L-Cystein: Biochemie, Stoffwechsel und Studienlage

L-Cystein: Biochemie, Stoffwechsel und Studienlage

L-Cystein ist eine schwefelhaltige, semiessenzielle Aminosäure. Der menschliche Körper kann sie aus der essenziellen Aminosäure L-Methionin über den sogenannten Transsulfurierungsweg in der Leber synthetisieren; unter Umständen mit erhöhtem Bedarf oder einge- schränkter Methionin- oder B-Vitamin-Versorgung kann die endogene Bereitstellung allerdings nicht ausreichen, sodass eine externe Zufuhr über die Nahrung an Bedeutung gewinnt.¹,²

Dieser Artikel beschreibt die chemischen und biochemischen Eigenschaften von L-Cystein, ordnet die Studienlage zu Glutathion- Synthese und Schilddrüsenstoffwechsel ein und erläutert die Unterschiede zur acetylierten Form N-Acetyl-L-Cystein (NAC).

Chemische Eigenschaften

L-Cystein ist eine proteinogene Alpha-Aminosäure mit der Summen- formel C₃H₇NO₂S. Charakteristisch ist die Thiolgruppe (-SH) in der Seitenkette: Sie ist chemisch reaktiv, kann Elektronen abgeben und über Disulfidbrücken (-S-S-) die räumliche Struktur von Proteinen stabilisieren.¹

Freies L-Cystein ist in wässriger Lösung und bei Luftkontakt nicht stabil; es oxidiert verhältnismässig leicht zu seinem Disulfid Cystin. In Nahrungsergänzungsmitteln wird L-Cystein deshalb über- wiegend als Hydrochlorid-Salz (L-Cystein-HCl) eingesetzt, das eine bessere Lagerstabilität aufweist. L-Cystein und L-Cystein- Hydrochlorid sind nach Anhang I der Richtlinie 2002/46/EG sowie nach Anhang II der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 für die Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln in der Europäischen Union zugelassen. Daneben wird L-Cystein als Mehlbehandlungsmittel (Lebensmittelzusatzstoff E 920) in Backwaren verwendet.

Endogene Bildung — der Transsulfurierungsweg

Methionin wird im Stoffwechsel zunächst zu S-Adenosylmethionin aktiviert, das nach Methylgruppenabgabe in S-Adenosylhomocystein und weiter in Homocystein übergeht. Homocystein kann über zwei Cystathionin-Enzyme — Cystathionin-Beta-Synthase und Cystathionase — in Cystein überführt werden. Cystathionin-Beta-Synthase ist Vitamin-B6-abhängig (Pyridoxalphosphat als Cofaktor); auch Vitamin B12 und Folat sind für den vor- und nachgelagerten Methylierungsstoffwechsel von Bedeutung.²

Unter erhöhtem oxidativem Umsatz, bei verminderter Aktivität der beteiligten Enzyme oder bei eingeschränkter Methioninzufuhr wird die endogene Cystein-Bereitstellung knapper; die nahrungsbedingte Zufuhr gewinnt dann an Bedeutung.¹,²

Funktionen im Stoffwechsel

L-Cystein ist an mehreren Stoffwechselwegen beteiligt:

  • Proteinsynthese und Proteinstruktur. Cystein-Reste in Proteinen bilden über Disulfidbrücken kovalente Vernetzungen, die die räumliche Struktur vieler Proteine stabilisieren.¹
  • Glutathion-Synthese. L-Cystein ist die mittlere Aminosäure des Tripeptids Glutathion (Gamma-L-Glutamyl-L-Cystein-Glycin); die Verfügbarkeit von Cystein ist in den meisten Geweben der geschwindigkeitsbestimmende Faktor dieser Synthese.³,⁴
  • Taurin-Synthese. Cystein wird über Cystein-Sulfinsäure zu Hypotaurin und Taurin abgebaut; Taurin ist Bestandteil der Gallensäure-Konjugate und in vielen Geweben an osmoregulatorischen Funktionen beteiligt.²
  • Coenzym-A-Synthese. Cystein liefert über Pantothenat das Schwefelatom der reaktiven Thiolgruppe von Coenzym A.²
  • Inorganische Schwefel- und Schwefelwasserstoff-Pools. Im Rahmen des Cystein-Abbaus entstehen Sulfat und in geringer Konzentration Schwefelwasserstoff (H₂S), der inzwischen als gasförmiges Signalmolekül beschrieben wird.²

