Frau um die fünfzig fasst ihr feines Haar im Nacken zusammen, als Sinnbild für Haarausfall bei Frauen und dessen Ursachen

Haarausfall bei Frauen: Formen, Ursachen und diagnostische Abklärung

Haarausfall gehört zu den Beschwerden, die Frauen besonders häufig in die dermatologische Sprechstunde führen. Die Ursachensuche endet dabei schnell beim Verdacht auf einen Nährstoffmangel. Die beiden häufigsten Formen bei Frauen, die androgenetische Alopezie und das telogene Effluvium, haben damit in vielen Fällen jedoch nichts zu tun. Wer die Formen nicht auseinanderhält, sucht an der falschen Stelle.

Dieser Artikel ordnet den normalen Haarverlust ein, stellt die relevanten Formen gegenüber, fasst die Datenlage zu den Mikronährstoffen zusammen und benennt, was in eine ärztliche Abklärung gehört.

Der Haarzyklus und die Frage, was normal ist

Jeder Haarfollikel durchläuft unabhängig von seinen Nachbarn drei Phasen. Die Wachstumsphase (Anagen) dauert etwa zwei bis acht Jahre, die Übergangsphase (Katagen) vier bis sechs Wochen. Die Ruhephase (Telogen) dauert zwei bis drei Monate; an ihrem Ende wird das Haar abgestoßen und der Follikel beginnt einen neuen Zyklus. Auf einer unauffälligen Kopfhaut befinden sich 90 bis 95 Prozent der Follikel im Anagen, die übrigen 5 bis 10 Prozent im Telogen. Daraus leitet sich der normale tägliche Haarverlust ab, den die Fachliteratur mit etwa 100 bis 150 Haaren pro Tag angibt.¹

Diese Zahl wird regelmäßig überinterpretiert, denn der Verlust konzentriert sich auf das Waschen und das Bürsten. Wer aus Sorge um die Haare seltener wäscht, findet am nächsten Waschtag entsprechend mehr Haare, ohne dass sich am Zyklus etwas geändert hätte; Rushton beschreibt das als sich selbst verstärkende Fehlwahrnehmung.² Aussagekräftig ist deshalb keine Tageszählung, sondern die Veränderung über Wochen.

Die häufigsten Formen bei Frauen

Androgenetische Alopezie

Die androgenetische Alopezie ist die häufigste Haarausfall-Form überhaupt. Die europäische S3-Leitlinie beziffert die Häufigkeit mit bis zu 80 Prozent bei kaukasischen Männern und bis zu 42 Prozent bei Frauen, zunehmend mit dem Alter.³

Kennzeichnend ist ein anlagebedingter Umbau der Follikel: Kräftige Terminalhaare werden über mehrere Zyklen dünner, kürzer und heller, bis sie kaum noch sichtbar sind. Dieser Vorgang heißt Miniaturisierung. Bei Frauen zeigt er sich meist nicht als kahle Stelle, sondern als zunehmende Ausdünnung am Mittelscheitel bei erhaltener vorderer Haarlinie, das Muster der Ludwig-Klassifikation.³ Die Erhebung im australischen Maryborough zeigt die Alterskomponente: Ein Haarverlust im mittleren Frontalbereich fand sich bei 57 Prozent der Frauen ab 80 Jahren.⁴

Telogenes Effluvium

Beim telogenen Effluvium tritt eine große Zahl von Follikeln gleichzeitig und vorzeitig in die Ruhephase ein. Der Haarverlust ist diffus verteilt, setzt abrupt ein und fällt als vermehrtes Ausfallen auf, nicht als kahle Stelle. Da die Follikel intakt bleiben, ist die akute Form grundsätzlich reversibel.¹

Davon abzugrenzen ist das chronische telogene Effluvium. Whiting verglich Kopfhautbiopsien von 355 Personen mit diffuser Ausdünnung ungeklärter Ursache, überwiegend Frauen, mit 412 Personen mit androgenetischer Alopezie und 22 Kontrollen. Das Verhältnis von Terminal- zu miniaturisierten Haaren lag beim chronischen Effluvium bei 9 zu 1 und damit nahe an den Kontrollen (7 zu 1), bei der androgenetischen Alopezie dagegen bei 1,9 zu 1.⁵ Darin liegt der Kern des Unterschieds: Beim Effluvium fallen normale Haare aus, bei der androgenetischen Alopezie werden sie umgebaut.

