Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis: Studienlage und Einordnung

Illustration: KI-generiert

Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis: Studienlage und Einordnung

Die Autoimmunprotokoll-Diät (AIP, „Autoimmune Protocol") ist eine strikte Eliminationskost, die in der populären Literatur seit den 2010er Jahren als ergänzende Maßnahme bei Autoimmunerkrankungen diskutiert wird. Das Konzept geht auf die Sachbuch-Publikationen von Sarah Ballantyne („The Paleo Approach", 2014) zurück und ist nicht Bestandteil einer konsentierten ärztlichen Leitlinie zur Hashimoto-Thyreoiditis.

Dieser Artikel referiert die publizierte Studienlage zur AIP-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis, ordnet die Aussagekraft der vorliegenden Studien ein und benennt die bekannten Risiken einer restriktiven Eliminationskost. Er formuliert keine Verzehrempfehlung und keine Diät und ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung.

1. Vorbemerkung zur Beleg-Lage und zur rechtlichen Einordnung

Die einschlägigen internistischen Leitlinien zur Hypothyreose und zur Hashimoto-Thyreoiditis (Garber et al. 2012 für die American Association of Clinical Endocrinologists und die American Thyroid Association; Jonklaas et al. 2014 für dieselbe Fachgesellschaft) beschreiben keine schilddrüsenspezifische Diät und führen die AIP-Diät nicht.¹,¹¹ Auch die fachärztliche Übersichtsliteratur zur Thyreoiditis beschreibt keine schilddrüsenspezifische Diätform.² Die ärztliche Behandlung der manifesten Hypothyreose erfolgt mit Levothyroxin; eine kausale, immunmodulatorische Therapie der Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht etabliert, dies gilt auch für Ernährungs-Interventionen.¹

Für eine Diätform als solche existiert keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Eine Aussage, die Autoimmunprotokoll-Diät behandle, lindere oder beuge einer Hashimoto-Thyreoiditis vor, ist lebensmittelrechtlich nicht zulässig. Der vorliegende Artikel beschreibt ausschließlich die publizierte Studienlage und formuliert keine Wirkaussage.

2. Konzept der Autoimmunprotokoll-Diät

Die Autoimmunprotokoll-Diät ist eine Eliminationskost mit sehr eingeschränkter Lebensmittelauswahl. In der von Ballantyne ausgearbeiteten Form werden in einer Eliminationsphase typischerweise für sechs bis zwölf Wochen verzichtet auf:

  • Getreide einschließlich glutenfreier Sorten,
  • Hülsenfrüchte einschließlich Sojaprodukten und Erdnüssen,
  • Milchprodukte einschließlich Butter,
  • Eier (vor allem das Eiklar),
  • Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln, Auberginen, Chili),
  • Nüsse und Samen einschließlich davon abgeleiteter Öle, Kaffee und Kakao,
  • Lebensmittelzusatzstoffe (Emulgatoren, Verdickungsmittel, künstliche Süßungsmittel),
  • Alkohol und Zuckerzusätze.

In einer anschließenden Reintroduktionsphase werden einzelne Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt mit dem Ziel, individuelle Unverträglichkeiten zu identifizieren.

Das Konzept stützt sich auf die Hypothese, dass eine erhöhte intestinale Permeabilität („leaky gut") und eine veränderte Darmmikrobiota an der Pathogenese chronischer Autoimmunerkrankungen beteiligt sind und durch Ernährungs-Eliminierung beeinflussbar sein könnten.³ Diese Hypothese ist Gegenstand der Forschung; ein kausaler Zusammenhang zwischen einzelnen Lebensmittelgruppen und der Krankheitsaktivität einer Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht belegt.

3. Publizierte Studien

3.1 Abbott et al. 2019: Pilotstudie bei Hashimoto-Thyreoiditis

Zur AIP-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis liegen zwei kleine, nicht kontrollierte Interventionsstudien vor. Die erste ist eine offene Pilotstudie von Abbott, Sadowski und Alt (2019).⁴ Eingeschlossen wurden 17 Frauen zwischen 20 und 45 Jahren mit einem Body-Mass-Index unter 29,9 und mit ärztlich diagnostizierter Hashimoto-Thyreoiditis, von denen 16 die Fragebogen-Auswertung abschlossen. Die Intervention bestand aus einer zehnwöchigen multidisziplinär begleiteten Anwendung des AIP-Konzepts (sechs Wochen Elimination, vier Wochen Erhaltungsphase ohne Wiedereinführung von Lebensmittelgruppen) in Kombination mit Coaching-Gesprächen.

Berichtet wurden:

  • eine statistisch signifikante Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität in allen acht Subskalen des SF-36-Fragebogens,
  • eine Abnahme eines unspezifischen Entzündungsmarkers (hochsensitives C-reaktives Protein, hs-CRP) um rund 29 %,
  • keine statistisch signifikante Veränderung der Schilddrüsenwerte (TSH, freies Thyroxin, freies Trijodthyronin; n = 12) und der Schilddrüsen-Autoantikörper (TPO-Antikörper, Thyreoglobulin-Antikörper; n = 14). Bei diesen Fallzahlen lässt sich aus dem Ausbleiben einer Signifikanz nicht auf das Fehlen eines Effekts schließen.

