Warum greifen Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln?

Illustration: KI-generiert

Warum greifen Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln?

Immer mehr Menschen in Europa und der Schweiz greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). Laut dem Schweizer Ernährungsbulletin konsumieren rund 30 % der Erwachsenen regelmässig Supplemente.¹ In Deutschland liegt der Anteil bei rund 30 % der Frauen und etwa 19 % der Männer.² Doch was treibt diesen Trend? Die Gründe sind vielfältig und reichen von veränderten Lebensgewohnheiten und nährstoffärmeren Lebensmitteln über chronischen Stress bis zu individuellen Risikofaktoren und einem wachsenden Gesundheitsbewusstsein.

Warum begünstigt unsere Lebensweise Nährstoffmängel?

Unsere Lebensweise hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weist darauf hin, dass trotz eines Überangebots an Nahrungsmitteln in westlichen Ländern bestimmte Nährstoffdefizite weit verbreitet sind.³ Mehrere Faktoren tragen zu dieser paradoxen Situation bei:

Das moderne Ernährungsparadox

Wir leben in einer Zeit des Überflusses und gleichzeitig des Mangels. Während Kalorien im Überfluss verfügbar sind, fehlt es vielen Menschen an essentiellen Mikronährstoffen. Die EFSA identifiziert insbesondere Vitamin D, Folsäure, Jod und Eisen als kritische Nährstoffe in Europa.

Warum enthalten Obst und Gemüse heute weniger Nährstoffe?

Die intensive landwirtschaftliche Nutzung hat nachweisbare Auswirkungen auf den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln. Eine umfassende Analyse britischer Forscher, veröffentlicht in der Fachzeitschrift British Food Journal, dokumentierte signifikante Rückgänge bei verschiedenen Mineralstoffen in Obst und Gemüse zwischen den 1930er- und 1980er-Jahren.⁴

Eine Studie der Universität Texas bestätigte diese Befunde und zeigte Rückgänge bei Protein, Kalzium, Phosphor, Eisen, Riboflavin und Vitamin C in 43 verschiedenen Gemüsesorten.⁵ Die Ursachen sind vielfältig: Monokulturen, intensive Düngung, kürzere Reifezeiten und die Züchtung auf Ertrag statt Nährstoffgehalt.

Dokumentierte Nährstoffrückgänge in Lebensmitteln

  • Eisen. Rückgang bis zu 22 %. Mögliche Ursachen: Bodenverarmung, kürzere Wachstumszyklen.
  • Kalzium. Rückgang bis zu 19 %. Mögliche Ursachen: intensive Düngung, Sortenauswahl.
  • Magnesium. Rückgang bis zu 24 %. Mögliche Ursachen: ausgelaugte Böden, Monokulturen.
  • Vitamin C. Rückgang bis zu 15 %. Mögliche Ursachen: frühe Ernte, lange Lagerung, Transport.

Quelle: Mayer (1997) für die Mineralstoffe, Davis et al. (2004) für Vitamin C. Angegeben sind gerundete Rückgänge auf Gruppenebene; die Werte schwanken je nach Sorte, Anbaugebiet und Untersuchungszeitraum.

Wie wirkt sich verarbeitete Nahrung auf die Nährstoffversorgung aus?

Der Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel an der Gesamternährung ist in westlichen Ländern stark gestiegen. Eine europäische Studie zeigte, dass in einigen Ländern bis zu 50 % der Energiezufuhr aus ultra-verarbeiteten Produkten stammt.⁶ Diese Entwicklung hat erhebliche Auswirkungen auf die Nährstoffversorgung:

  • Raffinierte Getreide. Verlust von bis zu 80 % der B-Vitamine, Eisen, Zink und Ballaststoffe durch Entfernung von Kleie und Keimling.
  • Erhitzen und Konservieren. Zerstörung hitzeempfindlicher Vitamine (C, B1, Folsäure); Verlust von bis zu 50 % bei industrieller Verarbeitung.
  • Lange Lagerzeiten. Oxidation von Vitaminen und ungesättigten Fettsäuren; Abbau von Enzymen und Phytonährstoffen.
  • Zusatzstoffe statt Nährstoffe. Hohe Energie-, aber niedrige Nährstoffdichte; «leere Kalorien» aus Zucker, Fett und Stärke.
  • Veränderte Fettprofile. Unausgewogenes Omega-6/Omega-3-Verhältnis; Verwendung billiger Pflanzenöle mit hohem Omega-6-Anteil.

