Intervallfasten und Schilddrüse: Studienlage zu Schilddrüsenhormonen und Levothyroxin-Resorption

Intervallfasten und Schilddrüse: Studienlage zu Schilddrüsenhormonen und Levothyroxin-Resorption

Unter Intervallfasten wird ein Ernährungsmuster verstanden, das die tägliche Nahrungsaufnahme auf ein zeitlich begrenztes Fenster beschränkt. Die in der Forschungsliteratur am häufigsten untersuchten Varianten sind das Time-Restricted Feeding (etwa 16:8 oder 14:10), die alternierende Kalorienrestriktion (5:2) und längere Fastenphasen über 24 Stunden hinaus. In nicht-schilddrüsenspezifischen Studien sind unter diesen Mustern Effekte auf das Körpergewicht, die Insulinsensitivität und einzelne Entzündungsmarker beschrieben.¹,²,³,⁴

Für die Schilddrüse stellen sich zwei separate Fragen. Erstens: wie verändert sich die periphere Schilddrüsenhormon-Konversion unter verlängerter Nahrungskarenz oder unter Kaloriendefizit? Zweitens: wie wirkt sich ein zeitlich begrenztes Essensfenster auf die Resorption von Levothyroxin aus, das nach der internationalen Leitlinie nüchtern mit ausreichendem Abstand zu Mahlzeiten und zu Resorptions-relevanten Begleitstoffen eingenommen wird?⁵ Beide Fragen werden im Folgenden sachlich an der publizierten Studienlage referiert. Eine generelle Empfehlung für oder gegen Intervallfasten bei Schilddrüsenerkrankungen ist aus dieser Lage nicht ableitbar; die individuelle Beurteilung gehört in die ärztliche Betreuung.

1. Vorbemerkung zur Beleg-Lage und zum lebensmittelrechtlichen Rahmen

Die internistischen Leitlinien zur Hypothyreose und zur Hashimoto- Thyreoiditis (Garber et al. 2012 für die American Association of Clinical Endocrinologists und die American Thyroid Association) beschreiben keine spezifische Ernährungsintervention als Bestandteil der Behandlung der Hypothyreose; die manifeste Hypothyreose wird mit Levothyroxin substituiert.⁵ Spezifische Ernährungsmuster wie das Intervallfasten sind in der Forschungsliteratur überwiegend an Gesunden oder an Personen mit Übergewicht, Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes untersucht; randomisierte Studien zu patienten- relevanten Endpunkten unter Intervallfasten bei diagnostizierter Hashimoto-Thyreoiditis oder substituierter Hypothyreose liegen zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht in einer Anzahl und Qualität vor, die eine evidenzbasierte Empfehlung tragen würde.

Auf der lebensmittelrechtlichen Ebene gilt: gesundheitsbezogene Aussagen zu Stoffen sind in der EU und in der Schweiz nur in der Form zulässig, in der sie in der Liste zugelassener Claims der VO (EU) Nr. 432/2012 geführt werden. Krankheitsbezogene Aussagen, also Aussagen, die einer Diät, einem Lebensmittel oder einem Stoff Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer benannten Erkrankung zuschreiben, sind nach Art. 7 Abs. 3 VO (EU) Nr. 1169/2011 (Lebensmittelinformationsverordnung, LMIV) und Art. 14 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (Health Claims Verordnung, HCVO) grundsätzlich verboten. Dieser Artikel folgt diesen Grenzen.