Methodische Einschränkungen sind erheblich: Die Studie ist klein, unverblindet, nicht placebokontrolliert und nicht randomisiert. Die multimodale Intervention (Diät, Begleitung, Schulung) erlaubt keine Trennung der Effekte. Die primären Endpunkte waren selbstberichtete, fragebogenbasierte Maße, die für unspezifische Effekte einer intensiven Begleitung besonders anfällig sind. Hinzu kommt ein Interessenkonflikt: Die eingesetzte Intervention war ein kommerzielles Online-Coaching-Programm, an dessen Anbieter eine der Autorinnen als Mitgründerin beteiligt ist. Eine Aussage zum Krankheitsverlauf der Hashimoto-Thyreoiditis lässt sich aus dieser Konstellation nicht ableiten.

3.2 Ihnatowicz et al. 2023: zweite Studie bei Hashimoto-Thyreoiditis

Eine zweite, ebenfalls unkontrollierte Interventionsstudie untersuchte 28 euthyreote Personen mit Hashimoto-Thyreoiditis über zwölf Wochen unter AIP-Diät.¹² Berichtet wurden ein Rückgang der Zahl der Personen mit Beschwerden, ein Absinken von freiem Trijodthyronin, freiem Thyroxin und TSH innerhalb des Referenzbereichs sowie ein leichter Rückgang der Thyreoglobulin-Antikörper. Die TPO-Antikörper stiegen dagegen signifikant an. Das Körpergewicht der Teilnehmenden sank, was die Autoren auf ein Kaloriendefizit zurückführen. Der Antikörper-Befund läuft der Richtung entgegen, die in der populären Literatur mit der Eliminationskost verbunden wird; auch diese Studie ist klein, unverblindet und ohne Kontrollgruppe.

3.3 Konijeti et al. 2017: AIP-Diät bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Konijeti und Kollegen (2017) untersuchten in einer unkontrollierten, einarmigen Interventionsstudie an 15 Patienten mit aktiver chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) den Effekt eines AIP-Programms über elf Wochen (sechs Wochen Elimination, fünf Wochen Erhaltung).⁵ Berichtet wurden Verbesserungen klinischer Aktivitätsindizes; auch hier ist die Studie klein, unverblindet und nicht randomisiert. Die Übertragbarkeit dieser Befunde auf die Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht etabliert.

3.4 Weitere Studienlage

Randomisierte, placebokontrollierte Studien zur Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis sind zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht publiziert. Eine konsentierte Empfehlung in fachärztlichen Leitlinien zur Hypothyreose oder zur Hashimoto-Thyreoiditis lässt sich aus der vorliegenden Datenlage nicht ableiten.¹,¹¹

Für die im AIP-Konzept oft als Trigger benannte Gluten-Exposition existiert eine separate, ebenfalls kleine Pilotstudie von Krysiak et al. (2019), die unter glutenfreier Ernährung über sechs Monate bei Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis ohne medikamentöse Therapie und mit zufällig entdeckten positiven Transglutaminase-Antikörpern eine Abnahme der Schilddrüsen-Autoantikörper berichtete (16 Frauen mit Diät, 18 ohne Diät); auch dieser Befund ist serologisch, nicht patientenrelevant verankert.⁶ Die Frage einer Zöliakie-Diagnostik gehört in die ärztliche Beurteilung; die Komorbidität von autoimmuner Schilddrüsenerkrankung und Zöliakie liegt nach der Meta-Analyse von Roy et al. (2016) bei rund 1,6 % (95 %-Konfidenzintervall 1,3 bis 1,9), in der Untergruppe der Hypothyreose bei 1,4 %. Die Autoren leiten daraus ab, dass Patienten mit autoimmuner Schilddrüsenerkrankung auf Zöliakie untersucht werden sollten.⁷

4. Risiken einer restriktiven Eliminationskost

Eliminationskostformen mit sehr eingeschränkter Lebensmittelauswahl sind nicht risikofrei. In der einschlägigen Literatur werden beschrieben:

  • Risiko einer unzureichenden Zufuhr von Ballaststoffen, B-Vitaminen, Calcium und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, insbesondere bei längerer oder unbegleiteter Anwendung der Eliminationsphase; zur Einordnung siehe Nährstofflücken bei Eliminationskost,
  • eingeschränkte Zufuhr von Jod, Eisen und Selen, wenn Milchprodukte, Getreideprodukte und jodiertes Speisesalz wegfallen; diese Nährstoffe werden in der Übersichtsliteratur zur Hashimoto-Thyreoiditis als relevante Ernährungsfaktoren diskutiert,⁸
  • Mehrkosten und hoher Zeitaufwand bei der Speisenzubereitung, mit Auswirkungen auf die Durchführbarkeit im Alltag und auf die soziale Teilhabe,
  • Risiko einer fixierten Beschäftigung mit der Lebensmittelzusammensetzung sowie einer Reaktivierung oder Manifestation einer Essstörung bei prädisponierten Personen. Das Muster wird in der Fachliteratur unter dem Begriff „Orthorexia nervosa" diskutiert, dessen Definition und diagnostische Kriterien nicht abschließend konsentiert sind.⁹
  • Wechselwirkungen mit der Levothyroxin-Resorption bei manifester Hypothyreose: ballaststoffangereicherte Nahrungsergänzung ist in der pharmakologischen Literatur als Faktor einer reduzierten Levothyroxin-Bioverfügbarkeit beschrieben; die konkreten Einnahme-Abstände sind in der Fachinformation des jeweiligen Präparats geregelt.¹⁰
  • Gewichtsabnahme unter der Eliminationsphase, in einer der vorliegenden Studien auf ein Kaloriendefizit zurückgeführt;¹² bei bestehender Levothyroxin-Substitution gehört die Kontrolle der Dosiseinstellung in ärztliche Hand.

