Morbus Basedow: Krankheitsbild, Diagnostik und Standardtherapie

Morbus Basedow: Krankheitsbild, Diagnostik und Standardtherapie

Morbus Basedow (Graves' disease) ist eine organspezifische Autoimmunerkrankung der Schilddruese und in jodversorgten Bevoelkerungen die haeufigste Ursache einer Hyperthyreose im juengeren bis mittleren Erwachsenenalter.[1],[2] Charakteristisch sind stimulierende Antikoerper gegen den Thyreotropin-Rezeptor (TSH-Rezeptor-Antikoerper, TRAK), die die Schilddruese unabhaengig von der hypothalamisch-hypophysaeren Regulation zur Hormonproduktion antreiben und in einem Teil der Faelle zu einer extrathyreoidalen Manifestation am Auge (endokrine Orbitopathie) sowie sehr viel seltener an der Haut (praetibiales Myxoedem) und an den Akren (Akropachie) fuehren.[1],[2],[8]

Frauen sind in epidemiologischen Erhebungen mehrfach haeufiger betroffen als Maenner; der Erkrankungsgipfel liegt typischerweise zwischen dem dritten und fuenften Lebensjahrzehnt.[1],[2] Dieser Artikel beschreibt Krankheitsbild, Pathophysiologie, Diagnostik und die drei in den Leitlinien gefuehrten Therapieoptionen (Thyreostatika, Radiojodtherapie, Thyreoidektomie) sachlich; er ersetzt keine aerztliche Beurteilung im Einzelfall und gibt keine Verzehr- oder Therapieempfehlung ab.

1. Begriff und Einordnung

Morbus Basedow (im englischen Sprachraum nach Robert James Graves, im deutschsprachigen Raum nach Carl Adolph von Basedow benannt) ist eine Hyperthyreose-Form mit autoimmuner Pathogenese. Von Basedow beschrieb 1840 die klinische Trias aus Struma, Exophthalmus und Tachykardie ("Merseburger Trias"); diese vollstaendige Trias findet sich in nur einem Teil der Verlaeufe und ist fuer die Diagnose nicht zwingend.[1]

Differentialdiagnostisch ist Morbus Basedow von anderen Ursachen einer Hyperthyreose abzugrenzen: Schilddruesenautonomie (uni-, multifokal oder disseminiert), thyreoiditisch bedingte hyperthyreote Phasen (subakute Thyreoiditis, Hashitoxikose, postpartale Thyreoiditis), jod- oder amiodaron-induzierte Hyperthyreose, seltener TSH-produzierende Hypophysenadenome oder eine exogene Hormonzufuhr.[1],[3]

Die wichtigsten serologischen und funktionellen Unterschiede zur Hashimoto-Thyreoiditis lassen sich knapp zusammenfassen:[1],[2],[5]

  • Schilddruesenfunktion: Morbus Basedow geht typischerweise mit einer Hyperthyreose einher, Hashimoto-Thyreoiditis im Verlauf mit einer Hypothyreose.
  • TSH: bei Morbus Basedow supprimiert, bei manifester Hashimoto- Hypothyreose erhoeht.
  • Periphere Schilddruesenhormone: bei Morbus Basedow erhoeht (fT4 und fT3), bei manifester Hashimoto-Hypothyreose erniedrigt.
  • Antikoerper: bei Morbus Basedow stimulierende TRAK, bei Hashimoto-Thyreoiditis ueberwiegend TPO- und Tg-Antikoerper. TPO- Antikoerper koennen auch bei Morbus Basedow positiv sein und sind daher fuer die Abgrenzung wenig spezifisch.
  • Augenbeteiligung: bei Morbus Basedow als endokrine Orbitopathie beschrieben, bei Hashimoto-Thyreoiditis selten.