Alopecia areata

Die Alopecia areata ist autoimmun vermittelt und unterscheidet sich schon im Erscheinungsbild: Es entstehen scharf begrenzte, meist runde kahle Areale, häufig innerhalb weniger Wochen. Pratt und Kollegen beschreiben eine Assoziation zu anderen Autoimmunerkrankungen, darunter die Autoimmun-Thyreoiditis.⁶

Woran sich die Formen unterscheiden

  • Muster. Betonung des Mittelscheitels bei erhaltener Stirnhaarlinie spricht für die androgenetische Alopezie, gleichmäßig diffus für ein telogenes Effluvium, scharf begrenzt und rund für eine Alopecia areata.
  • Zeitverlauf. Über Jahre schleichend passt zur androgenetischen Alopezie, ein Beginn innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen zum Effluvium und zur Alopecia areata.
  • Leitbeschwerde. „Mein Scheitel wird breiter, aber es fallen kaum mehr Haare aus" deutet auf Miniaturisierung. „Es fallen büschelweise Haare aus" deutet auf ein Effluvium.
  • Haarqualität. Kurze, dünne, kaum pigmentierte Haare im Scheitelbereich sprechen für Miniaturisierung, ausgefallene Haare gleichmäßiger Stärke mit Kolbenwurzel für Telogenhaare.

Die Formen schließen einander nicht aus. Ein telogenes Effluvium kann eine bis dahin unauffällige androgenetische Alopezie erstmals sichtbar machen, weil die verminderte Haardichte den zusätzlichen Verlust nicht mehr kaschiert.

Der Zeitverzug beim telogenen Effluvium

Das wichtigste und zugleich am häufigsten übersehene Merkmal des telogenen Effluviums ist seine zeitliche Verzögerung. Der Auslöser versetzt die Follikel vorzeitig ins Telogen; weil die Ruhephase selbst zwei bis drei Monate dauert, wird das Haar erst danach abgestoßen. Zwischen Auslöser und sichtbarem Haarausfall liegen typischerweise zwei bis vier Monate.¹

Als Auslöser regelmäßig genannt werden fieberhafte Infekte, größere Operationen, eine Entbindung, ausgeprägte Gewichtsabnahme oder Crash-Diäten, schwere seelische Belastungen, Eisenmangelanämie sowie eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse. Auch Medikamente kommen infrage, darunter orale Retinoide und Thyreostatika.¹ Wer im Frühjahr hohes Fieber hatte und im Sommer über Haarausfall klagt, stellt den Zusammenhang selten selbst her. Genau diese Lücke füllt dann der Verdacht auf einen Mangel.

Mikronährstoffe: was belegt ist und was nicht

Eisen und Ferritin

Eisen ist der am besten untersuchte Mikronährstoff bei Haarausfall der Frau. Die Datenlage ist widersprüchlich. Gemessen wird der Speicherwert Ferritin, über dessen Schwelle seit Jahrzehnten gestritten wird. Rushton vertrat die Position, dass bei Frauen mit vermehrtem Haarausfall ein Ferritin von 70 µg/L als Bezugsgröße dienen sollte, hielt aber fest, dass sich der maßgebliche Wert nicht abschließend etablieren ließ.² Moeinvaziri und Kollegen fanden in einer Fall-Kontroll-Studie an 30 Frauen mit diffusem telogenem Haarausfall gegenüber 30 Kontrollen niedrigere Ferritinwerte (16,3 gegenüber 60,3 ng/mL).⁷

Dem steht eine deutlich größere kontrollierte Untersuchung gegenüber. Olsen und Kollegen verglichen 381 Frauen mit androgenetischer Alopezie oder chronischem telogenem Effluvium mit 76 Frauen ohne Haarausfall. Ein Eisenmangel war in beiden Gruppen häufig, in der Haarausfall-Gruppe aber nicht häufiger: Bei einer Schwelle von 15 µg/L lag der Anteil bei prämenopausalen Frauen mit androgenetischer Alopezie bei 12,4 Prozent, bei den Kontrollen dagegen bei 29,8 Prozent.⁸

Ein Eisenmangel ist bei Frauen also verbreitet und aus eigenem Recht abklärungsbedürftig, seine kausale Rolle beim Haarausfall aber nicht gesichert. Welche Bedeutung die Rolle des Ferritins im Schilddrüsenkontext hat, ist an anderer Stelle beschrieben.

