Gängige Mythen über Nahrungsergänzungsmittel: Fakten vs. Fiktion
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Kaum ein Gesundheitsthema ist so von Halbwahrheiten und Missverständnissen geprägt wie das der Nahrungsergänzungsmittel (NEM). Während die einen NEM als Allheilmittel betrachten, lehnen andere sie kategorisch ab. Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. In diesem Artikel räumen wir mit den häufigsten Mythen auf und liefern wissenschaftlich fundierte Fakten.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben zahlreiche Stellungnahmen zu Nahrungsergänzungsmitteln veröffentlicht, die als Grundlage für eine differenzierte Betrachtung dienen.1,2
Mythos 1: «Bei gesunder Ernährung braucht niemand Nahrungsergänzungsmittel»
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❌ Der Mythos: Wer sich ausgewogen ernährt, ist automatisch optimal mit allen Nährstoffen versorgt. Supplemente sind daher überflüssig und nur Geldmacherei. |
Die Fakten: Dieser Mythos klingt logisch, greift aber zu kurz. Die Nationale Verzehrsstudie II des Max Rubner-Instituts zeigt, dass selbst in Deutschland – einem Land mit breitem Lebensmittelangebot – erhebliche Teile der Bevölkerung die empfohlenen Zufuhrmengen für bestimmte Nährstoffe nicht erreichen.3
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Nährstoff |
Anteil unter Empfehlung |
Besonders betroffen |
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Vitamin D |
Über 80 % (im Winter) |
Ältere, Büroangestellte, dunkle Hauttypen |
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Folsäure |
79 % der Frauen |
Frauen im gebärfähigen Alter |
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Jod |
Ca. 30 % |
Veganer, Personen ohne Jodsalz |
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Eisen |
58 % der Frauen |
Frauen mit Menstruation, Vegetarier |
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Vitamin B12 |
Bis zu 26 % der Älteren |
Ältere, Veganer, Personen mit Magenproblemen |
Quelle: Nationale Verzehrsstudie II (MRI)
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✓ Fazit: Eine ausgewogene Ernährung ist die Basis – aber bestimmte Nährstoffe (v.a. Vitamin D, Folsäure, B12, Jod) können selbst bei bewusster Ernährung kritisch sein. Risikogruppen profitieren nachweislich von gezielter Supplementierung. |
Mythos 2: «Natürlich ist immer besser und unbedenklich»
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❌ Der Mythos: Natürliche Nahrungsergänzungsmittel aus Pflanzen oder Kräutern sind grundsätzlich sicher und wirksamer als synthetische Produkte. |
Die Fakten: Der Begriff «natürlich» ist kein Qualitäts- oder Sicherheitsmerkmal. Das BfR warnt regelmässig vor pflanzlichen Produkten, die toxische Substanzen enthalten können.4 Pyrrolizidinalkaloide in bestimmten Kräutertees, Aristolochiasäure in traditionellen asiatischen Heilmitteln oder Schwermetallbelastungen in Ayurveda-Produkten sind dokumentierte Risiken.
Chemisch gesehen sind viele synthetische Vitamine identisch mit ihren natürlichen Gegenstücken. Vitamin C (Ascorbinsäure) beispielsweise hat dieselbe Molekülstruktur, unabhängig davon, ob es aus einer Orange oder einem Labor stammt. Bei einigen Nährstoffen – etwa Folsäure – ist die synthetische Form sogar besser bioverfügbar als die natürliche.5
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Aspekt |
Natürliche Quellen |
Synthetische Formen |
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Reinheit |
Kann Verunreinigungen enthalten (Pestizide, Schwermetalle) |
Kontrollierte Reinheit, standardisierter Gehalt |
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Bioverfügbarkeit |
Variiert je nach Matrix und Begleitstoffen |
Oft optimiert (z.B. Folsäure besser als Folat) |
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Dosierung |
Schwankend je nach Ernte, Verarbeitung |
Präzise und reproduzierbar |
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Kosten |
Oft teurer |
In der Regel günstiger |
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✓ Fazit: «Natürlich» bedeutet nicht automatisch «sicher» oder «besser». Entscheidend sind Qualität, Reinheit und die geeignete Form des Wirkstoffs – unabhängig von der Herkunft. |
Mythos 3: «Viel hilft viel» – Je höher die Dosis, desto besser