2. Was Intervallfasten in der Forschungsliteratur beschreibt

Die Übersichtsarbeit von de Cabo und Mattson (2019) im New England Journal of Medicine fasst die experimentelle und klinische Evidenz zu Intervallfasten unter dem Mechanismus des metabolischen Switching von Glukose-zu-Keton-Substraten zusammen.¹ Patterson und Sears (2017) referieren in einer Übersicht der Annual Review of Nutrition die metabolischen Effekte verschiedener Intervallfasten-Protokolle.² Varady et al. (2022) ordnen in einer Übersicht der Nature Reviews Endocrinology die klinische Anwendbarkeit von Intervallfasten zur Gewichtsreduktion ein.³ Harvie und Howell (2017) bilanzieren in einer narrativen Übersicht potenzielle Nutzen und Schäden.⁴

Die berichteten Effekte beziehen sich überwiegend auf Endpunkte wie Körpergewicht, Nüchtern-Insulin, HOMA-IR, Lipidprofil, Blutdruck und einzelne Entzündungsmarker bei übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen ohne diagnostizierte Schilddrüsenerkrankung. Im direkten Vergleich zu kontinuierlicher Kalorienrestriktion ist die Gewichts- reduktion nach derzeitiger Datenlage ähnlich; ein eigenständiger, über die Kalorienrestriktion hinausgehender Effekt des Time- Restricted Feeding ist in mehreren randomisierten Studien nicht konsistent nachweisbar.²,³,⁴ Cienfuegos et al. (2020) berichteten in einer randomisierten Studie an 58 Erwachsenen mit Adipositas unter einem 4- bzw. 6-Stunden-Essensfenster über acht Wochen eine Gewichtsreduktion von etwa 3 % gegenüber der Kontrollgruppe; ein direkter Effekt auf die Schilddrüsenfunktion war kein Endpunkt der Studie.⁶

3. Fastenassoziierte Veränderung der peripheren Schilddrüsenhormon-Konversion

Bei verlängerter Nahrungskarenz und bei ausgeprägter Kalorien- restriktion ist eine Veränderung der Konzentrationen der Schilddrüsenhormone im Serum gut beschrieben. Die Übersicht von Boelen et al. (2008) beschreibt das Muster aus erniedrigtem freien Triiodthyronin (fT3), erhöhtem reversem T3 (rT3), weitgehend unverändertem freien Thyroxin (fT4) und einer im Verhältnis zur fT3-Absenkung nicht entsprechend gegenregulierten Thyreotropin- Antwort (TSH) auf der Ebene des Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen- Systems als zentralen und peripheren Anpassungsvorgang an einen Energieunterschuss.⁷ Beteiligt sind eine veränderte Aktivität der Deiodasen (Verschiebung von Typ-1- und Typ-2-Aktivität zugunsten von Typ-3), eine reduzierte zentrale TRH-Sekretion und Einflüsse über Leptin und weitere Signalwege.⁷

Fontana et al. (2006) untersuchten im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism die Schilddrüsenhormon-Konzentrationen bei Personen, die seit durchschnittlich sechs Jahren eine langfristige Kalorienrestriktion bei adäquater Protein- und Mikronährstoffversorgung praktizierten. Im Vergleich zu Kontroll- personen mit westlicher Standard-Ernährung waren das Gesamt-T3 und das freie T3 niedriger, während TSH und fT4 unverändert blieben.⁸ Diese Konstellation ähnelt der unter akuter Nahrungskarenz und während energieärmerer Krankheitszustände beobachteten peripheren Konversionsverschiebung; sie wird in der Literatur fachlich von dem bei kritisch Kranken beschriebenen Non-Thyroidal Illness Syndrome abgegrenzt, mit dem sie laborchemische Ähnlichkeiten teilt.⁷

Rosenbaum et al. (2005) zeigten im Journal of Clinical Investigation, dass mehrere endokrine und neurovegetative Anpassungen, die im Zustand reduzierten Körpergewichts beobachtet werden — darunter Veränderungen der Schilddrüsenhormon-Spiegel —, unter niedrig dosierter Leptin-Substitution reversibel sind, was die Rolle der Leptin-Signalisierung als zentraler Sensor des energetischen Zustands in der peripheren Schilddrüsenhormon-Konversion stützt.⁹

