Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis: Studienlage und Einordnung

Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis: Studienlage und Einordnung

Die Autoimmunprotokoll-Diät (AIP, „Autoimmune Protocol") ist eine strikte Eliminationskost, die in der populären Literatur seit den 2010er Jahren als ergänzende Maßnahme bei Autoimmunerkrankungen diskutiert wird. Das Konzept geht auf die Sachbuch-Publikationen von Sarah Ballantyne („The Paleo Approach", 2014) zurück und ist nicht Bestandteil einer konsentierten ärztlichen Leitlinie zur Hashimoto-Thyreoiditis.

Dieser Artikel referiert die publizierte Studienlage zur AIP-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis, ordnet die Aussagekraft der vorliegenden Studien ein und benennt die bekannten Risiken einer restriktiven Eliminationskost. Er formuliert keine Verzehrempfehlung und keine Diät und ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung.

1. Vorbemerkung zur Beleg-Lage und zur rechtlichen Einordnung

Die einschlägigen internistischen Leitlinien zur Hypothyreose und zur Hashimoto-Thyreoiditis (Garber et al. 2012 für die American Association of Clinical Endocrinologists und die American Thyroid Association; Pearce et al. 2003) beschreiben keine schilddrüsen- spezifische Diät und führen die AIP-Diät nicht.¹,² Die ärztliche Behandlung der manifesten Hypothyreose erfolgt mit Levothyroxin; eine kausale, immunmodulatorische Therapie der Hashimoto- Thyreoiditis ist nicht etabliert, dies gilt auch für Ernährungs- Interventionen.¹

Auf der lebensmittelrechtlichen Ebene gilt: gesundheitsbezogene Aussagen zu Stoffen sind in der EU und in der Schweiz nur zulässig, soweit sie in der Liste zugelassener Claims der VO (EU) Nr. 432/2012 geführt werden; krankheitsbezogene Aussagen sind nach Art. 7 Abs. 3 VO (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV) und Art. 14 VO (EG) Nr. 1924/2006 (Health Claims Verordnung, HCVO) grundsätzlich verboten. Für eine Diätform als solche existiert kein zugelassener Health Claim. Eine Aussage, die Autoimmunprotokoll-Diät behandle, lindere oder beuge einer Hashimoto-Thyreoiditis vor, ist im Anwendungsbereich der HCVO nicht zulässig. Der vorliegende Artikel folgt diesen Grenzen und beschreibt ausschließlich die publizierte Studienlage.

2. Konzept der Autoimmunprotokoll-Diät

Die Autoimmunprotokoll-Diät ist eine Eliminationskost mit sehr eingeschränkter Lebensmittelauswahl. In der von Ballantyne ausgearbeiteten Form werden in einer Eliminationsphase typischerweise für sechs bis zwölf Wochen verzichtet auf:

  • Getreide einschließlich glutenfreier Sorten,
  • Hülsenfrüchte einschließlich Sojaprodukten und Erdnüssen,
  • Milchprodukte einschließlich Butter,
  • Eier (vor allem das Eiklar),
  • Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln, Auberginen, Chili),
  • Nüsse und Samen einschließlich davon abgeleiteter Öle, Kaffee und Kakao,
  • Lebensmittelzusatzstoffe (Emulgatoren, Verdickungsmittel, künstliche Süßungsmittel),
  • Alkohol und Zuckerzusätze.

In einer anschließenden Reintroduktionsphase werden einzelne Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt mit dem Ziel, individuelle Unverträglichkeiten zu identifizieren.

Das Konzept stützt sich auf die Hypothese, dass eine erhöhte intestinale Permeabilität („leaky gut") und eine veränderte Darmmikrobiota an der Pathogenese chronischer Autoimmunerkrankungen beteiligt sind und durch Ernährungs-Eliminierung beeinflussbar sein könnten.³ Diese Hypothese ist Gegenstand der Forschung; ein kausaler Zusammenhang zwischen einzelnen Lebensmittelgruppen und der Krankheitsaktivität einer Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht belegt.

