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Schilddrüsenstörungen und Haarausfall: Mechanismen, Muster und Verlauf
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Schilddrüsenhormone steuern zentrale Stoffwechselprozesse nahezu aller Gewebe; das Haarfollikelorgan ist ein direkter Zielort dieser Hormone.¹,² Sowohl eine Hypothyreose als auch eine Hyperthyreose können sich an Haar und Kopfhaut manifestieren, typischerweise als diffuser, nicht vernarbender Haarausfall im Sinne eines telogenen Effluviums.³,⁵,⁷ Die einzelnen klinischen Befunde sind unspezifisch; Diagnose und Steuerung einer Schilddrüsenstörung sind Gegenstand der ärztlichen Beurteilung.
Dieser Artikel beschreibt sachlich die Mechanismen, mit denen Schilddrüsenhormone den Haarzyklus beeinflussen, die Muster des Haarverlusts bei Hypo- und Hyperthyreose sowie den Zusammenhang zwischen Hashimoto-Thyreoiditis und Alopecia areata. Er ist eine wissenschaftliche Information; er ersetzt keine ärztliche Abklärung und gibt weder Selbstdiagnose- noch Behandlungs-Hinweise.
1. Der Haarzyklus und seine hormonelle Steuerung
Jedes einzelne Haar des Kopfhaars durchläuft einen Zyklus aus drei Phasen: einer Wachstumsphase (Anagen), einer kurzen Übergangsphase (Katagen) und einer Ruhephase (Telogen), an deren Ende das Haar ausfällt und durch ein neu wachsendes Haar ersetzt wird. Beim Erwachsenen befinden sich unter physiologischen Bedingungen näherungsweise 90 bis 95 Prozent der Kopfhaare in der Anagenphase, 5 bis 10 Prozent in der Telogenphase; der Anteil schwankt individuell.³
Schilddrüsenhormone greifen an mehreren Stellen dieses Zyklus an. Eine Arbeit an isolierten menschlichen Haarfollikeln zeigte, dass Thyroxin (T4) die Proliferation der Matrix-Keratinozyten, also der haarbildenden Zellen der Haarwurzel, direkt fördert und die Anagenphase verlängert; Triiodthyronin (T3) und T4 hemmen die Apoptose und stimulieren die intrafollikuläre Melanin-Synthese (van Beek et al. 2008, Ex-vivo-Studie an humanen Haarfollikeln).² An einem Maus-Modell mit Deletion der Schilddrüsenhormon-Rezeptoren TRα1 und TRβ wurde gezeigt, dass die Mobilisierung von Haarfollikel-Stammzellen aus der Bulge-Nische, dem Stammzell-Reservoir des Haarfollikels, schilddrüsenhormonabhängig reguliert wird (Contreras-Jurado et al. 2015).¹ Beide Befunde stützen die klinische Beobachtung, dass Veränderungen der Schilddrüsenfunktion das Haarwachstum beeinträchtigen können.
2. Telogenes Effluvium als häufigste Manifestation
Das telogene Effluvium ist eine reversible, nicht vernarbende diffuse Haarlichtung, die dadurch entsteht, dass nach einem auslösenden Ereignis ein erhöhter Anteil der Anagenhaare vorzeitig in die Telogenphase übertritt. Nach einer Latenz von etwa zwei bis vier Monaten kommt es dann zu einem vermehrten Telogen-Haarverlust.³,⁶ Auslöser sind heterogen und schließen schwere körperliche und seelische Belastungen, fieberhafte Erkrankungen, Wochenbett, Mangelzustände, bestimmte Medikamente und endokrine Störungen ein, darunter Hypo- und Hyperthyreose.³,⁶
Klinisch zeigt sich eine diffuse Lichtung des Kopfhaars ohne kahle Areale; die Patienten berichten häufig über ein deutliches Mehr an Haaren in Bürste und Abfluss. Die Haarwurzelanalyse (Trichogramm) zeigt einen erhöhten Telogen-Anteil. Nach Wegfall des Auslösers sistiert der vermehrte Haarausfall nach den Angaben der Übersichtsliteratur typischerweise über drei bis sechs Monate; kosmetisch sichtbarer Nachwuchs kann zwölf bis 18 Monate in Anspruch nehmen. Die Erholungsgeschwindigkeit wird durch das langsame Wachstum der Haare und den Phasenversatz im Zyklus begrenzt.³,⁶