Weiterführend: Mikronährstoffe für die Schilddrüse im Überblick

Wie erhöht Stress den Nährstoffbedarf?

Chronischer Stress ist in der modernen Gesellschaft weit verbreitet. Laut einer Erhebung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz leiden über 25 % der europäischen Arbeitnehmer unter arbeitsbedingtem Stress.⁷ Was viele nicht wissen: Stress erhöht den Bedarf an bestimmten Nährstoffen erheblich.

Die Stressreaktion des Körpers aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und führt zur vermehrten Ausschüttung von Cortisol. Dieser Prozess verbraucht verstärkt Mikronährstoffe, insbesondere B-Vitamine, Magnesium und Zink.⁸

  • Magnesium. Rolle bei Stress: Entspannung der Muskulatur, Nervenfunktion, Energiestoffwechsel. Erhöhter Verbrauch durch Cortisolproduktion, erhöhte renale Ausscheidung bei Stress.
  • B-Vitamine. Rolle bei Stress: Neurotransmitter-Synthese, Energiestoffwechsel. Erhöhter Verbrauch durch erhöhten Energieumsatz, Katecholamin-Synthese.
  • Vitamin C. Rolle bei Stress: antioxidativer Schutz, Nebennierenfunktion. Erhöhter Verbrauch durch Cortisol-Biosynthese, oxidativer Stress.
  • Zink. Rolle bei Stress: Immunfunktion, Hormonregulation. Erhöhter Verbrauch durch stressbedingte Immunaktivierung, Entzündungsprozesse.

Wer hat einen erhöhten Nährstoffbedarf?

Neben den allgemeinen Faktoren gibt es individuelle Lebensumstände, die den Nährstoffbedarf erhöhen oder die Aufnahme beeinträchtigen können. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) definiert spezifische Risikogruppen mit erhöhtem Bedarf.⁹

  • Schwangere und Stillende. Kritische Nährstoffe: Folsäure, Eisen, Jod, DHA, Vitamin D. Grund: erhöhter Bedarf für kindliche Entwicklung; Folsäure kritisch für Neuralrohr.
  • Ältere Menschen (65+). Kritische Nährstoffe: Vitamin D, B12, Kalzium, Protein. Grund: verminderte Hautsynthese (Vit. D), Intrinsic-Factor-Mangel (B12), reduzierte Aufnahme.
  • Veganer/Vegetarier. Kritische Nährstoffe: Vitamin B12, Eisen, Zink, Omega-3, Jod. Grund: B12 nur in tierischen Produkten; pflanzliches Eisen schlechter bioverfügbar.
  • Sportler/Leistungssport. Kritische Nährstoffe: Eisen, Magnesium, Zink, Elektrolyte, Protein. Grund: erhöhter Verbrauch durch Training, Schweissverluste, Muskelregeneration.
  • Chronisch Kranke. Kritische Nährstoffe: abhängig von Erkrankung. Grund: Malabsorption (Darmerkrankungen), erhöhter Bedarf (Entzündungen), Medikamentenwechselwirkungen.
  • Raucher. Kritische Nährstoffe: Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin. Grund: erhöhter oxidativer Stress; Vitamin-C-Bedarf um 35 mg/Tag erhöht.

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Warum setzen immer mehr Menschen auf Prävention statt Therapie?

Ein weiterer Grund für die zunehmende Beliebtheit von Nahrungsergänzungsmitteln ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel: weg von der reinen Krankheitsbehandlung hin zur aktiven Gesundheitsvorsorge. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont die Bedeutung einer optimalen Nährstoffversorgung für die Prävention nicht übertragbarer Krankheiten.¹⁰

Viele Menschen möchten nicht warten, bis ein manifester Mangel oder eine Erkrankung auftritt, sondern proaktiv ihre Gesundheit unterstützen. Dabei geht es nicht um die Behandlung von Krankheiten, dies bleibt Aufgabe der Medizin, sondern um die Optimierung des Wohlbefindens und die Stärkung der körpereigenen Ressourcen.