Wie ausgeprägt diese Veränderungen unter den im Alltag praktizierten Intervallfasten-Varianten sind, hängt vom Energieumsatz des Tages und von der Dauer der Fastenphase ab. In randomisierten Studien zu isokalorischem Time-Restricted Feeding (etwa 16:8 oder 14:10 ohne Kaloriendefizit) wurden Verschiebungen der Schilddrüsenhormon- Konzentrationen, soweit sie überhaupt als Endpunkt erhoben wurden, nicht konsistent in einer Größenordnung berichtet, die klinisch relevant wäre.² Unter Protokollen mit Kaloriendefizit, unter verlängerten Fastenphasen über 24 Stunden hinaus oder unter chronischer Kalorienrestriktion ist die in Fontana et al. (2006) und Boelen et al. (2008) beschriebene Verschiebung zu erwarten.⁷,⁸

Für Personen mit substituierter Hypothyreose ist die individuelle Bewertung der Schilddrüsenwerte (TSH, fT4, gegebenenfalls fT3) unter einer Veränderung des Ernährungsmusters Gegenstand der ärztlichen Verlaufskontrolle. Eine Empfehlung an die Leserschaft, ein bestimmtes Fastenmuster zu praktizieren oder zu meiden, lässt sich aus der hier referierten Studienlage nicht ableiten.

4. Levothyroxin-Resorption und zeitliches Einnahmemuster

Die Resorption von Levothyroxin ist nüchtern am besten beschrieben. Die ATA/AACE-Leitlinie (Garber et al. 2012) empfiehlt die Einnahme nüchtern, mit ausreichendem Abstand zur ersten Mahlzeit und zu Substanzen, die die Resorption beeinträchtigen können; der konkrete Abstand ist in der jeweiligen Fachinformation des Präparats geregelt.⁵ Die ärztlich verordnete Dosierung und der individuelle Einnahmezeitpunkt sind Gegenstand der jeweiligen Behandlung.

Bolk et al. (2010) verglichen in einer randomisierten Doppelblind- Crossover-Studie bei 90 Patientinnen und Patienten mit primärer Hypothyreose die abendliche Einnahme von Levothyroxin (mindestens zwei Stunden nach der letzten Mahlzeit) mit der morgendlichen Einnahme (mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück) über jeweils drei Monate. Unter abendlicher Einnahme waren TSH und fT4 stabiler bzw. verbessert; ein Wirkungsverlust gegenüber der morgendlichen Einnahme zeigte sich nicht.¹⁰ Diese Studie ist eine Beleg-Quelle für die individuelle Anpassung des Einnahmezeitpunkts in Absprache mit der ärztlichen Verordnung — nicht eine generelle Empfehlung an die Leserschaft.

Aus der Logik der Resorption ergibt sich, dass die Einnahme von Levothyroxin in einer Phase der Nahrungskarenz (also nüchtern) mit einem zeitlich begrenzten Essensfenster grundsätzlich vereinbar ist, sofern der in der Fachinformation des Präparats festgelegte Abstand zur ersten Mahlzeit eingehalten wird. Die Bewertung im Einzelfall — gewählte Tageszeit der Einnahme, Abstand zu Kaffee und Tee, Begleitmedikation, Begleit-Substitutionen (Calciumcarbonat, Eisen-Präparate, Protonenpumpenhemmer) und die individuelle TSH- Einstellung — gehört in die ärztliche Verordnung und Verlaufskontrolle und nicht in eine im Blog gegebene allgemeine Anweisung.

5. Zusammenfassung der Datenlage

Intervallfasten ist ein Sammelbegriff für mehrere unterschiedlich gestaltete Ernährungsmuster, die in nicht-schilddrüsenspezifischen Studien an überwiegend übergewichtigen Erwachsenen mit Effekten auf Körpergewicht, Insulinsensitivität und einzelne Entzündungsmarker beschrieben sind, in einer Größenordnung, die jener kontinuierlicher Kalorienrestriktion vergleichbar ist.

