Schilddrüsenunterfunktion: 20 Symptome und Befunde im Überblick
Partager
Die Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) ist eine endokrinologische Erkrankung, bei der die Schilddrüse nicht ausreichend Schilddrüsenhormone (Thyroxin, T4; Triiodthyronin, T3) für den peripheren Bedarf produziert. Da Schilddrüsenhormone nahezu alle Stoffwechselgewebe beeinflussen, ist das Beschwerdebild breit und in den einzelnen Ausprägungen unspezifisch.¹,² In jodversorgten Bevölkerungen ist die Autoimmunthyreoiditis (Hashimoto-Thyreoiditis) die häufigste Ursache; in Regionen mit unzureichender Jodversorgung steht der Jodmangel selbst im Vordergrund.³
Die Symptome entwickeln sich in der Regel schleichend über Monate bis Jahre und werden im Alltag häufig anderen Ursachen zugeschrieben. Eine einzelne Beschwerde ist nicht beweisend; eine Diagnose lässt sich aus dem klinischen Bild allein nicht stellen. Dieser Artikel führt 20 in der Literatur beschriebene Befunde sachlich auf und ersetzt keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall.
1. Warum so viele unterschiedliche Befunde
Schilddrüsenhormone beeinflussen den Energie-Stoffwechsel nahezu aller Gewebe. Sie sind an der Regulation der Körpertemperatur, der Herzfrequenz, der gastrointestinalen Motilität, der zentralnervösen Funktion, der Haut und der Hautanhangsgebilde sowie der Reproduktion beteiligt.¹,² Nimmt die endogene Hormonproduktion ab, verlangsamen sich diese Prozesse. Daraus ergibt sich das breite, in der Einzelausprägung unspezifische Symptomspektrum. Eine ausführlichere Darstellung des Krankheitsbildes, der Diagnostik und der Standardtherapie findet sich im Schwester-Artikel zur Hypothyreose.
Die folgenden 20 Befunde sind nach klassischen Symptomen der hypothyreoten Stoffwechsellage und nach in der Literatur ergänzend beschriebenen Befunden gegliedert.
2. Klassische Befunde einer hypothyreoten Stoffwechsellage
2.1 Müdigkeit und verminderte Belastbarkeit
Müdigkeit, Antriebsminderung und eine reduzierte körperliche und geistige Belastbarkeit gehören zu den am häufigsten genannten Beschwerden bei manifester Hypothyreose.¹,² Eine vertiefende Darstellung findet sich im Schwester-Artikel zur Müdigkeit.
2.2 Gewichtszunahme
Eine moderate Gewichtszunahme bei unverändertem Ernährungs- und Bewegungsmuster wird im Rahmen eines verlangsamten Grundumsatzes und einer vermehrten Wasserretention beschrieben.¹,² Ausgeprägte Gewichtsveränderungen haben in der Regel weitere Ursachen.
2.3 Kälteempfindlichkeit
Eine herabgesetzte Kältetoleranz und kühle Haut sind klassische Befunde einer hypothyreoten Stoffwechsellage und gehen auf eine verminderte Wärmeproduktion zurück.¹,²
2.4 Obstipation
Eine verlangsamte gastrointestinale Motilität kann mit Obstipation, Völlegefühl und Blähungen einhergehen.¹,²
2.5 Trockene, schuppige Haut
Eine trockene, raue Haut mit verminderter Talgproduktion gehört zu den dermatologischen Befunden einer länger bestehenden Hypothyreose. Safer (2011) beschreibt im Übersichtsartikel die Wirkung von Schilddrüsenhormonen auf die Epidermis und die Hautanhangsgebilde.⁴ Eine gelegentlich beschriebene gelbliche Verfärbung der Haut wird auf eine veränderte Carotin-Konversion zurückgeführt.
2.6 Haarveränderungen
Trockenes, brüchiges Haar, diffuser Haarausfall und eine Lichtung im seitlichen Drittel der Augenbrauen (sogenanntes Hertoghe-Zeichen) sind in der dermatologischen Literatur als Befunde bei Hypothyreose beschrieben.⁴ Eine vertiefende Darstellung zum Haarausfall findet sich im Schwester-Artikel.