2. Pathophysiologie

Im Zentrum der Erkrankung stehen Auto-Antikoerper gegen den TSH-Rezeptor der Thyreozyten. Anders als die TPO- oder Tg-Antikoerper bei der Hashimoto-Thyreoiditis, die zellzerstoerend wirken, sind die Basedow-typischen TRAK funktionell stimulierend: sie binden an den TSH-Rezeptor und imitieren die Wirkung von TSH, woraus eine ueberschiessende Synthese und Sekretion von Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) resultiert.[1],[2],[5]

In der Praxis sind TRAK eine heterogene Antikoerperpopulation. Es werden stimulierende, blockierende und funktionell neutrale Spezies unterschieden; bei Morbus Basedow ueberwiegen die stimulierenden Antikoerper.[5],[6]

Zur Pathogenese tragen genetische und Umweltfaktoren bei:[1],[2],[4]

  • Genetische Disposition. Eine familiaere Haeufung ist beschrieben; assoziierte Risikoallele sind in HLA-Klasse-II-Loci (zum Beispiel HLA-DR3 in europaeischen Populationen) sowie in immunregulatorischen Genen (CTLA4, PTPN22, CD40) berichtet.[1],[2]
  • Rauchen. Aktives Rauchen ist in epidemiologischen Daten mit einem hoeheren Risiko fuer Morbus Basedow und insbesondere fuer das Auftreten und den schwereren Verlauf einer endokrinen Orbitopathie assoziiert (Prummel und Wiersinga 1993, Fall-Kontroll-Studie).[7]
  • Jod. Sowohl Jodmangel als auch eine ploetzlich erhoehte Jodzufuhr (zum Beispiel jodhaltige Kontrastmittel, Amiodaron) koennen die Manifestation einer Hyperthyreose beguenstigen.[3]
  • Hormonelle und Stress-Faktoren. Schwangerschaft, postpartale Phase sowie psychischer und koerperlicher Stress werden in Beobachtungsstudien als Trigger diskutiert; die Datenlage ist heterogen.[2],[4]
  • Infektionen, ionisierende Strahlung und einzelne Medikamente (insbesondere Interferon-alpha, Tyrosinkinase- und Immun-Checkpoint-Inhibitoren) sind als moegliche Trigger einer manifesten Erkrankung beschrieben.[2],[4]

3. Symptome

Die klinischen Befunde des Morbus Basedow sind die einer Hyperthyreose, ergaenzt um die extrathyreoidalen Manifestationen der Erkrankung (Orbitopathie, seltener praetibiales Myxoedem und Akropachie). Die Symptome entwickeln sich haeufig schleichend ueber Wochen bis Monate.[1],[2],[3]

Allgemeine hyperthyreote Befunde:

  • Gewichtsverlust bei meist unveraendertem oder gesteigertem Appetit, Waermeintoleranz, vermehrtes Schwitzen, gesteigerter Durst.
  • Tachykardie, Palpitationen, ueberwiegend systolische Erhoehung des Blutdrucks; im Verlauf bei einem Teil der Patientinnen und Patienten Vorhofflimmern.
  • Innere Unruhe, Nervositaet, feinschlaegiger Tremor der Haende, Schlafstoerungen, emotionale Labilitaet, gegebenenfalls Konzentrationsstoerungen.
  • Warme, feuchte Haut; vermehrter Haarausfall; bruechige Naegel.
  • Muskelschwaeche (insbesondere proximal), gegebenenfalls reduzierte Knochendichte bei laenger bestehender unbehandelter Hyperthyreose.
  • Haeufiger Stuhlgang oder Diarrhoe.
  • Zyklusunregelmaessigkeiten bei Frauen, verringerte Libido und Fertilitaet.

Schilddruesen-bezogene Befunde:

  • Diffuse, weiche, gegebenenfalls hyperperfundierte Struma; in der Auskultation kann ein systolisches Schwirren ueber der vergroesserten Schilddruese hoerbar sein.
  • Bei aelteren Patientinnen und Patienten ist eine oligosymptomatische oder "apathische" Verlaufsform mit ueberwiegend kardialen Befunden (Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz) beschrieben.[1],[3]

Extrathyreoidale Manifestationen:

  • Endokrine Orbitopathie (siehe Abschnitt 5).
  • Praetibiales Myxoedem (selten): umschriebene, derbe Hautverdickung ueber der Tibia, klinisch oft mit Orbitopathie und hohen TRAK assoziiert.[1],[8]
  • Akropachie (sehr selten): tromelschlegel-artige Verdickung der distalen Finger und Zehen.[1]

Bei thyreotoxischer Krise (selten, aber lebensbedrohlich) finden sich Tachykardie und Herzrhythmusstoerungen, Hyperthermie, gastrointestinale Symptome und zentralnervoese Beteiligung bis zur Bewusstseinstruebung; sie wird in den ATA-Empfehlungen als endokrinologischer Notfall behandelt.[3]