Präventiver Ansatz: Was bedeutet das?

  • Ausgleich von Versorgungslücken bevor Mangelsymptome auftreten
  • Unterstützung belasteter Stoffwechselprozesse (z.B. bei Stress)
  • Optimierung der Nährstoffversorgung in besonderen Lebensphasen
  • Stärkung der körpereigenen Schutzsysteme (Antioxidantien, Immunsystem)

Wissenschaftliche Belege: Was sagt die Forschung?

Die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln ist differenziert zu betrachten. Während für einige Nährstoffe und Anwendungsgebiete solide Belege vorliegen, ist die Datenlage für andere weniger eindeutig. Für zahlreiche Nährstoffe sind auf Basis wissenschaftlicher EFSA-Gutachten gesundheitsbezogene Aussagen (Health Claims) in der EU zugelassen.³

  • Immunsystem. Nährstoffe mit Evidenz: Vitamin C, D, Zink, Selen. EFSA-bestätigte Aussage: trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.
  • Energiestoffwechsel. Nährstoffe mit Evidenz: B-Vitamine, Eisen, Magnesium. EFSA-bestätigte Aussage: trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei.
  • Knochen. Nährstoffe mit Evidenz: Vitamin D, Kalzium, Vitamin K. EFSA-bestätigte Aussage: trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei.
  • Müdigkeit/Erschöpfung. Nährstoffe mit Evidenz: Eisen, B12, Folsäure, Vitamin C. EFSA-bestätigte Aussage: trägt zur Verringerung von Müdigkeit bei.
  • Herzgesundheit. Nährstoffe mit Evidenz: Omega-3 (EPA/DHA). EFSA-bestätigte Aussage: trägt zur normalen Herzfunktion bei (bei 250 mg/Tag).
  • Schilddrüsenfunktion. Nährstoffe mit Evidenz: Jod, Selen. EFSA-bestätigte Aussage: trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei.

Zusammenfassung

Die Gründe, warum Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, sind vielfältig und oft berechtigt. Veränderte Lebensgewohnheiten, nährstoffärmere Lebensmittel durch industrielle Landwirtschaft und Verarbeitung, chronischer Stress sowie individuelle Risikofaktoren können zu Versorgungslücken führen. Hinzu kommt ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein und der Wunsch nach proaktiver Prävention. Entscheidend ist jedoch, dass Nahrungsergänzungsmittel eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen sollen. Bei Unsicherheit empfiehlt sich die Rücksprache mit einer Fachperson.

Weiterführende Artikel: Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Definition, Arten und Qualität · Empfohlene Tagesdosis (RDA/NRV): Was steckt dahinter? · Gängige Mythen über Nahrungsergänzungsmittel


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Schweizer Ernährungsbulletin 2023. Bern: BLV; 2023.
  2. Max Rubner-Institut (MRI). Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht Teil 2. Karlsruhe: MRI; 2008.
  3. European Food Safety Authority (EFSA). Dietary Reference Values for nutrients: Summary report. EFSA Supporting Publications. 2017;14(12):e15121.
  4. Mayer AM. Historical changes in the mineral content of fruits and vegetables. British Food Journal. 1997;99(6):207-211.
  5. Davis DR, Epp MD, Riordan HD. Changes in USDA food composition data for 43 garden crops, 1950 to 1999. Journal of the American College of Nutrition. 2004;23(6):669-682.
  6. Monteiro CA, Cannon G, Lawrence M, et al. Ultra-processed foods, diet quality, and health using the NOVA classification system. Rome: FAO; 2019.
  7. European Agency for Safety and Health at Work (EU-OSHA). Psychosocial risks and stress at work. Bilbao: EU-OSHA; 2022.
  8. Lopresti AL. The Effects of Psychological and Environmental Stress on Micronutrient Concentrations in the Body: A Review of the Evidence. Advances in Nutrition. 2020;11(1):103-112.
  9. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 2. Auflage. Bonn: DGE; 2023.
  10. World Health Organization (WHO). Diet, nutrition and the prevention of chronic diseases. WHO Technical Report Series 916. Geneva: WHO; 2003.
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