Ernährungsmuster und Leberfunktion: Studienlage zur mediterranen Diät und zu Kaffee
Split
Die Frage, welche Form der Ernährung mit günstigeren Leber- parametern verbunden ist, gehört seit längerem in den Fokus hepatologischer Forschung. Die häufigste chronische Leber- erkrankung weltweit ist die metabolisch-assoziierte Steatose- Lebererkrankung (Metabolic Dysfunction-Associated Steatotic Liver Disease, MASLD; vormals nichtalkoholische Fettleber- erkrankung, NAFLD). Sie ist eng mit dem metabolischen Syndrom gekoppelt, und Ernährungsmuster zählen zu den Faktoren, deren Zusammenhang mit dem Leberfettgehalt und den Leberenzymen in einer Reihe randomisierter und observationeller Studien untersucht ist.¹,²
Dieser Artikel referiert die Studienlage zu Ernährungsmustern und zu einzelnen Lebensmittelgruppen, für die mehrere Untersuchungen oder Leitlinien-Aussagen vorliegen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Hinweise zur Pathophysiologie der MASLD, zur Bewertung erhöhter Leberwerte und zu einzelnen Mikronährstoffen finden sich in den jeweils eigenen Artikeln der Wissensdatenbank.
1. Mediterranes Ernährungsmuster
Unter mediterraner Ernährung wird in der Forschung kein einzelnes Lebensmittel, sondern ein Muster mit hohem Anteil an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkornprodukten, Olivenöl und Fisch sowie geringem Anteil an rotem und verarbeitetem Fleisch, gesättigten Fetten und zugesetzten Zuckern, insbesondere Fruktose aus Softdrinks, verstanden.¹,³
Die EASL-EASD-EASO-Leitlinie 2024 zur MASLD-Versorgung empfiehlt für Erwachsene mit MASLD ein Ernährungsmuster nach mediterraner Tradition als das am besten studiengestützte Muster; das AGA Clinical Practice Update 2021 kommt zu einer übereinstimmenden Einschätzung.¹,³
Studien zur mediterranen Diät bei NAFLD/MASLD
- Ryan et al. 2013 (Journal of Hepatology) untersuchten in einer randomisierten, crossover angelegten Diät-Intervention an zwölf nicht-diabetischen Personen mit biopsie-gesicherter NAFLD über zwei sechswöchige Phasen den Effekt einer mediterranen Diät gegen eine fettarme, kohlenhydratreiche Vergleichsdiät. Die Autorinnen und Autoren berichteten unter der mediterranen Diät eine Reduktion des intrahepatischen Triglyzerid-Gehalts (Magnetresonanz-Spektroskopie) und eine Verbesserung der Insulinsensitivität (Hyperinsulinämisch-euglykämischer Clamp), beides ohne nennenswerten Gewichtsverlust. Die kleine Stichprobe und das Crossover-Design limitieren die Übertragbarkeit.⁴
- Properzi et al. 2018 (Hepatology) verglichen in einem zwölfwöchigen randomisierten kontrollierten Versuch (n = 48) eine mediterrane Diät ad libitum mit einer fettarmen ad-libitum- Diät bei Erwachsenen mit NAFLD. Beide Gruppen zeigten eine signifikante Reduktion des Leberfettgehalts (MR-Protonendichte- Fettfraktion); zwischen den Gruppen ergab sich kein signifikanter Unterschied. Der Befund spricht für die Relevanz des Musters und gleichzeitig dafür, dass nicht jeder Effekt einer mediterranen Ernährung mediterran-spezifisch sein muss.⁵
- Romero-Gómez, Zelber-Sagi und Trenell 2017 (Journal of Hepatology) berichten in einer Übersicht zur NAFLD-Therapie mit Ernährung und Bewegung, dass mediterrane Diät-Muster eine Reduktion des Leberfetts auch ohne nennenswerten Gewichts- verlust beschrieben haben.⁶
- Zelber-Sagi, Salomone und Mlynarsky 2017 (Liver International) diskutieren in einer Übersicht molekulare Wirkmechanismen, die einen Zusammenhang zwischen mediterranem Muster und MASLD- Markern plausibel machen (geringere De-novo-Lipogenese, bessere Insulinsensitivität, geringerer oxidativer Stress).⁷
Die Studien zur mediterranen Diät sind methodisch heterogen (Stichprobengröße, Adhärenzmessung, Definition des Musters); die Richtung der Befunde ist konsistent.