3. Wie zeigt sich Haarausfall bei einer Schilddrüsenunterfunktion?
Eine Hypothyreose wirkt sich an Haut und Hautanhangsgebilden in einem charakteristischen Muster aus, das in dermatologisch-endokrinologischen Übersichtsarbeiten gut beschrieben ist (Safer 2011).⁷ Im Bereich des Haars werden referiert:
- ein diffuser, nicht vernarbender Haarausfall im Sinne eines telogenen Effluviums;
- eine Veränderung der Haarstruktur mit Trockenheit, verminderter Geschmeidigkeit und Brüchigkeit;
- ein verlangsamtes Haarwachstum;
- eine Beteiligung von Augenbrauen, Wimpern und Körperbehaarung;
- eine Lichtung des seitlichen Drittels der Augenbrauen (sogenanntes Hertoghe-Zeichen), die in der älteren dermatologischen Literatur als Hypothyreose-typisch beschrieben ist, in epidemiologischen Arbeiten jedoch nicht spezifisch ist.⁷,⁸
Pathophysiologisch werden diese Befunde auf die Verkürzung der Anagenphase, eine verlangsamte Proliferation der Matrix-Keratinozyten und eine reduzierte Talgproduktion zurückgeführt.¹,²,⁷ Die laborchemische und klinische Diagnostik einer Hypothyreose ist Gegenstand der ärztlichen Beurteilung; die Standardtherapie der manifesten Hypothyreose ist die Substitution mit Levothyroxin.⁸,⁹ Der Haarbefund ist dabei nur eines von mehreren möglichen Zeichen; weitere Symptome der Schilddrüsenunterfunktion sind in einem eigenen Beitrag zusammengestellt.
4. Kann eine Schilddrüsenüberfunktion auch Haarausfall verursachen?
Eine Hyperthyreose kann sich am Haar gleichfalls als diffuser Telogen-Haarverlust manifestieren. In dermatologisch-endokrinologischen Übersichtsarbeiten sind bei einer Thyreotoxikose ein Haarausfall sowie fein und weich wirkendes Haar beschrieben (Safer 2011).⁷ Pathophysiologisch wird ein beschleunigter Haarzyklus mit verkürzter Wachstumsphase diskutiert.² Auch hier sind Diagnostik und Therapie der Grunderkrankung, typischerweise Morbus Basedow oder autonom funktionierende Schilddrüsenknoten, ärztliche Aufgabe.⁴
Eine besondere Konstellation ist die Hashitoxikose: in einzelnen Verläufen einer Hashimoto-Thyreoiditis kommt es durch die Freisetzung gespeicherter Hormone aus dem entzündeten Gewebe vorübergehend zu einer hyperthyreoten Phase.⁴ Für diese Phase gelten die oben beschriebenen Haarbefunde einer Hyperthyreose.
5. Vergleich der Befundmuster
Die Haarbefunde bei Hypo- und Hyperthyreose unterscheiden sich nicht in ihrer Ausfallart, beide führen typischerweise zu einem diffusen Telogen-Haarverlust, wohl aber in der begleitenden Haar- und Kopfhautqualität. Bei Hypothyreose ist die verbliebene Haar-Substanz trocken, spröde und glanzlos, die Kopfhaut eher trocken. Bei Hyperthyreose ist das Haar typischerweise fein und weich, die Kopfhaut kann seborrhoisch, also fettig-glänzend, sein. Die Lichtung des seitlichen Augenbrauen-Drittels wird klassisch der Hypothyreose zugeordnet, ist aber unspezifisch.⁷,⁸ Die Unterscheidung anhand der Haarbefunde allein erlaubt keine Diagnose; sie ist ein Hinweis im Rahmen der ärztlichen Gesamtbeurteilung.