3. Publizierte Studien

3.1 Abbott et al. 2019 — Pilotstudie bei Hashimoto-Thyreoiditis

Die einzige publizierte Interventionsstudie zur AIP-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis ist eine offene Pilotstudie von Abbott, Sadowski und Alt (2019).⁴ Eingeschlossen wurden 17 Frauen mit ärztlich diagnostizierter Hashimoto-Thyreoiditis, von denen 16 die Studie abschlossen und in die Auswertung eingingen. Die Intervention bestand aus einer zehnwöchigen multidisziplinär begleiteten Anwendung des AIP-Konzepts (sechs Wochen Elimination, vier Wochen schrittweise Reintroduktion) in Kombination mit Coaching-Gesprächen.

Berichtet wurden:

  • eine statistisch signifikante Verbesserung der gesundheits- bezogenen Lebensqualität in allen acht Subskalen des SF-36- Fragebogens,
  • eine Abnahme eines unspezifischen Entzündungsmarkers (hochsensitives C-reaktives Protein, hs-CRP) um rund 29 %,
  • keine signifikante Veränderung der Schilddrüsenwerte (TSH, freies Thyroxin, freies Trijodthyronin) und der Schilddrüsen-Autoanti- körper (TPO-Antikörper, Thyreoglobulin-Antikörper).

Methodische Einschränkungen sind erheblich: Die Studie ist klein, unverblindet, nicht placebokontrolliert und nicht randomisiert. Die multimodale Intervention (Diät, Begleitung, Schulung) erlaubt keine Trennung der Effekte. Die primären Endpunkte waren selbstberichtete, fragebogenbasierte Maße, die für unspezifische Effekte einer intensiven Begleitung besonders anfällig sind. Eine Aussage zum Krankheitsverlauf der Hashimoto-Thyreoiditis lässt sich aus dieser Konstellation nicht ableiten.

3.2 Konijeti et al. 2017 — AIP-Diät bei chronisch-entzündlichen

    Darmerkrankungen

Konijeti und Kollegen (2017) untersuchten in einer prospektiven Beobachtungsstudie an 15 Patientinnen und Patienten mit aktiver chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) den Effekt eines AIP-Programms über elf Wochen (sechs Wochen Elimination, fünf Wochen Erhaltung).⁵ Berichtet wurden Verbesserungen klinischer Aktivitätsindizes; auch hier ist die Studie klein, unverblindet und nicht randomisiert. Die Übertragbarkeit dieser Befunde auf die Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht etabliert.

3.3 Weitere Studienlage

Randomisierte, placebokontrollierte Studien zur Autoimmunprotokoll- Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis sind zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht publiziert. Eine konsentierte Empfehlung in fachärztlichen Leitlinien zur Hypothyreose oder zur Hashimoto-Thyreoiditis lässt sich aus der vorliegenden Datenlage nicht ableiten.¹,²

Für die in der Reintroduktionsphase oft als Trigger benannte Gluten-Exposition existiert eine separate, ebenfalls kleine Pilotstudie von Krysiak et al. (2019), die unter glutenfreier Ernährung über acht Wochen bei euthyreoten Frauen mit Hashimoto- Thyreoiditis ohne medikamentöse Therapie eine Abnahme der Schilddrüsen-Autoantikörper berichtete; auch dieser Befund ist serologisch, nicht patientenrelevant verankert.⁶ Die Frage einer Zöliakie-Diagnostik gehört in die ärztliche Beurteilung; die Komorbidität von autoimmuner Schilddrüsenerkrankung und Zöliakie liegt nach der Meta-Analyse von Roy et al. (2016) bei rund 1,6 % (95 %-Konfidenzintervall 1,3 bis 1,9).⁷

4. Risiken einer restriktiven Eliminationskost

Eliminationskostformen mit sehr eingeschränkter Lebensmittelauswahl sind nicht risikofrei. In der einschlägigen Literatur werden beschrieben:

  • Risiko einer unzureichenden Zufuhr von Ballaststoffen, B-Vitaminen, Calcium und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, insbesondere bei längerer oder unbegleiteter Anwendung der Eliminationsphase,⁸
  • Mehrkosten und hoher Zeitaufwand bei der Speisenzubereitung, mit Auswirkungen auf die Durchführbarkeit im Alltag und auf die soziale Teilhabe,
  • erhöhtes Risiko einer fixierten Beschäftigung mit Lebensmittel- zusammensetzung („Orthorexia nervosa") sowie Reaktivierung oder Manifestation einer Essstörung bei prädisponierten Personen; dies betrifft strikte Eliminationskostformen mit Schwarz-Weiss- Listen besonders.⁹
  • Wechselwirkungen mit der Levothyroxin-Resorption bei manifester Hypothyreose: ballaststoffreiche Kost und Soja-Protein-Präparate sind in der pharmakologischen Literatur als Faktoren einer reduzierten Levothyroxin-Bioverfügbarkeit beschrieben; die konkreten Einnahme-Abstände sind in der Fachinformation des jeweiligen Präparats geregelt.¹⁰