2. Olivenöl im Kontext der mediterranen Diät
Olivenöl ist Bestandteil des mediterranen Ernährungsmusters und liefert einfach ungesättigte Fettsäuren sowie Polyphenole. Studien, die Olivenöl isoliert untersuchen, sind kleiner und heterogener als Studien zum Gesamtmuster.
Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse von Sarsangi et al. 2024 (Nutrients, sieben randomisierte Studien, n = 529) zum Olivenöl-Konsum bei NAFLD berichtete keinen statistisch signifikanten Effekt auf ALT oder AST in der gepoolten Auswertung, jedoch eine Reduktion des BMI in der gepoolten Subgruppe. Die Heterogenität der Studien und die kleinen Stichprobengrößen sind in der Bewertung zu berücksichtigen.⁸
Eine isolierte Empfehlung zu Olivenöl ohne das umgebende Muster ist aus der Studienlage nicht ableitbar. Olivenöl ist im mediterranen Muster ein Element, nicht der erklärende Faktor.
3. Reduktion zugesetzter Zucker und Fruktose
Ein hoher Anteil an zugesetztem Zucker, insbesondere Fruktose aus zuckergesüßten Getränken, wird in den Leitlinien EASL-EASD- EASO 2024 und im AGA Clinical Practice Update 2021 als Ernährungsfaktor genannt, der mit dem Leberfettgehalt und mit metabolischen Markern in einem ungünstigen Zusammenhang steht.¹,³ Die Empfehlung zur Reduktion folgt aus diesem Studienkontext und gehört zu den konsistenten Aussagen der jeweils aktuellen Leitlinien-Versionen.
4. Kaffee
Kaffeekonsum gehört zu den am breitesten untersuchten Ernährungsfaktoren mit Bezug zur Leber. Die Studien sind ganz überwiegend Beobachtungsstudien; sie können einen kausalen Zusammenhang nicht belegen, weil unter anderem Lebensstil- Konfundierung, Selektion und Rückkausalität nicht ausgeschlossen werden können.
- Wijarnpreecha, Thongprayoon und Ungprasert 2017 (European Journal of Gastroenterology & Hepatology) berichteten in einer Meta-Analyse mehrerer Beobachtungsstudien einen pool-relativen Risiko-Quotienten von 0,71 (95-%-Konfidenzintervall 0,60–0,85) für eine NAFLD bei regelmäßigem Kaffeekonsum gegenüber Nicht- Konsum. In der Subgruppe der NAFLD-Patientinnen und -Patienten fand sich zudem ein um etwa 35 % reduziertes Risiko für eine fortgeschrittene Fibrose (Pool-RR 0,65, 95 % KI 0,54–0,78).⁹
- Liu et al. 2015 (PLoS ONE) berichteten in einer Meta-Analyse von Beobachtungsstudien eine inverse Assoziation zwischen regelmäßigem Kaffeekonsum und dem Auftreten einer fortgeschrittenen Fibrose bei chronischer Leberkrankheit.¹⁰
- Kennedy et al. 2016 (Aliment Pharmacol Ther) berichteten in einer systematischen Übersicht und Meta-Analyse über mehrere Beobachtungsstudien eine Reduktion des relativen Risikos für Zirrhose mit zunehmendem täglichen Kaffeekonsum.¹¹
- Bravi et al. 2017 (European Journal of Cancer Prevention) berichteten in einer Meta-Analyse prospektiver Kohorten- studien eine inverse Assoziation zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko für hepatozelluläres Karzinom.¹²
Die genannten Daten stammen aus Beobachtungsstudien und unterstützen einen Zusammenhang, keinen Wirknachweis. Ob eine gezielte Erhöhung des Kaffeekonsums Leberparameter verändert, ist nicht in entsprechend dimensionierten Interventionsstudien geklärt. Eine Verzehrempfehlung lässt sich aus dieser Studien- lage nicht ableiten.
5. Grüner Tee
Eine Meta-Analyse randomisierter Studien von Mahmoodi et al. 2020 (Phytotherapy Research, 15 randomisierte Studien) fand für die Gesamtpopulation keinen signifikanten Effekt von Grüntee oder Grüntee-Catechinen auf ALT oder AST; in der Subgruppen- analyse bei Personen mit NAFLD zeigte sich eine Reduktion der Leberenzymwerte, während bei gesunden Personen ein leichter Anstieg beobachtet wurde.¹³ Die Heterogenität zwischen den eingeschlossenen Studien war erheblich.