Eine Anwendung einer Eliminationskost gehört aus diesen Gründen in die ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung, insbesondere in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Untergewicht, bei Vorgeschichte einer Essstörung sowie bei bestehender Medikation. Den weiteren Rahmen behandelt der Beitrag zur Ernährung bei Hashimoto.

5. Zusammenfassung

Zur Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis liegen zwei kleine, nicht kontrollierte Interventionsstudien vor. Die offene Pilotstudie an 17 Frauen (Abbott et al. 2019) berichtete Verbesserungen selbstberichteter Lebensqualität und eine Abnahme eines unspezifischen Entzündungsmarkers, ohne Veränderung der Schilddrüsenwerte oder der Autoantikörper. Die zweite Studie an 28 Personen (Ihnatowicz et al. 2023) berichtete einen signifikanten Anstieg der TPO-Antikörper bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme. Eine weitere AIP-Studie an Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Konijeti et al. 2017) ist nicht auf die Schilddrüse übertragbar. Randomisierte kontrollierte Studien fehlen. Aus der vorliegenden Datenlage lässt sich keine fachärztlich konsentierte Empfehlung der Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis ableiten. Restriktive Eliminationskostformen sind mit dem Risiko einer Unterversorgung, mit relevanten Alltagseinschränkungen und mit einem erhöhten Risiko gestörter Essmuster verbunden; ihre Anwendung gehört in die ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
  2. Pearce EN, Farwell AP, Braverman LE. Thyroiditis. N Engl J Med. 2003;348(26):2646-2655. DOI: 10.1056/NEJMra021194.
  3. Fasano A. Leaky gut and autoimmune diseases. Clin Rev Allergy Immunol. 2012;42(1):71-78. DOI: 10.1007/s12016-011-8291-x.
  4. Abbott RD, Sadowski A, Alt AG. Efficacy of the Autoimmune Protocol Diet as Part of a Multi-disciplinary, Supported Lifestyle Intervention for Hashimoto's Thyroiditis. Cureus. 2019;11(4):e4556. DOI: 10.7759/cureus.4556.
  5. Konijeti GG, Kim N, Lewis JD, et al. Efficacy of the Autoimmune Protocol Diet for Inflammatory Bowel Disease. Inflamm Bowel Dis. 2017;23(11):2054-2060. DOI: 10.1097/MIB.0000000000001221.
  6. Krysiak R, Szkróbka W, Okopień B. The Effect of Gluten-Free Diet on Thyroid Autoimmunity in Drug-Naïve Women with Hashimoto's Thyroiditis: A Pilot Study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2019;127(7):417-422. DOI: 10.1055/a-0653-7108.
  7. Roy A, Laszkowska M, Sundström J, et al. Prevalence of Celiac Disease in Patients with Autoimmune Thyroid Disease: A Meta-Analysis. Thyroid. 2016;26(7):880-890. DOI: 10.1089/thy.2016.0108.
  8. Hu S, Rayman MP. Multiple Nutritional Factors and the Risk of Hashimoto's Thyroiditis. Thyroid. 2017;27(5):597-610. DOI: 10.1089/thy.2016.0635.
  9. Cena H, Barthels F, Cuzzolaro M, et al. Definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa: a narrative review of the literature. Eat Weight Disord. 2019;24(2):209-246. DOI: 10.1007/s40519-018-0606-y.
  10. Liel Y, Harman-Boehm I, Shany S. Evidence for a clinically important adverse effect of fiber-enriched diet on the bioavailability of levothyroxine in adult hypothyroid patients. J Clin Endocrinol Metab. 1996;81(2):857-859. DOI: 10.1210/jcem.81.2.8636317.
  11. Jonklaas J, Bianco AC, Bauer AJ, et al. Guidelines for the treatment of hypothyroidism: prepared by the American Thyroid Association Task Force on Thyroid Hormone Replacement. Thyroid. 2014;24(12):1670-1751. DOI: 10.1089/thy.2014.0028.
  12. Ihnatowicz P, Gębski J, Drywień ME. Effects of Autoimmune Protocol (AIP) diet on changes in thyroid parameters in Hashimoto's disease. Ann Agric Environ Med. 2023;30(3):513-521. DOI: 10.26444/aaem/166263.
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