4. Diagnostik

Die Diagnose stuetzt sich auf die laborchemische Bestimmung der hypothalamus-hypophysen-thyreoidalen Achse, den Antikoerpernachweis und die bildgebende Beurteilung der Schilddruese.[1],[3]

Laborparameter

  • TSH. Bei Morbus Basedow supprimiert (in der Regel deutlich unterhalb des Referenzbereichs).[1],[3]
  • Freies T4 und freies T3. Bei manifester Hyperthyreose erhoeht; eine isolierte T3-Hyperthyreose ist beschrieben.
  • TRAK (TSH-Rezeptor-Antikoerper). Hochsensitiver und spezifischer Marker fuer Morbus Basedow; die Bestimmung gehoert zur Differentialdiagnostik der Hyperthyreose und zur Verlaufsbeurteilung unter thyreostatischer Therapie.[1],[5],[6] Die Cut-off-Schwellen sind assay-abhaengig; die Interpretation erfolgt anhand des jeweiligen Labor-Referenzbereichs.
  • TPO-Antikoerper. Bei einem Teil der Morbus-Basedow-Patientinnen und -Patienten positiv; fuer die Abgrenzung von einer Hashimoto-Thyreoiditis ist dieser Marker daher weniger spezifisch als TRAK.[1]

Bildgebung und Funktionsdiagnostik

  • Schilddruesensonographie. Typisch sind eine diffuse, oft vergroesserte, echoarme Schilddruese mit gesteigerter Vaskularisation in der Doppler-Untersuchung.[1],[3]
  • Szintigraphie. Bei unklarer Befundkonstellation kann eine Schilddruesenszintigraphie zur Differenzierung zwischen Morbus Basedow (diffuse Mehrspeicherung), Schilddruesenautonomie (fokale Mehrspeicherung) und thyreoiditischer Hyperthyreose (verminderte Speicherung) eingesetzt werden.[3]

Indikationsstellung und Interpretation

Welche Parameter in welcher Reihenfolge bestimmt werden, in welcher Konstellation eine Szintigraphie ergaenzt wird und wie die Befunde gewichtet werden, ist Gegenstand der aerztlichen Beurteilung.

5. Endokrine Orbitopathie

Die endokrine Orbitopathie (Graves orbitopathy) ist die haeufigste extrathyreoidale Manifestation des Morbus Basedow. Klinisch manifeste Befunde finden sich in einem Teil der Verlaeufe; in einem kleineren Anteil ist der Verlauf moderat bis schwer und ein sehr kleiner Anteil entwickelt eine sehbedrohliche Form mit Hornhautulzeration oder Optikusneuropathie.[7],[8],[9]

Pathophysiologisch beruht die Orbitopathie auf einer Aktivierung des TSH-Rezeptors (und mutmasslich des IGF-1-Rezeptors) auf orbitalen Fibroblasten und Adipozyten. Daraus resultieren eine Lymphozyteninfiltration, eine Glykosaminoglykan-Einlagerung und eine Vermehrung des orbitalen Binde- und Fettgewebes mit Schwellung der Augenmuskeln und Protrusion des Bulbus.[7],[8]

Klinische Befunde reichen von trockenen, geroeteten Augen, Fremdkoerpergefuehl und Lidschwellung ueber eine Lidretraktion und Protrusion (Exophthalmus) bis zu Doppelbildern durch eine Funktionsbehinderung der Augenmuskeln; in der schwersten Form sind Hornhautulzerationen und eine Kompression des Sehnervs beschrieben.[7],[8]

Risikofaktoren fuer einen schwereren Verlauf sind:[7],[8]

  • Aktives Rauchen. In den Datenarbeiten zur Orbitopathie ist das Rauchen der modifizierbare Risikofaktor mit dem deutlichsten Effekt auf Schweregrad und Therapieansprechen; Prummel und Wiersinga (JAMA 1993) berichten in einer Fall-Kontroll-Analyse ein deutlich erhoehtes Risiko fuer eine Orbitopathie bei Rauchenden gegenueber Nichtrauchenden.[7],[8]
  • Hohe TRAK-Titer.
  • Schwere oder lang unkontrollierte Hyperthyreose.
  • Radiojodtherapie ohne begleitende Glukokortikoid-Prophylaxe bei Personen mit aktiver oder gerade erst aufgetretener Orbitopathie.