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❌ Der Mythos: Wenn ein Nährstoff gut ist, muss mehr davon noch besser sein. Hochdosierte Präparate sind daher wirksamer. |
Die Fakten: Dies ist einer der gefährlichsten Mythen. Die EFSA hat für viele Nährstoffe sogenannte Tolerable Upper Intake Levels (UL) festgelegt – Höchstmengen, die langfristig nicht überschritten werden sollten.6 Eine Überdosierung kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben:
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Nährstoff |
UL (Erwachsene) |
Mögliche Folgen einer Überdosierung |
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Vitamin A |
3'000 µg/Tag |
Leberschäden, Teratogenität (Schwangerschaft), Osteoporose |
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Vitamin D |
100 µg/Tag |
Hyperkalzämie, Nierensteine, Gefässverkalkung |
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Vitamin B6 |
25 mg/Tag |
Periphere Neuropathie, Taubheitsgefühl, Gangstörungen |
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Eisen |
45 mg/Tag |
Magen-Darm-Beschwerden, oxidativer Stress, Organschäden |
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Selen |
300 µg/Tag |
Selenose (Haarausfall, Nagelveränderungen, neurologische Symptome) |
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Zink |
25 mg/Tag |
Kupfermangel, Immunsuppression, HDL-Senkung |
UL = Tolerable Upper Intake Level (EFSA). Quelle: EFSA Scientific Opinions
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✓ Fazit: Mehr ist nicht automatisch besser. Die optimale Dosis orientiert sich am individuellen Bedarf und sollte die etablierten Höchstmengen nicht überschreiten. Bei Unsicherheit: Blutwerte bestimmen lassen. |
Weiterführend: Empfohlene Tagesdosis (RDA/NRV): Was steckt dahinter? · Selen und Schilddrüse: Wirkung und Dosierung
Mythos 4: «NEM wirken sofort oder gar nicht»
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❌ Der Mythos: Wenn ein Nahrungsergänzungsmittel nicht innerhalb weniger Tage wirkt, ist es nutzlos. |
Die Fakten: Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente mit sofortiger Wirkung. Sie sollen Nährstoffspeicher auffüllen und Stoffwechselprozesse unterstützen – das braucht Zeit. Die Dauer bis zur spürbaren Wirkung hängt vom Ausmass des Mangels, dem Nährstoff und individuellen Faktoren ab.7
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Nährstoff |
Typischer Zeitrahmen |
Erklärung |
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Vitamin D |
4–12 Wochen |
Fettlöslich, muss Speicher auffüllen; Serumspiegel normalisiert sich langsam |
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Eisen |
2–3 Monate |
Ferritinspeicher müssen gefüllt werden; neue Erythrozyten-Produktion braucht Zeit |
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Vitamin B12 |
4–8 Wochen |
Leberspeicher müssen aufgefüllt werden; neurologische Symptome können länger dauern |
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Magnesium |
1–4 Wochen |
Intrazelluläre Auffüllung; Muskelkrämpfe können schneller bessern |
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Omega-3 |
8–12 Wochen |
Integration in Zellmembranen; Omega-3-Index steigt langsam |
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✓ Fazit: Geduld ist gefragt. Die meisten Nährstoffe benötigen Wochen bis Monate, um Speicher aufzufüllen und messbare Veränderungen zu bewirken. Regelmässige Einnahme über längere Zeit ist entscheidend. |
Mythos 5: «Teuer ist automatisch besser»
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❌ Der Mythos: Der Preis eines Nahrungsergänzungsmittels spiegelt seine Qualität wider. Günstige Produkte taugen nichts. |
Die Fakten: Der Preis wird von vielen Faktoren beeinflusst, die nichts mit der Wirksamkeit zu tun haben: Marketing, Verpackung, Vertriebsweg, Markenimage. Stiftung Warentest und Öko-Test haben wiederholt gezeigt, dass teure Produkte nicht zwangsläufig besser abschneiden als günstige.8
Worauf es wirklich ankommt: Die verwendete Wirkstoffform (Bioverfügbarkeit), die tatsächliche Dosierung, die Reinheit und unabhängige Qualitätsprüfungen. Ein günstiges Präparat mit der richtigen Wirkstoffform kann wirksamer sein als ein teures mit suboptimaler Formulierung.