Sicherheitsrelevant ist die Bewertung der EFSA 2018 zu hochdosierten Catechinen aus Grüntee-Extrakten: Bei einer Dosis von etwa 800 mg Epigallocatechin-Gallat (EGCG) pro Tag und mehr, insbesondere als Nahrungsergänzungsmittel auf nüchternen Magen, sind hepatotoxische Effekte in Einzelfällen berichtet worden.¹⁴ Diese Bewertung bezieht sich auf hochdosierte Extrakte, nicht auf das Getränk in üblicher Trink-Menge.
6. Alkohol
Alkohol ist ein etablierter Trigger für Leberschädigung und ist in den Leitlinien getrennt geregelt. Die EASL-Clinical Practice Guidelines zur alkoholbedingten Lebererkrankung sehen Alkoholabstinenz als zentrale Maßnahme.¹⁵ Die EASL-EASD-EASO- Leitlinie 2024 zur MASLD-Versorgung empfiehlt eine Begrenzung beziehungsweise Vermeidung des Alkoholkonsums, da Alkohol als zusätzliche hepatische Belastung wirkt und die Fibroseprogression beschleunigen kann.¹
Die Angaben zu einer noch „unbedenklichen" Alkoholmenge unterscheiden sich zwischen nationalen Leitlinien. Eine patientenindividuelle Beurteilung gehört in die ärztliche Versorgung.
7. Pflanzliche Extrakte (Mariendistel, Artischocke, Kurkuma)
Mariendistel-Extrakte mit dem Wirkstoffkomplex Silymarin, Artischockenblatt-Extrakte und Kurkuma-Extrakte mit Curcuminoiden werden in der Phytotherapie seit langem mit Bezug zur Leber- funktion verwendet. Sie sind in der Europäischen Union als Lebensmittel- bzw. Nahrungsergänzungsmittelzutaten verkehrs- fähig; gesundheitsbezogene Angaben zu ihrer Wirkung gehören zu den nach Art. 28 Abs. 5 und 6 der VO (EG) Nr. 1924/2006 noch nicht abschließend bewerteten („on hold"-)Health-Claims für Botanicals.
Die Studienlage zu einzelnen Endpunkten ist heterogen und methodisch limitiert (kleine Stichprobengrößen, kurze Beobach- tungszeiträume, uneinheitliche Extraktqualität). Eine valide zusammenfassende Wirkungsaussage lässt sich aus dieser Studien- lage nicht ableiten; insbesondere ergibt sich aus den Studien kein belastbarer Hinweis auf einen klinischen Nutzen bei fortgeschrittener Leberkrankung. Indikation, Auswahl und Dosierung gehören in jedem Einzelfall in die ärztliche Beurteilung; im Falle einer paralleler Einnahme verordneter Medikamente sind Wechselwirkungen separat zu prüfen.
8. Lebensmittelgruppen ohne spezifische Endpunkt-Studienlage
Für eine Reihe einzelner Lebensmittelgruppen (Kreuzblütler- Gemüse, grünes Blattgemüse, Beeren, Nüsse, Knoblauch, Rote Bete) existieren mechanistische Tier- und Zellstudien sowie einzelne kleine Humanstudien. Eine breitere Evidenzbasis für leberbezogene Endpunkte am Menschen liegt für diese Gruppen einzeln betrachtet nicht in der Qualität der mediterranen Diät-Studienlage vor. In das mediterrane Ernährungsmuster sind sie integriert und werden in dieser Form von den Leitlinien mitempfohlen.¹,³
9. Zusammenfassung
Die belastbarste Aussage zur Ernährung und Leber im Bereich MASLD bezieht sich auf das mediterrane Ernährungsmuster: Es ist in randomisierten Studien (Ryan 2013; Properzi 2018) sowie in Übersichtsarbeiten und Leitlinien (Romero-Gómez 2017; Zelber-Sagi 2017; EASL-EASD-EASO 2024; AGA 2021) mit einer Reduktion des Leberfettgehalts und einer Verbesserung metabolischer Marker in Zusammenhang gebracht worden — in Teilen auch ohne nennenswerten Gewichtsverlust.
Für Kaffee liegen mehrere Beobachtungsstudien-Meta-Analysen vor, die inverse Assoziationen mit NAFLD, fortgeschrittener Fibrose, Zirrhose und hepatozellulärem Karzinom beschreiben. Diese Daten erlauben keine kausale Schlussfolgerung und keine Verzehrempfehlung. Für Grüntee ist die Studienlage auf Leberenzyme heterogen; hochdosierte Catechin-Extrakte sind gesondert sicherheitsbewertet. Alkohol-Reduktion beziehungsweise -vermeidung ist in den Leitlinien einheitlich empfohlen.