Zink, Vitamin D und die übrigen

Für die übrigen Mikronährstoffe ist die Grundlage dünner. Rushton kam bereits 2002 zu dem Schluss, dass die verbreitete Annahme, niedrige Zink-Konzentrationen im Serum verursachten Haarausfall, durch die Daten nicht gestützt wird.² Almohanna und Kollegen beschreiben die Evidenz zu Vitaminen und Mineralstoffen bei Haarausfall überwiegend als begrenzt und uneinheitlich; eine Zufuhr ohne nachgewiesenen Mangel hat darin keine Grundlage.⁹ Zum Zusammenhang von Zink und Schilddrüsenfunktion gibt es einen eigenen Beitrag.

Wenn zu viel das Problem ist

Der Punkt, der in Ratgebern am seltensten auftaucht: Eine Überversorgung kann Haarausfall selbst auslösen. Rushton hielt fest, dass eine übermäßige Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln Haarausfall verursachen kann.² Almohanna und Kollegen berichten Alopezie als Folge einer Überversorgung mit Vitamin A; für Selen halten sie den Zusammenhang für noch nicht ausreichend belegt.⁹

Beim Selen ist das kein Randbefund. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit setzte 2023 die tolerierbare Gesamtzufuhr für Erwachsene auf 255 µg pro Tag fest und wählte dafür ausgerechnet Haarausfall als kritischen Endpunkt, weil er als frühes und gut belegtes Zeichen einer zu hohen Selen-Exposition gilt.¹⁰ Die Sicherheitsgrenzen für Selen sind an anderer Stelle dargestellt. Die Vorstellung, ein Haar-Präparat könne im Zweifel nicht schaden, steht damit auf schwachem Grund.

Wann die Schilddrüse als Ursache plausibel ist

Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion der Schilddrüse zählen zu den etablierten Auslösern eines telogenen Effluviums.¹ Der Haarausfall ist dann diffus und nicht scheitelbetont. Plausibel wird die Schilddrüse vor allem, wenn weitere Befunde in dieselbe Richtung zeigen: anhaltende Erschöpfung, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut, Gewichtsveränderung oder Zyklusstörungen. Wer die weiteren Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion bei sich wiedererkennt, hat einen konkreteren Anlass für eine TSH-Bestimmung als jemand, bei dem der Haarausfall isoliert auftritt.

Die Schilddrüse ist bei Frauen aber nicht die häufigste Ursache und keine Ausschlussdiagnose. Vincent und Yogiraj fanden unter 1.232 Personen einer dermatologischen Ambulanz eine Schilddrüsenfehlfunktion über alle Haarausfall-Muster hinweg und befürworteten deshalb ein Screening für alle Formen; die häufigste Präsentation war mit 71,35 Prozent der diffuse Haarausfall.¹¹ Die Verteilung dieser Klinikpopulation ist nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar. Ausführlicher beschrieben ist an anderer Stelle, wie sich Haarausfall durch eine Schilddrüsenerkrankung darstellt.

Wechseljahre und Haarausfall

Haarausfall in den Wechseljahren wird oft als eigene Ursache verstanden. Häufigkeit und Ausprägung der androgenetischen Alopezie nehmen jedoch ohnehin mit dem Alter zu, sodass sie in dieser Lebensphase vielfach erstmals auffällt.³ Die Alterskurve aus Maryborough stützt dieses Bild.⁴ Welche Rolle die hormonelle Umstellung spielt, ist offen: Die S3-Leitlinie hält fest, dass die Bedeutung der Androgene bei Frauen weniger klar ist als bei Männern und viele Betroffene keine Zeichen eines Androgenüberschusses zeigen.³ Zugleich fällt die Menopause mit dem Altersfenster zusammen, in dem Schilddrüsenerkrankungen bei Frauen gehäuft auffallen. Diese Überschneidung ist unter die Schilddrüse in den Wechseljahren behandelt.

Was in eine ärztliche Abklärung gehört

Die Zuordnung stützt sich auf Anamnese, Kopfhautbefund und wenige Laborwerte.