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✓ Fazit: Preis ist kein verlässlicher Qualitätsindikator. Achten Sie auf Wirkstoffformen, Dosierungen und unabhängige Qualitätsnachweise statt auf Marke oder Preis. |
Weiterführend: Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Definition, Arten und Qualität
Weitere verbreitete Mythen
Mythos 6: «NEM sind nur für Kranke»
Falsch. Nahrungsergänzungsmittel sind per Definition Lebensmittel und nicht zur Behandlung von Krankheiten bestimmt. Sie können aber sinnvoll sein für Menschen mit erhöhtem Bedarf (Schwangere, Sportler, Ältere) oder zur Prävention von Mangelzuständen – also gerade für Gesunde.9
Mythos 7: «Wasserlösliche Vitamine kann man nicht überdosieren»
Nicht ganz richtig. Es stimmt, dass wasserlösliche Vitamine (B-Vitamine, Vitamin C) leichter ausgeschieden werden als fettlösliche. Dennoch können hohe Dosen bestimmter B-Vitamine (insbesondere B6) neurologische Schäden verursachen. Auch Vitamin C kann in sehr hohen Dosen Magen-Darm-Beschwerden und Nierensteine begünstigen.6
Mythos 8: «NEM können Medikamente ersetzen»
Gefährlicher Irrtum. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für ärztlich verordnete Medikamente. Wer beispielsweise Schilddrüsenmedikamente eigenmächtig durch Jod-Präparate ersetzt oder Blutdrucksenker durch Magnesium austauscht, riskiert ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen. NEM können eine medikamentöse Therapie bestenfalls ergänzen, niemals ersetzen.
Mythos 9: «Alle NEM sind gleich – das Günstigste reicht»
Nicht korrekt. Die Qualitätsunterschiede bei Nahrungsergänzungsmitteln sind erheblich. Faktoren wie die Wirkstoffform (z.B. Magnesiumoxid vs. Magnesiumcitrat), Reinheit, Zusatzstoffe und Herstellungsbedingungen beeinflussen sowohl Wirksamkeit als auch Verträglichkeit. Ein kritischer Blick auf die Inhaltsstoffe lohnt sich.10
Weiterführend: Mineralstoffe und Spurenelemente: Bausteine für die Gesundheit · Vitamine: Essenzielle Mikronährstoffe für den Körper
Zusammenfassung: Fakten statt Fiktion
Die Wahrheit über Nahrungsergänzungsmittel liegt zwischen den Extremen. Sie sind weder Allheilmittel noch generell überflüssig. Eine differenzierte Betrachtung ist entscheidend:
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❌ Mythos |
✓ Fakt |
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Bei guter Ernährung überflüssig |
Bestimmte Nährstoffe oft kritisch (D, B12, Folat, Jod) |
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Natürlich = sicher |
Qualität, Reinheit und Form entscheiden |
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Viel hilft viel |
Überdosierung kann schaden; UL beachten |
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Sofortwirkung oder nutzlos |
Wochen bis Monate für messbare Effekte |
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Teuer = besser |
Preis kein Qualitätsindikator |
Der Schlüssel liegt in einer informierten, individuellen Entscheidung: Bedarfsanalyse vor der Einnahme, Qualitätskriterien beachten, realistische Erwartungen haben und bei Unsicherheit professionellen Rat einholen.
Quellenverzeichnis
1 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen und Risiken. BfR-Verbraucherinformation. Berlin: BfR; 2022.
2 European Food Safety Authority (EFSA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for the EU population. EFSA Journal. 2017;15(8):e04950.
3 Max Rubner-Institut (MRI). Nationale Verzehrsstudie II – Ergebnisbericht Teil 2. Karlsruhe: MRI; 2008.
4 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Pyrrolizidinalkaloide in Lebensmitteln: Aktualisierte Risikobewertung. BfR-Stellungnahme Nr. 020/2020. Berlin: BfR; 2020.
5 Scaglione F, Panzavolta G. Folate, folic acid and 5-methyltetrahydrofolate are not the same thing. Xenobiotica. 2014;44(5):480-488.
6 European Food Safety Authority (EFSA). Tolerable Upper Intake Levels for Vitamins and Minerals. Parma: EFSA; 2006.
7 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 2. Auflage. Bonn: DGE; 2023.
8 Stiftung Warentest. Vitaminpräparate im Test. Berlin: Stiftung Warentest; 2022.
9 Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). Nahrungsergänzungsmittel – Empfehlungen. Bern: SGE; 2021.
10 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. BfR-Wissenschaft 01/2021. Berlin: BfR; 2021.
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Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachperson. |