2.7 Nagelveränderungen
Brüchige, längsrillige Nägel und ein verlangsamtes Nagelwachstum sind in der dermatologischen Literatur als Befunde bei Hypothyreose beschrieben.⁴
2.8 Gesichts- und Lidschwellung
Eine aufgedunsene Gesichtshaut, eine Schwellung der Augenlider und der Zunge sind Folge einer Anreicherung von Glycosaminoglykanen im Gewebe (Myxödem); sie sind bei länger bestehender, deutlicher Hypothyreose beschrieben.¹,²,⁴
2.9 Muskelschmerzen, Muskelschwäche und Muskelsteifigkeit
Diffuse Myalgien, eine reduzierte Muskelkraft und eine Muskelsteifigkeit sind beschrieben; laborchemisch kann die Creatinkinase (CK) erhöht sein.¹,²
2.10 Bradykardie
Eine verlangsamte Herzfrequenz ist Teil des hypothyreoten Bildes; sie wird in der kardiologischen Übersicht von Klein und Danzi (2007) im Zusammenhang mit den hämodynamischen Wirkungen einer Hypothyreose dargestellt.⁵ Eine schwere Hypothyreose kann zusätzlich mit einer diastolischen Hypertonie und mit erhöhten Werten des LDL-Cholesterins einhergehen.¹,⁵
2.11 Erhöhte LDL- und Gesamt-Cholesterin-Werte
Erhöhte Werte des LDL- und des Gesamt-Cholesterins sind als laborchemische Folge des verlangsamten hepatischen Cholesterin- Stoffwechsels beschrieben.¹,⁵ Nach Wiederherstellung einer euthyreoten Stoffwechsellage zeigen sich häufig rückläufige Werte.
2.12 Verlangsamte Reflexe
Eine Verlängerung der Relaxationsphase der Muskeleigenreflexe, insbesondere des Achillessehnenreflexes, ist im klinischen Untersuchungsbefund einer manifesten Hypothyreose beschrieben.¹,²
3. Kognitive, affektive und neurologische Befunde
3.1 Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
Verlangsamung kognitiver Abläufe, Konzentrationsschwäche und Wortfindungsstörungen werden im Rahmen einer Hypothyreose beschrieben. Die Übersicht von Samuels (2014) referiert, dass affektive und kognitive Beeinträchtigungen bei manifester Hypothyreose in der Regel unter ärztlicher Substitutionstherapie weitgehend rückläufig sind, während bei subklinischer Form keine ausgeprägten neuropsychiatrischen Defizite belegt sind.⁶
3.2 Depressive Symptomatik
Stimmungsveränderungen und depressive Beschwerden sind Bestandteil des Symptomspektrums einer Hypothyreose.⁶ Eine depressive Symptomatik ist multifaktoriell; eine Hypothyreose ist nicht zwangsläufig ursächlich, gehört aber differentialdiagnostisch zu den abzuklärenden Bedingungen. Eine vertiefende Darstellung findet sich im Schwester-Artikel zu Depression und Schilddrüse.
4. Weitere in der Literatur beschriebene Befunde
4.1 Stimmveränderungen
Eine raue, tiefere Stimme und ein Globusgefühl im Hals sind im Zusammenhang mit Flüssigkeitseinlagerungen in den Stimmbändern und, bei vergrösserter Schilddrüse, mit lokalem Druck beschrieben.¹,²
4.2 Zyklusunregelmässigkeiten und Fertilität
Unregelmässige oder verstärkte Menstruationsblutungen sowie eine verringerte Fertilität sind im Rahmen einer Hypothyreose beschrieben.¹,² In der Schwangerschaft gelten besondere TSH-Zielbereiche, und eine ärztlich gesteuerte Anpassung der Schilddrüsen-Versorgung ist Standard; die einschlägige Leitlinie ist die 2017er ATA-Empfehlung zur Schilddrüsenversorgung in Schwangerschaft und Postpartum.⁷
4.3 Veränderungen der sexuellen Funktion
Eine verminderte Libido sowie Erektions- und Ejakulationsstörungen sind in einer systematischen Übersichtsarbeit von Gabrielson, Sartor und Hellstrom (2019) als bei Hypothyreose erhöht prävalent referiert.⁸ Die Studienlage zur Reversibilität unter ärztlicher Substitutionstherapie ist heterogen.