  • Anamnese mit Blick auf das zurückliegende Quartal. Infekte, Operationen, Entbindung, Gewichtsverlauf, Belastungssituationen, neue Medikamente und der zeitliche Beginn.
  • Untersuchung des Musters. Die Diagnose wird in der Regel klinisch gestellt. In unklaren Fällen macht die Trichoskopie, die auflichtmikroskopische Untersuchung der Kopfhaut, Miniaturisierung und Streuung der Haardurchmesser sichtbar.³
  • Zugtest und Trichogramm. Als auffällig gilt, wenn sich mehr als 10 Prozent der erfassten Haare leicht herausziehen lassen. Ein Trichogramm mit über 25 Prozent Telogenhaaren spricht für ein Effluvium.¹
  • Basislabor. Als Mindestumfang werden Blutbild, Urinstatus, Serum-Ferritin sowie TSH mit den Schilddrüsenhormonen genannt.¹

Für die androgenetische Alopezie stehen mit Minoxidil zur äußerlichen Anwendung und mit Antiandrogenen medikamentöse Optionen zur Verfügung, deren Bewertung die europäische S3-Leitlinie zusammenfasst.³ Es handelt sich um Arzneimittel mit eigenem Neben- und Wechselwirkungsprofil; Indikationsstellung und Überwachung gehören ausschließlich in ärztliche Hand. Ein Teil dieser Wirkstoffe kommt bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft nicht infrage.

Häufige Fragen

Ab wann ist Haarausfall bei Frauen auffällig?

Ein täglicher Verlust von etwa 100 bis 150 Haaren liegt im Rahmen des Haarzyklus.¹ Aussagekräftiger als eine Zählung ist eine Veränderung über mehrere Wochen: ein breiter werdender Mittelscheitel, ein dünnerer Zopf oder eine durchscheinende Kopfhaut.

Warum finde ich keinen Auslöser für meinen Haarausfall?

Beim telogenen Effluvium liegt der Auslöser typischerweise zwei bis vier Monate zurück, weil die Ruhephase des Haares selbst zwei bis drei Monate dauert.¹ Der Blick auf das zurückliegende Quartal ist deshalb ergiebiger als der auf die vergangenen Tage.

Hilft ein Nährstoffpräparat gegen Haarausfall?

Für eine Zufuhr ohne nachgewiesenen Mangel liefert die Literatur keine tragfähige Grundlage; die Evidenz wird bei Almohanna und Kollegen überwiegend als begrenzt und uneinheitlich beschrieben.⁹ Hinzu kommt, dass ein Übermaß an Vitamin A und an Selen selbst als Ursache von Haarausfall beschrieben ist.⁹,¹⁰ Der Weg führt über die Bestimmung des Status, nicht über die Einnahme auf Verdacht.

Wächst das Haar nach einem telogenen Effluvium wieder nach?

Beim akuten telogenen Effluvium bleiben die Follikel erhalten, weshalb die Form grundsätzlich reversibel ist, sofern der Auslöser wegfällt.¹ Das chronische telogene Effluvium kann nach den Daten von Whiting dagegen einen langen und schwankenden Verlauf nehmen.⁵

Zusammenfassung

Ein täglicher Haarverlust von etwa 100 bis 150 Haaren entspricht dem normalen Haarzyklus. Die häufigsten Formen bei Frauen sind die androgenetische Alopezie mit Ausdünnung am Mittelscheitel bei erhaltener Stirnhaarlinie sowie das telogene Effluvium mit diffusem, abrupt einsetzendem Ausfallen, dessen Auslöser typischerweise zwei bis vier Monate zurückliegt. Die Alopecia areata unterscheidet sich durch scharf begrenzte, runde Herde. Bei den Mikronährstoffen ist Eisen am besten untersucht. Selbst dort widersprechen sich die Studien. Für eine Zufuhr ohne nachgewiesenen Mangel fehlt die Grundlage, während ein Übermaß an Vitamin A und an Selen selbst Haarausfall auslösen kann. Die Schilddrüse ist eine Ursache unter mehreren, plausibel vor allem bei begleitenden Symptomen. Die Zuordnung gehört in ärztliche Beurteilung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

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  2. Rushton DH. Nutritional factors and hair loss. Clin Exp Dermatol. 2002;27(5):396-404. DOI: 10.1046/j.1365-2230.2002.01076.x. PMID: 12190640. (Narrative Übersichtsarbeit zu Ernährungsfaktoren; Quelle des Ferritin-Bezugswerts von 70 µg/L und der Feststellung fehlender Evidenz für Zink.)
  3. Kanti V, Messenger A, Dobos G, et al. Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men, short version. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2018;32(1):11-22. DOI: 10.1111/jdv.14624. PMID: 29178529. (Evidenzbasierte S3-Leitlinie des European Dermatology Forum; systematische Literaturrecherche mit Konsensuskonferenz.)
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