alpha oder einzelnen Tyrosinkinase- und Checkpoint- Inhibitoren.
- Riedel-Thyreoiditis als seltene fibrosierende Variante.
Die Abgrenzung ist klinisch relevant, weil sich Therapie und Prognose zwischen den Entitaeten unterscheiden.
7. Verlauf und Prognose
Die Studienlage zum Verlauf der seronegativen Konstellation ist heterogen. Rotondi et al. (2014) verglichen in einer Fall-Kontroll-Auswertung 55 Patientinnen und Patienten mit seronegativer Konstellation mit 110 Antikoerper-positiven Faellen und berichteten ein insgesamt milderes klinisches Bild der seronegativen Subgruppe, gemessen unter anderem an TSH- Ausgangswerten und sonographischen Parametern; die Aussagekraft ist durch die Stichprobengroesse und das retrospektive Design limitiert.3
Eine paediatrische Querschnittsanalyse beschreibt vergleichbare Tendenzen, mit insgesamt heterogenen klinischen Verlaeufen.5 Mehrere Autoren weisen darauf hin, dass im Verlauf eine Sero-Konversion auftreten kann, das heisst initial negative Antikoerper-Befunde koennen bei spaeteren Kontrollen nachweisbar werden.47
Die Standardtherapie der manifesten Hypothyreose ist auch in der seronegativen Konstellation die gewichtsadaptierte Substitution mit Levothyroxin unter laborchemischer Kontrolle.14 Indikation, Dosisfindung und Intervalle gehoeren in die aerztliche Beurteilung.
8. Einordnung der Befund-Konstellation in der aerztlichen Praxis
Die seronegative Konstellation ist keine eigenstaendige Krankheits- Entitaet, sondern eine Befund-Konstellation innerhalb des Spektrums chronischer Autoimmunthyreoiditiden. Die diagnostische Sicherheit ist hoeher, je konsistenter Klinik, Sonographie und gegebenenfalls weitere Labormarker das Bild ergaenzen. In der euthyreoten Phase ohne Symptomatik und ohne sonographische Auffaelligkeiten ist die Schwelle fuer eine Diagnosesicherung hoch; in dieser Konstellation ist die Differenzierung zu Normalvarianten nicht trivial.7
9. Zusammenfassung
Die seronegative Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Konstellation, in der trotz fehlenden TPO- und Tg-Antikoerper-Nachweises im Serum sonographische und gegebenenfalls histologische Befunde mit einer chronisch-lymphozytaeren Thyreoiditis vereinbar sind. Sie betrifft je nach Studie und Definition etwa 5 bis 10 Prozent der diagnostizierten Hashimoto-Faelle.4 Die Sonographie ist in dieser Konstellation das zentrale diagnostische Werkzeug. Erklaerungsmodelle fuer den fehlenden Serum-Befund umfassen eine lokalisierte intrathyreoidale Antikoerper- Produktion, eine fruehe oder eine sehr spaete Krankheitsphase, methodische Unterschiede zwischen Tests sowie systemische Faktoren einschliesslich immunsuppressiver Komedikation. Die Studienlage zum Verlauf deutet auf ein eher mildes Bild im Vergleich zur antikoerper-positiven Gruppe hin, ist aber durch heterogene Designs und Stichprobengroessen limitiert.3 Indikation und Bewertung einzelner Parameter sowie die Therapie-Entscheidung sind Gegenstand der individuellen aerztlichen Beurteilung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine aerztliche Abklaerung erforderlich. Nahrungsergaenzungsmittel koennen Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
-
Caturegli P, De Remigis A, Rose NR. Hashimoto thyroiditis: clinical and diagnostic criteria. Autoimmun Rev. 2014;13(4-5):391-397. DOI: 10.1016/j.autrev.2014.01.007. ↩↩↩↩↩↩↩
-
Ralli M, Angeletti D, Fiore M, et al. Hashimoto's thyroiditis: An update on pathogenic mechanisms, diagnostic protocols, therapeutic strategies, and potential malignant transformation. Autoimmun Rev. 2020;19(10):102649. DOI: 10.1016/j.autrev.2020.102649. ↩↩↩↩↩
-
Rotondi M, de Martinis L, Coperchini F, et al. Serum-negative autoimmune thyroiditis: what's in a name? J Endocrinol Invest. 2014;37(6):589-591. DOI: 10.1007/s40618-014-0083-8. ↩↩↩
-
Kolanu ND, Awan NA, Butt AI, et al. From Antibodies to Artificial Intelligence: A Comprehensive Review of Diagnostic Challenges in Hashimoto's Thyroiditis. Cureus. 2024;16(2):e54393. DOI: 10.7759/cureus.54393. ↩↩↩↩↩↩↩↩↩↩↩↩
-
Marwaha RK, Garg MK, Tandon N, et al. Seronegative phenotype in a pediatric population with Hashimoto's thyroiditis. Hormones (Athens). 2022;21(2):283-290. DOI: 10.1007/s42000-022-00355-0. ↩↩
-
Hou Y, Lin X, Yu W, et al. Prediction of Seronegative Hashimoto's thyroiditis using machine learning models based on ultrasound radiomics: a multicenter study. BMC Immunol. 2025;26(1):26. DOI: 10.1186/s12865-025-00708-5. ↩↩
-
Croce L, Coperchini F, Magri F, Chiovato L, Rotondi M. Diagnosis and management of seronegative Hashimoto's thyroiditis. Front Endocrinol (Lausanne). 2020;11:597-608. (Zusammenfassende Darstellung der seronegativen Kriterien; Wortlaut der Kriterien nach Croce et al.) ↩↩↩
-
Hollowell JG, Staehling NW, Flanders WD, et al. Serum TSH, T4, and thyroid antibodies in the United States population (1988 to 1994): National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III). J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(2):489-499. DOI: 10.1210/jcem.87.2.8182. ↩
-
Pearce EN, Farwell AP, Braverman LE. Thyroiditis. N Engl J Med. 2003;348(26):2646-2655. DOI: 10.1056/NEJMra021194. ↩
-
Mincer DL, Jialal I. Hashimoto Thyroiditis. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2024. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK459262/. Abruf: 2026-05-22. ↩
-
Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205. ↩