Die Therapie der Orbitopathie folgt den Empfehlungen der European Thyroid Association und der European Group on Graves' Orbitopathy (EUGOGO, Bartalena et al. 2016 und 2021). Stufengerecht eingesetzt werden bei milder Aktivitaet unterstuetzende Massnahmen (Traenenersatz, Lidpflege, Sonnenschutz, ggf. Prismenglaeser bei Doppelbildern, in einzelnen Konstellationen Selen-Supplementation nach Marcocci 2011, siehe Abschnitt 8), bei moderater bis schwerer aktiver Form intravenoese Glukokortikoide gegebenenfalls in Kombination mit weiteren Immunsuppressiva, bei steroid-refraktaeren oder progredienten Verlaeufen Mycophenolat, Rituximab, Tocilizumab oder der IGF-1-Rezeptor-Antikoerper Teprotumumab; bei sehbedrohlichen Verlaeufen die zuegige chirurgische orbitale Dekompression. Die Indikationsstellung gehoert in die spezialaerztliche Beurteilung.[9]

6. Standardtherapie der Hyperthyreose

Die ATA-Leitlinie 2016 (Ross et al.) sowie die nachfolgenden internationalen Empfehlungen beschreiben drei Therapieoptionen bei Morbus Basedow, deren Auswahl von Schweregrad, Begleiterkrankungen, Alter, Schwangerschaft, Augenbeteiligung sowie von den Patientenpraeferenzen abhaengt:[3],[10]

Thyreostatische Therapie

Thyreostatika hemmen die Hormonsynthese in der Schilddruese.

  • Thiamazol (synonym Methimazol; in der Schweiz, in Deutschland und in Oesterreich auch als Prodrug Carbimazol verbreitet) ist nach ATA-Empfehlung das Mittel der Wahl ausserhalb der Schwangerschaft und im zweiten und dritten Trimenon einer Schwangerschaft.
  • Propylthiouracil wird wegen des seltenen, aber moeglichen Risikos einer schweren Lebertoxizitaet zurueckhaltender eingesetzt; in der Schwangerschaft ist es im ersten Trimenon wegen des im Vergleich zu Thiamazol guenstigeren teratogenen Profils Mittel der Wahl.[3]
  • Die Therapiedauer ist in den Leitlinien mit etwa 12 bis 18 Monaten beschrieben; die Remissionsraten nach Therapieende sind in beobachtenden Auswertungen und randomisierten Studien heterogen und liegen in einer Groessenordnung von ungefaehr der Haelfte der Behandelten, mit relevanter Rezidivrate in den ersten Jahren nach Absetzen.[3],[10]
  • Moegliche Nebenwirkungen sind Hautausschlag, Juckreiz, Gelenkbeschwerden, Leberwert-Veraenderungen und sehr selten eine Agranulozytose; das Auftreten von Fieber oder einer ausgepraegten Halsentzuendung unter Thyreostatika ist ein Grund fuer eine zuegige aerztliche Abklaerung.[3]

Radiojodtherapie

Bei der Radiojodtherapie wird oral verabreichtes 131-Iod selektiv in der Schilddruese gespeichert und zerstoert das hyperaktive Gewebe.

  • Die Therapie fuehrt in der Mehrzahl der Verlaeufe zu einer Euthyreose oder zu einer Hypothyreose mit anschliessender lebenslanger Levothyroxin-Substitution.[3]
  • Sie ist in der Schwangerschaft und in der Stillzeit kontraindiziert; eine Schwangerschaft sollte in der Folgezeit ausgeschlossen oder vermieden werden, in den Leitlinien wird in der Regel ein Sicherheits-Intervall genannt.[3]
  • Bei aktiver endokriner Orbitopathie ist die Radiojodtherapie nach EUGOGO-Empfehlung mit einer Glukokortikoid-Prophylaxe zu begleiten, weil eine moegliche Verschlechterung der Orbitopathie beschrieben ist; alternativ wird die Therapie verschoben oder durch eine andere Option ersetzt.[9]

Thyreoidektomie

Die operative Entfernung der Schilddruese ist eine definitive Therapieoption.