Eine Anwendung einer Eliminationskost gehört aus diesen Gründen in die ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung, insbesondere in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Untergewicht, bei Vorgeschichte einer Essstörung sowie bei bestehender Medikation.

5. Zusammenfassung

Zur Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis liegt eine einzelne offene, nicht kontrollierte Pilotstudie an 17 Frauen (Abbott et al. 2019) vor; sie berichtete Verbesserungen selbstberichteter Lebensqualität und eine Abnahme eines unspezifischen Entzündungsmarkers, ohne Veränderung der Schilddrüsenwerte oder der Autoantikörper. Eine weitere AIP-Beobachtungsstudie an Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Konijeti et al. 2017) ist nicht auf die Schilddrüse übertragbar. Randomisierte kontrollierte Studien fehlen. Aus der vorliegenden Datenlage lässt sich keine fachärztlich konsentierte Empfehlung der Autoimmunprotokoll-Diät bei Hashimoto-Thyreoiditis ableiten. Restriktive Eliminationskostformen sind mit dem Risiko einer Unterversorgung, mit relevanten Alltagseinschränkungen und mit einem erhöhten Risiko gestörter Essmuster verbunden; ihre Anwendung gehört in die ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Garber JR, Cobin RH, Gharib H, et al. Clinical practice guidelines for hypothyroidism in adults: cosponsored by the American Association of Clinical Endocrinologists and the American Thyroid Association. Thyroid. 2012;22(12):1200-1235. DOI: 10.1089/thy.2012.0205.
  2. Pearce EN, Farwell AP, Braverman LE. Thyroiditis. N Engl J Med. 2003;348(26):2646-2655. DOI: 10.1056/NEJMra021194.
  3. Fasano A. Leaky gut and autoimmune diseases. Clin Rev Allergy Immunol. 2012;42(1):71-78. DOI: 10.1007/s12016-011-8291-x.
  4. Abbott RD, Sadowski A, Alt AG. Efficacy of the Autoimmune Protocol Diet as Part of a Multi-disciplinary, Supported Lifestyle Intervention for Hashimoto's Thyroiditis. Cureus. 2019;11(4):e4556. DOI: 10.7759/cureus.4556.
  5. Konijeti GG, Kim N, Lewis JD, et al. Efficacy of the Autoimmune Protocol Diet for Inflammatory Bowel Disease. Inflamm Bowel Dis. 2017;23(11):2054-2060. DOI: 10.1097/MIB.0000000000001221.
  6. Krysiak R, Szkróbka W, Okopień B. The Effect of Gluten-Free Diet on Thyroid Autoimmunity in Drug-Naïve Women with Hashimoto's Thyroiditis: A Pilot Study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2019;127(7):417-422. DOI: 10.1055/a-0653-7108.
  7. Roy A, Laszkowska M, Sundström J, et al. Prevalence of Celiac Disease in Patients with Autoimmune Thyroid Disease: A Meta-Analysis. Thyroid. 2016;26(7):880-890. DOI: 10.1089/thy.2016.0108.
  8. Hu S, Rayman MP. Multiple Nutritional Factors and the Risk of Hashimoto's Thyroiditis. Thyroid. 2017;27(5):597-610. DOI: 10.1089/thy.2016.0635.
  9. Cena H, Barthels F, Cuzzolaro M, et al. Definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa: a narrative review of the literature. Eat Weight Disord. 2019;24(2):209-246. DOI: 10.1007/s40519-018-0606-y.
  10. Liel Y, Harman-Boehm I, Shany S. Evidence for a clinically important adverse effect of fiber-enriched diet on the bioavailability of levothyroxine in adult hypothyroid patients. J Clin Endocrinol Metab. 1996;81(2):857-859. DOI: 10.1210/jcem.81.2.8636317.
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