Glutathion-Synthese — Cystein als limitierender Faktor

Glutathion ist ein in nahezu allen Körperzellen vorkommendes Tripeptid aus L-Glutamat, L-Cystein und Glycin. Die Synthese erfolgt in zwei ATP-abhängigen Schritten, die durch die Glutamat- Cystein-Ligase (auch Gamma-Glutamylcystein-Synthetase genannt) und durch die Glutathion-Synthetase katalysiert werden. In den meisten Geweben ist die intrazelluläre Cystein-Konzentration deutlich niedriger als die der beiden anderen Aminosäuren und liegt unter der für die Glutamat-Cystein-Ligase typischen Michaelis-Konstante; deshalb hängt die Geschwindigkeit der Glutathion-Bildung in vielen Modellen quantitativ von der Cystein-Verfügbarkeit ab.³,⁴

Klinische und tierexperimentelle Arbeiten haben verschiedene Wege geprüft, die Cystein-Versorgung gezielt zu erhöhen — über nahrungsergänzungsfähige Aminosäuren, über cysteinreiche Protein- quellen wie Molkenprotein und über die acetylierte Vorstufe NAC. Lands et al. (1999) untersuchten in einer placebokontrollierten dreimonatigen Studie an 20 jungen Erwachsenen die Wirkung eines cysteinreichen Molkenprotein-Präparats (Immunocal, 20 g pro Tag). Primärendpunkt war die muskuläre Leistungsfähigkeit am Fahrrad- ergometer; die Verumgruppe wies gegenüber der Casein-Placebo-Gruppe eine signifikante Zunahme der maximalen Leistung und der 30-Sekunden-Arbeitskapazität auf.⁵

Schwefelhaltige Aminosäuren und Selenoenzyme

Die Schilddrüse weist einen vergleichsweise hohen oxidativen Umsatz auf, weil die Thyreoperoxidase im Rahmen der Hormon-Biosynthese Wasserstoffperoxid zur Jodierung von Tyrosin-Resten benötigt. Die Selenoenzym-Familien der Glutathionperoxidasen und der Peroxiredoxine wirken in den Thyreozyten als Gegenspieler dieses oxidativen Drucks.⁶ Die periphere Aktivierung des Speicherhormons Thyroxin (T4) zum biologisch aktiveren Trijodthyronin (T3) erfolgt durch die Typ-1-Deiodase (DIO1, überwiegend in Leber und Nieren) und die Typ-2-Deiodase (DIO2, vorwiegend in Gehirn, Hypophyse und braunem Fettgewebe). Beide enthalten Selenocystein im aktiven Zentrum.⁷

Selenocystein und Cystein sind chemisch eng verwandte Aminosäuren: Im Selenocystein ist das Schwefelatom des Cysteins durch Selen ersetzt. Die Einbau-Maschinerie des Selenocysteins in Selenoproteine ist im Zellkern und am Ribosom an einen eigenen genetischen Mechanismus gekoppelt; sie hängt von einer ausreichenden Selen- Versorgung und von verschiedenen flankierenden Faktoren ab.⁸

Goswami und Rosenberg (1988) untersuchten in einem zellfreien Mikrosomen-System die Abhängigkeit der 5'-Deiodase von reduzierenden Thiolen. In diesem in-vitro-Modell aktivierten physiologische Glutathion-Konzentrationen die 5'-Deiodase-Aktivität in renalen und hepatischen Mikrosomen.⁹ Die Befunde stützen die Annahme, dass die Regeneration des Selenocystein-Zentrums nach jedem Katalyseschritt ein reduzierendes Thiol benötigt. Eine Übertragung dieses Effekts auf den klinischen Verlauf der Schilddrüsenfunktion beim Menschen lässt das Studiendesign nicht zu. Köhrle (2005) ordnet diese Thiol-Abhängigkeit in einer Übersichtsarbeit mechanistisch ein.¹⁰

Klinische Studien, die eine isolierte L-Cystein-Gabe mit Endpunkten der Schilddrüsenfunktion verknüpfen, liegen in belastbarer Qualität nicht vor. Die in der Literatur diskutierte Verbindung zwischen Cystein, Glutathion und Selenoenzymen ist überwiegend biochemisch hergeleitet.