4.4 Druck- und Schwellungsgefühl am Hals
Ein Engegefühl, Schluckbeschwerden und eine sichtbare Schwellung können auf eine vergrösserte Schilddrüse (Struma) hinweisen, die in der hypertrophen Verlaufsform der Autoimmunthyreoiditis vorkommen kann; die atrophe Form geht demgegenüber mit einer verkleinerten Schilddrüse einher.¹,²
5. Einordnung der Befunde und diagnostisches Vorgehen
Die einzelnen Symptome einer Hypothyreose sind unspezifisch. Sie treten in gleicher Form bei zahlreichen anderen Erkrankungen, bei Mangelzuständen und bei psychischer Belastung auf. Eine Diagnose lässt sich aus dem klinischen Bild allein nicht stellen; sie beruht auf der ärztlichen Anamnese, der Bestimmung von TSH und gegebenenfalls fT4 im Serum, gegebenenfalls erweitert um Schilddrüsen-Autoantikörper (TPO-AK, Tg-AK) und um eine Schilddrüsensonographie.¹,⁹ Die Indikation, die Reihenfolge und die Interpretation der Untersuchungen sind Gegenstand der ärztlichen Beurteilung.
Bei älteren Personen kann das klassische Symptommuster fehlen oder als alterstypische Veränderung fehlgedeutet werden. Eine atypische Präsentation mit Verwirrtheit, Gedächtnisveränderungen oder depressiver Symptomatik ist beschrieben.¹ Bei Schwangerschaft und Kinderwunsch gelten besondere Empfehlungen mit niedrigeren TSH-Zielbereichen und einer engeren ärztlichen Mit-Betreuung.⁷
6. Verlauf der Beschwerden
Eine manifeste Hypothyreose ist unter ärztlich gesteuerter oraler Substitutionstherapie mit Levothyroxin in der Regel gut steuerbar; die Mehrzahl der Behandelten erreicht einen TSH-Wert im Referenzbereich und eine deutliche Rückbildung der hypothyreoten Beschwerden.¹,⁹ Ein Teil der substituierten Patientinnen und Patienten berichtet über persistierende Beschwerden trotz biochemisch eingestellter Schilddrüsenlage; Ursache, Diagnostik und Behandlung dieser Konstellation sind Gegenstand der ärztlichen Beurteilung. Daten zu Häufigkeit und Profil persistierender Symptome unter Levothyroxin sind heterogen.⁹
Auf EU-Ebene sind gesundheitsbezogene Aussagen zur Schilddrüsenfunktion ausschliesslich für Jod (Identifikationsnummern 274 und 1237 im Register der Health-Claims-Verordnung, VO (EG) Nr. 1924/2006) und für Selen (Identifikationsnummer 1750) zugelassen. Eine Substitution einzelner Mikronährstoffe ist keine Therapie der Hypothyreose und ersetzt nicht die ärztliche Behandlung. Im Verlauf einer Hypothyreose-Versorgung sind die zeitlichen Einnahme-Abstände zwischen Levothyroxin und einzelnen Nahrungs- ergänzungsmitteln (insbesondere Calcium-, Eisen- und Aluminium- haltige Präparate) ärztlich zu beachten.⁹
7. Zusammenfassung
Die mit einer Schilddrüsenunterfunktion assoziierten Beschwerden bilden ein breites, unspezifisches Spektrum. Sie reichen von Müdigkeit, Gewichtszunahme und Kälteempfindlichkeit über trockene Haut und Haarveränderungen, kognitive und affektive Beschwerden bis zu kardiovaskulären, gastrointestinalen, muskuloskelettalen, dermatologischen und reproduktionsmedizinischen Befunden. Eine Diagnose lässt sich aus dem klinischen Bild allein nicht stellen; sie beruht auf der ärztlichen Anamnese, der laborchemischen Diagnostik und gegebenenfalls der Sonographie. Eine systematische Selbst-Auszählung der Symptome ersetzt die ärztliche Beurteilung nicht. Bei persistierenden Beschwerden mit Hinweis auf eine Schilddrüsenstörung ist eine ärztliche Abklärung der Weg der Wahl.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
- Chaker L, Bianco AC, Jonklaas J, Peeters RP. Hypothyroidism. Lancet. 2017;390(10101):1550-1562. DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30703-1.
- Wilson SA, Stem LA, Bruehlman RD. Hypothyroidism: Diagnosis and Treatment. Am Fam Physician. 2021;103(10):605-613. PMID: 33983002.
- Zimmermann MB, Boelaert K. Iodine deficiency and thyroid disorders. Lancet Diabetes Endocrinol. 2015;3(4):286-295. DOI: 10.1016/S2213-8587(14)70225-6.
