Warum greifen Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln?
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Immer mehr Menschen in Europa und der Schweiz greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). Laut dem Schweizer Ernährungsbericht konsumieren rund 30 % der Erwachsenen regelmässig Supplemente.1 In Deutschland liegt der Anteil sogar bei über 30 % der Frauen und 25 % der Männer.2 Doch was treibt diesen Trend? Die Gründe sind vielfältig und reichen von veränderten Lebensgewohnheiten über individuelle Risikofaktoren bis hin zu einem wachsenden Gesundheitsbewusstsein.
Die veränderte Lebensweise: Ein Nährboden für Mangelerscheinungen
Unsere Lebensweise hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weist darauf hin, dass trotz eines Überangebots an Nahrungsmitteln in westlichen Ländern bestimmte Nährstoffdefizite weit verbreitet sind.3 Mehrere Faktoren tragen zu dieser paradoxen Situation bei:
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📊 Das moderne Ernährungsparadox Wir leben in einer Zeit des Überflusses – und gleichzeitig des Mangels. Während Kalorien im Überfluss verfügbar sind, fehlt es vielen Menschen an essentiellen Mikronährstoffen. Die EFSA identifiziert insbesondere Vitamin D, Folsäure, Jod und Eisen als kritische Nährstoffe in Europa. |
Moderne Landwirtschaft: Nährstoffärmere Böden
Die intensive landwirtschaftliche Nutzung hat nachweisbare Auswirkungen auf den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln. Eine umfassende Analyse britischer Forscher, veröffentlicht in der Fachzeitschrift British Food Journal, dokumentierte signifikante Rückgänge bei verschiedenen Mineralstoffen in Obst und Gemüse zwischen 1940 und 2002.4
Eine Studie der Universität Texas bestätigte diese Befunde und zeigte Rückgänge bei Protein, Kalzium, Phosphor, Eisen, Riboflavin und Vitamin C in 43 verschiedenen Gemüsesorten.5 Die Ursachen sind vielfältig: Monokulturen, intensive Düngung, kürzere Reifezeiten und die Züchtung auf Ertrag statt Nährstoffgehalt.
Dokumentierte Nährstoffrückgänge in Lebensmitteln
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Nährstoff |
Rückgang |
Mögliche Ursachen |
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Eisen |
bis zu 22 % |
Bodenverarmung, kürzere Wachstumszyklen |
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Kalzium |
bis zu 19 % |
Intensive Düngung, Sortenauswahl |
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Magnesium |
bis zu 24 % |
Ausgelaugte Böden, Monokulturen |
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Vitamin C |
bis zu 20 % |
Frühe Ernte, lange Lagerung, Transport |
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Zink |
bis zu 27 % |
Hochertragsorten, CO₂-Anreicherung |
Quelle: Davis et al. (2004), Mayer (1997)
Verarbeitete Lebensmittel: Weniger Nährstoffe, mehr Kalorien
Der Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel an der Gesamternährung ist in westlichen Ländern stark gestiegen. Eine europäische Studie zeigte, dass in einigen Ländern bis zu 50 % der Energiezufuhr aus ultra-verarbeiteten Produkten stammt.6 Diese Entwicklung hat erhebliche Auswirkungen auf die Nährstoffversorgung:
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Problem |
Auswirkung auf die Nährstoffversorgung |
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Raffinierte Getreide |
Verlust von bis zu 80 % der B-Vitamine, Eisen, Zink und Ballaststoffe durch Entfernung von Kleie und Keimling |
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Erhitzen und Konservieren |
Zerstörung hitzeempfindlicher Vitamine (C, B1, Folsäure); Verlust von bis zu 50 % bei industrieller Verarbeitung |
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Lange Lagerzeiten |
Oxidation von Vitaminen und ungesättigten Fettsäuren; Abbau von Enzymen und Phytonährstoffen |
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Zusatzstoffe statt Nährstoffe |
Hohe Energie-, aber niedrige Nährstoffdichte; «leere Kalorien» aus Zucker, Fett und Stärke |
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Veränderte Fettprofile |
Unausgewogenes Omega-6/Omega-3-Verhältnis; Verwendung billiger Pflanzenöle mit hohem Omega-6-Anteil |
Weiterführend: Essenzielle Fettsäuren: Omega-3 und Omega-6 im Gleichgewicht · Vitamine: Essenzielle Mikronährstoffe für den Körper
Stress und Nährstoffbedarf: Ein unterschätzter Faktor
Chronischer Stress ist in der modernen Gesellschaft weit verbreitet. Laut einer Erhebung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz leiden über 25 % der europäischen Arbeitnehmer unter arbeitsbedingtem Stress.7 Was viele nicht wissen: Stress erhöht den Bedarf an bestimmten Nährstoffen erheblich.