6. Alopecia areata bei Hashimoto-Thyreoiditis
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine organspezifische Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Wie andere Autoimmunerkrankungen ist sie mit weiteren autoimmunen Komorbiditäten assoziiert; eine davon ist die Alopecia areata, eine ebenfalls autoimmun bedingte, nicht-narbige Haarverlust-Erkrankung mit charakteristisch münzgroßen, runden bis ovalen kahlen Arealen.
In einer landesweiten bevölkerungsbezogenen Querschnittstudie aus Südkorea an mehreren tausend Personen mit Alopecia areata war diese mit einer signifikant erhöhten Chance (Odds Ratio) manifester Autoimmun-Schilddrüsenerkrankungen verbunden; die Assoziation war bei schwereren Verlaufsformen ausgeprägter (Han et al. 2018, Querschnittstudie).¹⁰ Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zu Komorbiditäten der Alopecia areata bestätigte diese Assoziation, mit einem erhöhten Quotenverhältnis für Hashimoto-Thyreoiditis gegenüber der Allgemeinbevölkerung (Ly et al. 2023).¹¹ Beide Studien sind beobachtende Erhebungen und erlauben keine kausale Aussage.
Klinisch ist die Alopecia areata von einem telogenen Effluvium auf Schilddrüsen-Grundlage zu unterscheiden: die Alopecia areata zeigt umschriebene, scharf begrenzte kahle Areale, das telogene Effluvium eine diffuse Lichtung. Die Abgrenzung ist Aufgabe der ärztlichen, zumeist dermatologischen Untersuchung.
7. Ist jeder diffuse Haarverlust schilddrüsenbedingt?
Diffuser Haarverlust ist multifaktoriell. Neben Hypo- und Hyperthyreose sind als auslösende oder begünstigende Faktoren in Übersichtsarbeiten unter anderem genannt:³,⁶,¹²
- ein Eisenmangel: die Datenlage zum Zusammenhang zwischen niedrigem Speichereisen und diffusem Haarverlust ist widersprüchlich, ein erhöhtes Risiko für einen Eisenmangel besteht bei menstruierenden Frauen durch den Blutverlust (mehr zu Eisen und Ferritin bei Schilddrüsenerkrankungen);
- ausgeprägter Mangel an Eiweiß oder Kalorien;
- bestimmte Medikamente (zum Beispiel Betablocker, Antikoagulantien, Antiepileptika, Retinoide, einige Antidepressiva, Thyreostatika und in seltenen Fällen Levothyroxin bei Überdosierung);
- fieberhafte Erkrankungen, schwere Operationen, größere Gewichts-Reduktionen;
- hormonelle Umstellungen, insbesondere im Wochenbett;
- chronische schwere Belastungen.
Von diesen auslösenden Faktoren abzugrenzen sind eigenständige Haarverlust-Formen. Die androgenetische Alopezie der Frau ist eine häufige Ursache einer Haarlichtung, zeigt typischerweise ein Muster mit Betonung des Scheitelbereichs bei erhaltener vorderer Haargrenze und kann gemeinsam mit einem telogenen Effluvium bestehen.⁶,¹² Ein Anagen-Effluvium, also der Ausfall von Haaren in der Wachstumsphase, tritt in der Regel nach Chemotherapie oder Bestrahlung auf.⁶
Einzelne Befunde sprechen für eine zeitnahe, meist dermatologische Abklärung: gerötete, schuppende oder schmerzende Areale der Kopfhaut mit Verlust der sichtbaren Follikelöffnungen, umschriebene glänzend-kahle Stellen ohne Haarschäfte sowie ein rasch fortschreitender Haarverlust gemeinsam mit Vermännlichungszeichen. Hinter solchen Befunden können vernarbende Formen des Haarverlusts stehen, bei denen der Haarfollikel dauerhaft verloren geht.