  • Indikationen umfassen unter anderem grosse Struma mit Verdraengungs-Symptomen, malignitaets-suspekte Knoten, schwere oder steroid-refraktaere endokrine Orbitopathie, das Therapieversagen oder die Unvertraeglichkeit von Thyreostatika sowie den Patientenwunsch.[3]
  • Komplikationen umfassen das postoperative Risiko einer Rekurrensparese und einer permanenten Hypoparathyreoidismus; die Komplikationsraten haengen wesentlich von der Erfahrung des Operateurs und vom operativen Setting ab.[3]
  • Nach totaler Thyreoidektomie ist eine lebenslange Substitution mit Levothyroxin erforderlich.

Symptomatische Therapie

Bei ausgepraegter adrenerger Symptomatik (Tachykardie, Tremor, Unruhe) wird im Beginn haeufig ein Betarezeptorenblocker (zum Beispiel Propranolol) ergaenzt; die Indikation und Dauer gehoeren in die aerztliche Beurteilung.[3]

7. Schwangerschaft und Kinderwunsch

Eine unbehandelte oder schlecht eingestellte Hyperthyreose ist mit einem erhoehten Risiko fuer Fehlgeburten, Fruehgeburten, Schwangerschaftshypertonie und Komplikationen beim Neugeborenen assoziiert.[3],[11] Die ATA-Leitlinie zur Schilddruesendiagnostik in der Schwangerschaft 2017 (Alexander et al.) empfiehlt eine spezialaerztliche Mitbetreuung und benennt die Besonderheiten der Antikoerper-Diagnostik (TRAK koennen die Plazenta passieren und in seltenen Faellen zu einer fetalen oder neonatalen Hyperthyreose fuehren) sowie die Auswahl des Thyreostatikums nach Trimenon (Propylthiouracil im ersten Trimenon, Wechsel auf Thiamazol im zweiten und dritten Trimenon).[11] Indikation, Auswahl und Dosis der Substanz sowie die Verlaufsbeurteilung erfolgen aerztlich.

8. Ernaehrung, Lebensstil und Mikronaehrstoffe

Allgemeine Empfehlungen zu ausgewogener Ernaehrung, Bewegung, ausreichendem Schlaf und Stressreduktion gelten unabhaengig vom Vorliegen eines Morbus Basedow. Eine schilddruesen-spezifische Verzehrempfehlung laesst sich daraus nicht ableiten.

Bei Morbus Basedow ist ein Verzicht oder eine Reduktion einer ploetzlich hohen Jodzufuhr (zum Beispiel kurz vor einer diagnostischen Klaerung der Hyperthyreose oder vor einer geplanten Radiojodtherapie) Gegenstand der aerztlichen Anweisung; eine generelle "Jod-Karenz" laesst sich aus den Leitlinien nicht ableiten.[3]

Rauchen ist der modifizierbare Faktor mit dem deutlichsten Effekt auf den Verlauf einer endokrinen Orbitopathie und auf das Ansprechen ihrer Therapie; das Absetzen wird in den EUGOGO-Empfehlungen unterstuetzt.[7],[9]

Selen

Eine in der Literatur diskutierte Studie zu Selen bei endokriner Orbitopathie ist die randomisierte, doppelblinde Untersuchung von Marcocci und Kollegen (NEJM 2011, n = 159, milde Orbitopathie). Die Studienarme erhielten ueber sechs Monate Natriumselenit (zweimal taeglich 100 ug, das heisst 200 ug Selen pro Tag), Pentoxifyllin oder Placebo. In der Selen-Gruppe wurden im Vergleich zu Placebo guenstigere Verlaeufe der Augensymptome und eine bessere Lebensqualitaet beobachtet; die Stichprobe ist klein, die Studie wurde in Regionen mit grenzwertiger Selenversorgung durchgefuehrt, und ein Wirknachweis bei moderater oder schwerer Orbitopathie liegt nicht vor.[12] Die EUGOGO-Empfehlung 2021 fuehrt eine Selen-Gabe ueber sechs Monate als optionale Massnahme bei milder, kurz bestehender Orbitopathie, mit Hinweis auf die regionale Selen- Versorgung; sie ist keine generelle Therapie der Orbitopathie und keine ersetzende Massnahme fuer die Standardbehandlung.[9]

Auf EU-Ebene ist fuer Selen unter anderem der Health Claim "Selen traegt zu einer normalen Schilddruesenfunktion bei" (Identifikations- nummer 1750 im Register der Health-Claims-Verordnung, VO (EG) Nr. 1924/2006) zugelassen. Krankheitsbezogene Aussagen zum Selen sind durch diesen Claim nicht gedeckt; ein eigenstaendig zugelassener Claim "Selen zur Behandlung der endokrinen Orbitopathie" existiert nicht. Ein Nahrungsergaenzungsmittel ist weder eine Therapie der Hyperthyreose noch eine Therapie der endokrinen Orbitopathie; die Auswahl und der Einsatz einer Substitution gehoeren in die aerztliche Beurteilung.