Die Stressreaktion des Körpers aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und führt zur vermehrten Ausschüttung von Cortisol. Dieser Prozess verbraucht verstärkt Mikronährstoffe, insbesondere B-Vitamine, Magnesium, Vitamin C und Zink.8
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Nährstoff |
Rolle bei Stress |
Erhöhter Verbrauch durch |
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Magnesium |
Entspannung der Muskulatur, Nervenfunktion, Energiestoffwechsel |
Cortisolproduktion, erhöhte renale Ausscheidung bei Stress |
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B-Vitamine |
Neurotransmitter-Synthese, Energiestoffwechsel |
Erhöhter Energieumsatz, Katecholamin-Synthese |
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Vitamin C |
Antioxidativer Schutz, Nebennierenfunktion |
Cortisol-Biosynthese, oxidativer Stress |
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Zink |
Immunfunktion, Hormonregulation |
Stressbedingte Immunaktivierung, Entzündungsprozesse |
Weiterführend: Stress und Schilddrüse: Wie Cortisol die Hormone beeinflusst · Magnesium und Schilddrüse: Unterschätzter Helfer · Adaptogene: Natürliche Helfer gegen Stress
Individuelle Faktoren: Wenn der Bedarf steigt
Neben den allgemeinen Faktoren gibt es individuelle Lebensumstände, die den Nährstoffbedarf erhöhen oder die Aufnahme beeinträchtigen können. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) definiert spezifische Risikogruppen mit erhöhtem Bedarf.9
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Personengruppe |
Kritische Nährstoffe |
Grund |
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Schwangere & Stillende |
Folsäure, Eisen, Jod, DHA, Vitamin D |
Erhöhter Bedarf für kindliche Entwicklung; Folsäure kritisch für Neuralrohr |
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Ältere Menschen (65+) |
Vitamin D, B12, Kalzium, Protein |
Verminderte Hautsynthese (Vit. D), Intrinsic-Factor-Mangel (B12), reduzierte Aufnahme |
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Veganer/Vegetarier |
Vitamin B12, Eisen, Zink, Omega-3, Jod |
B12 nur in tierischen Produkten; pflanzliches Eisen schlechter bioverfügbar |
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Sportler/Leistungssport |
Eisen, Magnesium, Zink, Elektrolyte, Protein |
Erhöhter Verbrauch durch Training, Schweissverluste, Muskelregeneration |
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Chronisch Kranke |
Abhängig von Erkrankung |
Malabsorption (Darmerkrankungen), erhöhter Bedarf (Entzündungen), Medikamentenwechselwirkungen |
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Raucher |
Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin |
Erhöhter oxidativer Stress; Vitamin-C-Bedarf um 35 mg/Tag erhöht |
Weiterführend: Vitamin B12 und Schilddrüse: Ein übersehener Mangel · Eisen und Schilddrüse: Warum Ferritin wichtig ist · Vitamin D und Hashimoto: Was die Forschung zeigt
Prävention statt Therapie: Ein Paradigmenwechsel
Ein weiterer Grund für die zunehmende Beliebtheit von Nahrungsergänzungsmitteln ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel: Weg von der reinen Krankheitsbehandlung hin zur aktiven Gesundheitsvorsorge. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont die Bedeutung einer optimalen Nährstoffversorgung für die Prävention nicht übertragbarer Krankheiten.10
Viele Menschen möchten nicht warten, bis ein manifester Mangel oder eine Erkrankung auftritt, sondern proaktiv ihre Gesundheit unterstützen. Dabei geht es nicht um die Behandlung von Krankheiten – dies bleibt Aufgabe der Medizin – sondern um die Optimierung des Wohlbefindens und die Stärkung der körpereigenen Ressourcen.