Für einzelne pflanzliche Extrakte (Mariendistel, Artischocke, Kurkuma) sind die zugehörigen Health Claims auf EU-Ebene noch nicht abschließend bewertet; aus der vorliegenden Studienlage ergibt sich keine validierte Wirkungsaussage.
Die individuelle Beurteilung der eigenen Ernährung im Hinblick auf die Leberfunktion gehört in die ärztliche oder ernährungs- medizinische Versorgung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
- European Association for the Study of the Liver (EASL), European Association for the Study of Diabetes (EASD), European Association for the Study of Obesity (EASO). EASL-EASD-EASO Clinical Practice Guidelines on the management of metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease (MASLD). J Hepatol. 2024;81(3):492-542. DOI: 10.1016/j.jhep.2024.04.031.
- Riazi K, Azhari H, Charette JH, et al. The prevalence and incidence of nonalcoholic fatty liver disease worldwide: a systematic review and meta-analysis. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2022;7(9):851-861. DOI: 10.1016/S2468-1253(22)00165-0.
- Younossi ZM, Corey KE, Lim JK. AGA Clinical Practice Update on lifestyle modification using diet and exercise to achieve weight loss in the management of nonalcoholic fatty liver disease: expert review. Gastroenterology. 2021;160(3): 912-918. DOI: 10.1053/j.gastro.2020.11.051.
- Ryan MC, Itsiopoulos C, Thodis T, et al. The Mediterranean diet improves hepatic steatosis and insulin sensitivity in individuals with non-alcoholic fatty liver disease. J Hepatol. 2013;59(1):138-143. DOI: 10.1016/j.jhep.2013.02.012.
- Properzi C, O'Sullivan TA, Sherriff JL, et al. Ad libitum Mediterranean and low-fat diets both significantly reduce hepatic steatosis: a randomized controlled trial. Hepatology. 2018;68(5):1741-1754. DOI: 10.1002/hep.30076.
- Romero-Gómez M, Zelber-Sagi S, Trenell M. Treatment of NAFLD with diet, physical activity and exercise. J Hepatol. 2017;67(4):829-846. DOI: 10.1016/j.jhep.2017.05.016.
- Zelber-Sagi S, Salomone F, Mlynarsky L. The Mediterranean dietary pattern as the diet of choice for non-alcoholic fatty liver disease: evidence and plausible mechanisms. Liver Int. 2017;37(7):936-949. DOI: 10.1111/liv.13435.
- Sarsangi P, Mohammadi M, Salehi-Abargouei A, Esmaillzadeh A. The Effects of Olive Oil Consumption on Biochemical Parameters and Body Mass Index of People with Nonalcoholic Fatty Liver Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients. 2024;16(6):857. DOI: 10.3390/nu16060857.
- Wijarnpreecha K, Thongprayoon C, Ungprasert P. Coffee consumption and risk of nonalcoholic fatty liver disease: a systematic review and meta-analysis. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2017;29(2):e8-e12. DOI: 10.1097/MEG.0000000000000776.
- Liu F, Wang X, Wu G, et al. Coffee consumption decreases risks for hepatic fibrosis and cirrhosis: a meta-analysis. PLoS One. 2015;10(11):e0142457. DOI: 10.1371/journal.pone.0142457.
- Kennedy OJ, Roderick P, Buchanan R, Fallowfield JA, Hayes PC, Parkes J. Systematic review with meta-analysis: coffee consumption and the risk of cirrhosis. Aliment Pharmacol Ther. 2016;43(5):562-574. DOI: 10.1111/apt.13523.
- Bravi F, Tavani A, Bosetti C, Boffetta P, La Vecchia C. Coffee and the risk of hepatocellular carcinoma and chronic liver disease: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Eur J Cancer Prev. 2017;26(5):368-377. DOI: 10.1097/CEJ.0000000000000252.
- Mahmoodi M, Hosseini R, Kazemi A, Ofori-Asenso R, Mazidi M, Mazloomi SM. Effects of green tea or green tea catechin on liver enzymes in healthy individuals and people with nonalcoholic fatty liver disease: a systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. Phytother Res. 2020;34(7):1587-1598. DOI: 10.1002/ptr.6637.
- EFSA ANS Panel (EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food). Scientific opinion on the safety of green tea catechins. EFSA Journal. 2018;16(4):5239. DOI: 10.2903/j.efsa.2018.5239.
- European Association for the Study of the Liver (EASL). EASL Clinical Practice Guidelines: Management of alcohol-related liver disease. J Hepatol. 2018;69(1): 154-181. DOI: 10.1016/j.jhep.2018.03.018.