Nahrungsquellen

L-Cystein und sein Vorläufer L-Methionin kommen in proteinreichen Lebensmitteln vor. Tierische Proteine enthalten in der Regel höhere Anteile schwefelhaltiger Aminosäuren als pflanzliche; einzelne pflanzliche Quellen wie Sonnenblumenkerne, Sojabohnen und Hafer liefern relevante Mengen.¹

Grössenordnungen pro 100 g essbarem Anteil (USDA FoodData Central, Aminosäure-Profile, Daten als indikative Bereiche):

  • Geflügelfleisch, gegart, je nach Stück: rund 250 bis 350 mg Cystein
  • Hühnerei, ganz, je 100 g (etwa zwei mittlere Eier): rund 220 bis 280 mg
  • Rind- oder Schweinefleisch, gegart: rund 200 bis 280 mg
  • Lachs oder Thunfisch, gegart: rund 200 bis 250 mg
  • Molkenprotein-Konzentrat (Whey-Protein, je 100 g Pulver): rund 1 800 bis 2 200 mg
  • Hülsenfrüchte, gegart: rund 100 bis 200 mg
  • Sonnenblumenkerne: rund 350 bis 450 mg

Beim Cystein gilt wie bei den meisten Aminosäuren, dass die Gesamtprotein-Versorgung der Ernährung im Allgemeinen der relevante Bezugsrahmen ist. Eine zusätzliche Bewertung in mg-Werten pro Lebensmittel ist informativ, nicht aber Grundlage individueller Verzehrempfehlungen.

L-Cystein und N-Acetyl-L-Cystein

N-Acetyl-L-Cystein (NAC) ist die acetylierte Form von L-Cystein. Die Acetylgruppe sitzt an der Aminogruppe des Cystein-Moleküls; die freie Thiolgruppe bleibt erhalten. Die Acetylierung verbessert die Stabilität im Magen-pH-Bereich und in wässriger Lösung gegenüber freiem L-Cystein. Nach oraler Aufnahme wird ein Teil der Substanz in der Darmwand und in der Leber durch Esterasen und Acylasen deacetyliert; das frei werdende L-Cystein steht den zellulären Stoffwechselwegen zur Verfügung.¹¹ Pharmakokinetische Studien zu oralem NAC berichten Bioverfügbarkeiten zwischen rund vier und zehn Prozent, mit erheblicher Streuung je nach Bestimmungsmethode.¹¹

Sowohl L-Cystein als auch N-Acetyl-L-Cystein sind in der Europäischen Union und in der Schweiz als Bestandteile von Nahrungsergänzungs- mitteln verkehrsfähig. Im EU-Register zugelassener gesundheits- bezogener Angaben (HCVO, VO (EG) Nr. 1924/2006) sind für L-Cystein und für N-Acetyl-L-Cystein keine spezifischen Health Claims aufgeführt; Aussagen zur konkreten gesundheitlichen Wirkung dieser Aminosäuren werden in einem aufklärenden Wissens-Artikel deshalb nicht getroffen.

Sicherheit

L-Cystein in Nahrungsmengen und in den in Nahrungsergänzungsmitteln verwendeten Mengen gilt allgemein als verträglich. Beobachtete unerwünschte Wirkungen bei höheren Einzeldosen freier schwefel- haltiger Aminosäuren umfassen vor allem gastrointestinale Symptome (Übelkeit, weicher Stuhl, Bauchbeschwerden) sowie einen charakteris- tischen schwefelartigen Geruch von Atem oder Urin. Eine ausführliche Sicherheitsbewertung von L-Cystein als Futtermittel-Zusatzstoff hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zuletzt 2025 veröffentlicht.¹²

Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit, bei chronischen Erkrankungen und bei paralleler Medikamenteneinnahme ist nicht im Detail kontrolliert untersucht und sollte ärztlicher Bewertung vorbehalten bleiben.

Zusammenfassung

L-Cystein ist eine schwefelhaltige, semiessenzielle Aminosäure, die über den Transsulfurierungsweg aus L-Methionin gebildet werden kann. Sie ist Bestandteil von Proteinen, der Vorläufer von Taurin und Coenzym A und Substrat der körpereigenen Glutathion-Synthese. In den meisten Geweben gilt die Verfügbarkeit von Cystein als der geschwindigkeitsbestimmende Faktor dieser Synthese.

Im Stoffwechsel der Schilddrüse ist L-Cystein indirekt über Glutathion mit den selenocysteinhaltigen Deiodasen verknüpft, die T4 in das biologisch aktivere T3 umwandeln. In-vitro-Daten beschreiben eine thiolabhängige Reaktivierung der Selenoenzyme; klinische Studien zur isolierten L-Cystein-Gabe und Schilddrüsen- funktion liegen in belastbarer Qualität nicht vor.

In Nahrungsergänzungsmitteln wird L-Cystein überwiegend als Hydrochlorid-Salz eingesetzt, weil das freie L-Cystein leicht zu Cystin oxidiert. Die acetylierte Form N-Acetyl-L-Cystein ist chemisch stabiler. Beide Formen sind in der EU und in der Schweiz als Bestandteile von Nahrungsergänzungsmitteln verkehrsfähig.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

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