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✓ Präventiver Ansatz: Was bedeutet das? • Ausgleich von Versorgungslücken bevor Mangelsymptome auftreten • Unterstützung belasteter Stoffwechselprozesse (z.B. bei Stress) • Optimierung der Nährstoffversorgung in besonderen Lebensphasen • Stärkung der körpereigenen Schutzsysteme (Antioxidantien, Immunsystem) |
Wissenschaftliche Belege: Was sagt die Forschung?
Die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln ist differenziert zu betrachten. Während für einige Nährstoffe und Anwendungsgebiete solide Belege vorliegen, ist die Datenlage für andere weniger eindeutig. Die EFSA hat für zahlreiche Nährstoffe gesundheitsbezogene Aussagen (Health Claims) auf Basis wissenschaftlicher Gutachten zugelassen.3
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Bereich |
Nährstoffe mit Evidenz |
EFSA-bestätigte Wirkung |
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Immunsystem |
Vitamin C, D, Zink, Selen |
Trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei |
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Energiestoffwechsel |
B-Vitamine, Eisen, Magnesium |
Trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei |
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Knochen |
Vitamin D, Kalzium, Vitamin K |
Trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei |
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Müdigkeit/Erschöpfung |
Eisen, B12, Folsäure, Vitamin C |
Trägt zur Verringerung von Müdigkeit bei |
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Herzgesundheit |
Omega-3 (EPA/DHA) |
Trägt zur normalen Herzfunktion bei (bei 250 mg/Tag) |
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Schilddrüsenfunktion |
Jod, Selen |
Trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei |
Weiterführend: Selen und Schilddrüse: Wirkung und Dosierung · Omega-3-Fettsäuren bei Hashimoto · Antioxidantien: Schutzschild gegen freie Radikale
Zusammenfassung
Die Gründe, warum Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, sind vielfältig und oft berechtigt. Veränderte Lebensgewohnheiten, nährstoffärmere Lebensmittel durch industrielle Landwirtschaft und Verarbeitung, chronischer Stress sowie individuelle Risikofaktoren können zu Versorgungslücken führen. Hinzu kommt ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein und der Wunsch nach proaktiver Prävention. Entscheidend ist jedoch, dass Nahrungsergänzungsmittel eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen sollen. Bei Unsicherheit empfiehlt sich die Rücksprache mit einer Fachperson.
Weiterführende Artikel: Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Definition, Arten und Qualität · Empfohlene Tagesdosis (RDA/NRV): Was steckt dahinter? · Gängige Mythen über Nahrungsergänzungsmittel
Quellenverzeichnis
1 Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Schweizer Ernährungsbericht 2023. Bern: BLV; 2023.
2 Max Rubner-Institut (MRI). Nationale Verzehrsstudie II – Ergebnisbericht Teil 2. Karlsruhe: MRI; 2008.
3 European Food Safety Authority (EFSA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for the EU population. EFSA Journal. 2017;15(8):e04950.
4 Mayer AM. Historical changes in the mineral content of fruits and vegetables. British Food Journal. 1997;99(6):207-211.
5 Davis DR, Epp MD, Riordan HD. Changes in USDA food composition data for 43 garden crops, 1950 to 1999. Journal of the American College of Nutrition. 2004;23(6):669-682.
6 Monteiro CA, Cannon G, Moubarac JC, et al. Ultra-processed foods, diet quality, and health using the NOVA classification system. Rome: FAO; 2019.
7 European Agency for Safety and Health at Work (EU-OSHA). Psychosocial risks and stress at work. Bilbao: EU-OSHA; 2022.
8 Lopresti AL. The Effects of Psychological and Environmental Stress on Micronutrient Concentrations in the Body: A Review of the Evidence. Advances in Nutrition. 2020;11(1):103-112.
9 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 2. Auflage. Bonn: DGE; 2023.
10 World Health Organization (WHO). Diet, nutrition and the prevention of chronic diseases. WHO Technical Report Series 916. Geneva: WHO; 2003.
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Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachperson. |