Die Bewertung der individuellen Konstellation einschließlich der labordiagnostischen Abklärung, etwa der Bestimmung von Ferritin, Schilddrüsenparametern oder Vitamin-Status, erfolgt im Rahmen der ärztlichen Beurteilung; sie ist nicht Aufgabe einer Selbstdiagnose.
8. Wächst das Haar nach Behandlung der Schilddrüse wieder nach?
Bei einer manifesten Hypothyreose ist die Substitution mit Levothyroxin die Standardtherapie; bei Erreichen einer euthyreoten Stoffwechsellage, also einer normalen Schilddrüsenfunktion, gehen viele assoziierte Befunde über Monate zurück, darunter Haarbefunde und Veränderungen an Haut und Hautanhangsgebilden.⁸,⁹ Bei der Hyperthyreose richtet sich die Therapie nach Ätiologie und umfasst thyreostatische, radiojodbasierte oder operative Verfahren.⁴
Wegen des langsamen Haarwachstums und des Phasenversatzes im Haarzyklus tritt eine sichtbare Erholung typischerweise erst über mehrere Monate ein.³,⁶ Der individuelle Verlauf ist heterogen; ein Teil der Behandelten berichtet über persistierende Haarbefunde trotz biochemisch eingestellter Schilddrüsenlage. Ursache, weiterführende Diagnostik und etwaige zusätzliche Maßnahmen sind in dieser Situation Gegenstand der ärztlichen Beurteilung, häufig in interdisziplinärer Abstimmung zwischen Endokrinologie und Dermatologie.
9. Hinweis zur laborchemischen Diagnostik
Hochdosiertes Biotin in Nahrungsergänzungsmitteln kann zahlreiche Immunoassays, also antikörperbasierte Labortests, die in der Schilddrüsendiagnostik verwendet werden, stören. Beschrieben ist unter anderem eine Konstellation mit falsch erhöhten Werten für freies T4, freies T3 und TSH-Rezeptor-Antikörper bei falsch erniedrigtem TSH, die zur Fehl-Klassifikation als Schilddrüsenüberfunktion führte (Barbesino 2016, Fall-Bericht und Diskussion der Assay-Interferenz).¹³ Vor einer geplanten Schilddrüsenlaborbestimmung ist deshalb eine Information der behandelnden Praxis über die Einnahme biotinhaltiger Präparate sinnvoll; die Indikation zur Biotineinnahme bei nicht-mangelbedingtem Haarverlust ist nach aktueller Übersichtsliteratur nicht etabliert.¹²
10. Zusammenfassung
Schilddrüsenhormone wirken direkt am Haarfollikel; sowohl Hypo- als auch Hyperthyreose können sich als diffuser, nicht vernarbender Haarverlust im Sinne eines telogenen Effluviums manifestieren. Die einzelnen klinischen Befunde, Haarlichtung, Strukturveränderungen und Beteiligung der Augenbrauen, sind unspezifisch und überschneiden sich mit anderen Ursachen eines diffusen Haarverlusts. Bei Hashimoto-Thyreoiditis besteht zudem ein erhöhtes Risiko einer assoziierten Alopecia areata. Diagnose und Therapie der Schilddrüsen-Grunderkrankung sind Aufgabe der ärztlichen Beurteilung; bei Hypothyreose ist die Substitution mit Levothyroxin die Standardtherapie, unter der sich viele assoziierte Befunde im Verlauf zurückbilden. Eine sichere Zuordnung eines Haarbefunds zu einer Schilddrüsenstörung ist allein auf Basis von Symptomen nicht möglich; sie erfordert eine ärztliche Abklärung einschließlich laborchemischer und gegebenenfalls dermatologischer Diagnostik.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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