- Safer JD. Thyroid hormone action on skin. Dermatoendocrinol. 2011;3(3):211-215. DOI: 10.4161/derm.17027.
- Klein I, Danzi S. Thyroid disease and the heart. Circulation. 2007;116(15):1725-1735. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.106.678326.
- Samuels MH. Psychiatric and cognitive manifestations of hypothyroidism. Curr Opin Endocrinol Diabetes Obes. 2014;21(5):377-383. DOI: 10.1097/MED.0000000000000089.
- Alexander EK, Pearce EN, Brent GA, et al. 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum. Thyroid. 2017;27(3):315-389. DOI: 10.1089/thy.2016.0457.
- Gabrielson AT, Sartor RA, Hellstrom WJG. The Impact of Thyroid Disease on Sexual Dysfunction in Men and Women. Sex Med Rev. 2019;7(1):57-70. DOI: 10.1016/j.sxmr.2018.05.002.
- Jonklaas J, Bianco AC, Bauer AJ, et al. Guidelines for the Treatment of Hypothyroidism: Prepared by the American Thyroid Association Task Force on Thyroid Hormone Replacement. Thyroid. 2014;24(12):1670-1751. DOI: 10.1089/thy.2014.0028.
- Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
Verifikationsstand (Stand 2026-05-22):
Alle 10 Quellen via PubMed und DOI-Resolver verifiziert. Die Quellen Chaker 2017, Wilson 2021, Zimmermann 2015, Alexander 2017, Jonklaas 2014 und Garber 2012 sind in den Schwester-Artikeln 20 (Hypothyreose) und 25 (Hashimoto-Symptome) in identischer Form geprüft und verwendet. Safer 2011 und Gabrielson 2019 sind in Artikel 25 bereits verifiziert. Klein und Danzi 2007 (Circulation, PMID 17923583) sowie Samuels 2014 (Curr Opin Endocrinol Diabetes Obes, PMID 25122492) wurden für diesen Artikel zusätzlich via PubMed bestätigt.
Aus V1/V3 gestrichen oder ersetzt:
- Selbstdiagnose-Checkliste mit Schwellenwert-Auswertung („Bei 3 oder mehr Punkten ... Bei 5 oder mehr Punkten ...") — Art. 7 Abs. 1 lit. b und Abs. 3 VO (EU) 1169/2011; ersatzlos gestrichen und durch einen sachlichen Hinweis auf die ärztliche Diagnostik ersetzt.
- Pauschalwerte „5–15 kg Gewichtszunahme", „Grundumsatz sinkt um 15–40 %", „Körpertemperatur oft unter 36 °C" und „Ruhepuls unter 60 Schläge pro Minute" — in der zitierten Sekundärliteratur nicht in dieser Form belegt; gestrichen und durch qualitative Beschreibung ersetzt.
- Pauschalzahl „bis zu 15 % der Frauen mit Antidepressiva haben eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion" — in der Form nicht belegbar; gestrichen.
- Imperative „Suchen Sie einen Arzt auf, wenn ..." sowie die „Wann zum Arzt"-Liste — redaktioneller Standard Ziff. 6; in den standardisierten Schluss-Hinweis überführt.
- Werbliche Sprachbilder „bleierne Schwere", „durch Watte zu waten", „Sparflamme", „heruntergefahren", „Die gute Nachricht" — gestrichen.
- Symptom-Übersichts-Tabelle nach Körperbereichen — redaktioneller Standard Ziff. 5; gestrichen, Information in der nummerierten Symptomliste enthalten.
- Quellen Brent 2012 (J Clin Invest), Sindoni 2016 (Ital J Med), Vincent 2013 (Int J Trichology), Sanyal 2016 (Indian J Endocrinol Metab) und Poppe 2008 (Nat Clin Pract Endocrinol Metab) durch Lancet-Review (Chaker 2017), Dermato-Endocrinology (Safer 2011), ATA-Leitlinie Schwangerschaft (Alexander 2017) sowie die im Schwester-Artikel verwendeten Leitlinien- und Review-Quellen ersetzt.
- Titel umformuliert: „Schilddrüsenunterfunktion Symptome: 20 Anzeichen erkennen" → „Schilddrüsenunterfunktion: 20 Symptome und Befunde im Überblick".
- Schluss-Hinweis in standardisierter Form übernommen.