Fuer andere im Zusammenhang mit Schilddruesen-Autoimmunerkrankungen diskutierte Mikronaehrstoffe (Vitamin D, Zink, Eisen, B-Vitamine, Omega-3-Fettsaeuren) ist im EU-Register kein Morbus-Basedow- spezifischer Health Claim eingetragen; die Datenlage ist heterogen.

9. Verlauf und Prognose

Der unbehandelte oder schlecht eingestellte Morbus Basedow ist mit einer relevanten kardiovaskulaeren, ossaeren und psychischen Belastung verbunden. Unter einer der drei Standardtherapien ist die Hyperthyreose in der Regel gut kontrollierbar; eine dauerhafte Remission nach thyreostatischer Therapie tritt in einem Teil der Verlaeufe ein, die Rezidivrate in den ersten Jahren nach Absetzen ist relevant.[3],[10] Nach Radiojodtherapie oder Thyreoidektomie ist eine lebenslange Levothyroxin-Substitution in der Mehrzahl der Verlaeufe erforderlich.[3]

Die endokrine Orbitopathie verlaeuft in der Mehrzahl der Faelle mild und stabilisiert sich nach einer Aktivitaetsphase von ein bis drei Jahren; ein kleinerer Anteil entwickelt eine moderate bis schwere Form mit dauerhaften Befunden, die eine spezialaerztliche Versorgung und gegebenenfalls eine rehabilitative oder operative Korrektur erfordern.[7],[9]

10. Zusammenfassung

Morbus Basedow ist eine autoimmune Hyperthyreose mit stimulierenden TSH-Rezeptor-Antikoerpern. Die Diagnose stuetzt sich auf TSH, fT4 und fT3, auf den TRAK-Nachweis und auf die Schilddruesensonographie, ergaenzt in einzelnen Konstellationen durch eine Szintigraphie. Die drei in den Leitlinien gefuehrten Therapieoptionen sind Thyreostatika (Thiamazol/Carbimazol als Mittel der Wahl ausserhalb der Schwangerschaft, Propylthiouracil im ersten Trimenon und bei Unvertraeglichkeit), Radiojodtherapie und Thyreoidektomie. Die endokrine Orbitopathie ist die haeufigste extrathyreoidale Manifestation; ihre Therapie folgt den EUGOGO-Empfehlungen mit stufengerechtem Einsatz von unterstuetzenden Massnahmen, intravenoesen Glukokortikoiden und in selektierten Konstellationen weiteren Immunsuppressiva oder dem IGF-1-Rezeptor-Antikoerper Teprotumumab. Aktives Rauchen ist der wichtigste modifizierbare Risikofaktor fuer einen schwereren Orbitopathie-Verlauf. Indikation, Auswahl und Verlaufsbeurteilung der einzelnen Therapieoptionen sind Gegenstand der individuellen aerztlichen Beurteilung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine aerztliche Abklaerung erforderlich. Nahrungsergaenzungsmittel koennen Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

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  3. Ross DS, Burch HB, Cooper DS, Greenlee MC, Laurberg P, Maia AL, Rivkees SA, Samuels M, Sosa JA, Stan MN, Walter MA. 2016 American Thyroid Association Guidelines for Diagnosis and Management of Hyperthyroidism and Other Causes of Thyrotoxicosis. Thyroid. 2016;26(10):1343-1421. DOI: 10.1089/thy.2016.0229.
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  13. Bartalena L, Baldeschi L, Boboridis K, Eckstein A, Kahaly GJ, Marcocci C, Perros P, Salvi M, Wiersinga WM (EUGOGO). The 2016 European Thyroid Association/European Group on Graves' Orbitopathy Guidelines for the Management of Graves' Orbitopathy. Eur Thyroid J. 2016;5(1):9-26. DOI: 10.1159/000443828.
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