Auf der Ebene der Schilddrüsenhormone ist eine fasten- und kalorienrestriktionsassoziierte Verschiebung der peripheren Konversion mit erniedrigtem fT3 und erhöhtem rT3 in der Literatur gut beschrieben. Ausmaß und Dauer dieser Verschiebung hängen davon ab, wie ausgeprägt das Kaloriendefizit und wie lang die Fastenphase ist; unter kurzen, isokalorischen Time-Restricted-Feeding-Protokollen ohne Kaloriendefizit ist sie in der berichteten Studienlage nicht konsistent in klinisch relevanter Größenordnung gezeigt, unter verlängertem Fasten und chronischer Kalorienrestriktion ist sie zu erwarten.

Für die Resorption von Levothyroxin ist eine nüchterne Einnahme mit ausreichendem Abstand zur ersten Mahlzeit Gegenstand der Leitlinien- Empfehlung; abendliche und morgendliche Einnahme sind in einer randomisierten Studie verglichen worden, mit Vorteilen für die abendliche Einnahme in den dort erfassten Endpunkten. Die zeitliche Struktur eines Essensfensters ist mit der nüchternen Einnahme von Levothyroxin grundsätzlich vereinbar; die individuelle Festlegung des Einnahmezeitpunkts gehört in die ärztliche Verordnung.

Eine generelle Empfehlung für oder gegen Intervallfasten bei diagnostizierter Hypothyreose oder Hashimoto-Thyreoiditis lässt sich aus der referierten Studienlage nicht ableiten. Die individuelle Beurteilung — Stoffwechsellage, Einstellungsqualität der Substitution, Begleitumstände wie Schwangerschaft, Stillzeit, Untergewicht oder begleitende Essstörungs-Vorgeschichte — gehört in die ärztliche und ernährungstherapeutische Betreuung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. de Cabo R, Mattson MP. Effects of Intermittent Fasting on Health, Aging, and Disease. N Engl J Med. 2019;381(26):2541-2551. DOI: 10.1056/NEJMra1905136.
  2. Patterson RE, Sears DD. Metabolic Effects of Intermittent Fasting. Annu Rev Nutr. 2017;37:371-393. DOI: 10.1146/annurev-nutr-071816-064634.
  3. Varady KA, Cienfuegos S, Ezpeleta M, Gabel K. Clinical application of intermittent fasting for weight loss: progress and future directions. Nat Rev Endocrinol. 2022;18(5):309-321. DOI: 10.1038/s41574-022-00638-x.
  4. Harvie M, Howell A. Potential Benefits and Harms of Intermittent Energy Restriction and Intermittent Fasting Amongst Obese, Overweight and Normal Weight Subjects — A Narrative Review of Human and Animal Evidence. Behav Sci (Basel). 2017;7(1):4. DOI: 10.3390/bs7010004.
  5. Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
  6. Cienfuegos S, Gabel K, Kalam F, et al. Effects of 4- and 6-h Time-Restricted Feeding on Weight and Cardiometabolic Health: A Randomized Controlled Trial in Adults with Obesity. Cell Metab. 2020;32(3):366-378.e3. DOI: 10.1016/j.cmet.2020.06.018.
  7. Boelen A, Wiersinga WM, Fliers E. Fasting-induced changes in the hypothalamus-pituitary-thyroid axis. Thyroid. 2008;18(2):123-129. DOI: 10.1089/thy.2007.0253.
  8. Fontana L, Klein S, Holloszy JO, Premachandra BN. Effect of long-term calorie restriction with adequate protein and micronutrients on thyroid hormones. J Clin Endocrinol Metab. 2006;91(8):3232-3235. DOI: 10.1210/jc.2006-0328.
  9. Rosenbaum M, Goldsmith R, Bloomfield D, et al. Low-dose leptin reverses skeletal muscle, autonomic, and neuroendocrine adaptations to maintenance of reduced weight. J Clin Invest. 2005;115(12):3579-3586. DOI: 10.1172/JCI25977.
  10. Bolk N, Visser TJ, Nijman J, Jongste IJ, Tijssen JGP, Berghout A. Effects of evening vs morning levothyroxine intake: a randomized double-blind crossover trial. Arch Intern Med. 2010;170(22): 1996-2003. DOI: 10.1001/archinternmed.2010.436.
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