Mariendistel und Silymarin: Biochemie und Studienlage

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Mariendistel und Silymarin: Biochemie und Studienlage

Die Mariendistel (Silybum marianum) gehört zu den am längsten phytotherapeutisch untersuchten Pflanzen, neben Artischocke und Löwenzahn. Aus ihren Früchten wird ein Stoffgemisch gewonnen, das seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Sammelnamen Silymarin in der wissenschaftlichen Literatur erscheint. Silymarin ist Gegenstand zahlreicher präklinischer Arbeiten und einer wachsenden, aber heterogenen klinischen Studienlage zu Lebererkrankungen unterschiedlicher Ätiologie.

Dieser Artikel beschreibt die botanische Herkunft, die chemische Zusammensetzung, die Pharmakokinetik und die Studienlage von Silymarin. Er ordnet die aktuelle regulatorische Situation gesundheitsbezogener Angaben zu Pflanzenstoffen ein und benennt die Grenzen der Evidenz.

Botanik und Inhaltsstoffe

Die Mariendistel ist eine ein- oder zweijährige Korbblütler-Art, die im Mittelmeerraum heimisch ist und heute weltweit kultiviert wird. Pharmazeutisch verwendet werden die reifen Früchte (Cardui mariae fructus), seltener die Krautteile.¹

Aus den Früchten wird durch Extraktion mit organischen Lösungsmitteln der Silymarin-Komplex gewonnen. Silymarin ist kein einzelner Wirkstoff, sondern ein Gemisch strukturell verwandter Flavonolignane. Die quantitativ wichtigsten Bestandteile sind:²

  • Silybin (zwei Diastereomere Silybin A und Silybin B), der grösste Anteil des Komplexes;
  • Isosilybin (Isosilybin A und Isosilybin B);
  • Silychristin;
  • Silydianin.

Daneben enthält Silymarin Flavonoide wie Taxifolin sowie Begleitstoffe. Die Zusammensetzung schwankt je nach Herkunft des Pflanzenmaterials und Extraktionsverfahren; standardisierte Präparate werden auf einen definierten Silymarin-Gehalt eingestellt, bezogen auf die Summe der genannten Flavonolignane.¹

Pharmakokinetik

Die orale Bioverfügbarkeit von freiem Silybin gilt als gering. Im Plasma wird Silybin nach Aufnahme rasch in glucuronidierte und sulfatierte Konjugate überführt; ein erheblicher Teil wird über die Galle ausgeschieden. Die terminale Halbwertszeit von Silybin im Plasma liegt in der Regel unter vier Stunden, mit kurzer Verweilzeit der nicht konjugierten Form.³

Um die Bioverfügbarkeit zu verbessern, wurden Formulierungen entwickelt, in denen Silybin nicht als freier Stoff, sondern als Komplex mit Phosphatidylcholin vorliegt (Silybin-Phosphatidylcholin-Komplex, in der Literatur als IdB 1016 oder unter den Markennamen Silipide und Realsil bezeichnet). In einer Studie an neun gesunden Probanden lagen die Plasmaspiegel des Silybins nach Gabe des Komplexes deutlich höher als nach Gabe einer äquimolaren Dosis konventionellen Silymarins.³ Bewertet wurde das als Folge einer verbesserten Passage durch die intestinale Mukosa.

Die Pharmakokinetik der weiteren Silymarin-Bestandteile ist weniger gut untersucht; einige Daten sprechen für ähnlich niedrige Konjugations-bedingte Bioverfügbarkeit von Silychristin und Silydianin.²

Präklinische Mechanismen

In Zellkultur- und Tiermodellen sind verschiedene Mechanismen beschrieben, die zur biologischen Aktivität von Silymarin beitragen können:

  • Antioxidative Eigenschaften. Ein direktes Abfangen reaktiver Sauerstoffspezies wird in der Übersichtsarbeit vor allem für das Darmlumen beschrieben. Als wesentlicher Mechanismus gilt dort die Aktivierung antioxidativer Enzyme über den Nrf2-Signalweg.⁴
  • Modulation von Entzündungsmediatoren. In experimentellen Modellen wurde eine Hemmung des NF-kappaB-Signalwegs beschrieben.⁴
  • Antifibrogene Hinweise. An isolierten humanen Sternzellen der Leber hemmte Silybin in Konzentrationen von 25 bis 50 Mikromol die Proliferation, die Zellmigration und die Neusynthese extrazellulärer Matrix.⁵
  • Interaktion mit zellulären Transportern. Saller und Mitarbeitende referieren Befunde zu einer Modulation von Transportern der ABC-Familie und der Gallensalz-Export-Pumpe.²

Diese Mechanismen sind biochemisch beschrieben, überwiegend in vitro oder im Tiermodell. Eine quantitative Übertragung auf den klinischen Verlauf einer menschlichen Lebererkrankung lässt sich aus den Modellen nicht direkt ableiten.

Klinische Studienlage zu Silymarin bei Fettleber und Hepatitis

Die Mehrzahl der klinischen Arbeiten zu Silymarin betrifft drei Indikationsfelder: nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD/MASLD) einschliesslich Steatohepatitis (NASH/MASH), alkoholische Lebererkrankung und Virushepatitiden (insbesondere Hepatitis C). Die Studien sind methodisch heterogen, oft klein und verwenden unterschiedliche Präparate.

NAFLD/MASLD und NASH

  • Loguercio und Mitarbeitende (2012) führten eine multizentrische doppelblinde Phase-III-Studie zu einem Silybin-Phosphatidylcholin-Vitamin-E-Komplex an Patienten mit histologisch gesicherter NAFLD beziehungsweise NASH durch. Über zwölf Monate berichteten die Autoren in der Verum-Gruppe eine Verbesserung der Leberenzymwerte im Plasma, des HOMA-Index und der Leberhistologie. Eine Placebo-Kontrolle war eingeschlossen. Von 179 eingeschlossenen Personen schieden 41 vorzeitig aus; ausgewertet wurden 138 nach Protokoll.⁶
  • Anushiravani und Mitarbeitende (2019) randomisierten 150 Personen mit nichtalkoholischer Fettlebererkrankung auf fünf Arme (Lebensstil plus Placebo, Metformin 500 mg, Silymarin 140 mg, Pioglitazon 15 mg, Vitamin E 400 IE pro Tag), doppelblind und placebokontrolliert über drei Monate. In allen Gruppen ausser der Kontrollgruppe sanken ALT und AST signifikant.⁷
  • Wah Kheong und Mitarbeitende (2017) randomisierten 99 Personen mit histologisch gesicherter NASH auf Silymarin 700 mg dreimal täglich oder Placebo über 48 Wochen. Der primäre Endpunkt (Rückgang des NAFLD Activity Score um mindestens 30 Prozent) wurde nicht signifikant häufiger erreicht als unter Placebo (32,7 gegen 26,0 Prozent, p = 0,467). Ein Rückgang der Fibrose war in der Verum-Gruppe häufiger, histologisch 22,4 gegen 6,0 Prozent (p = 0,023) und elastografisch 24,2 gegen 2,3 Prozent (p = 0,002).⁸

Eine Meta-Analyse von acht randomisierten kontrollierten Studien mit zusammen 587 Personen mit nichtalkoholischer Fettlebererkrankung berichtet unter Silymarin eine im Vergleich zur Kontrollgruppe stärkere Senkung von AST und ALT. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien ist heterogen und die klinische Bedeutung der Enzymveränderungen für den Langzeitverlauf der Erkrankung ist aus den Daten nicht ableitbar.⁹

Alkoholische und virale Lebererkrankungen

Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Rambaldi und Mitarbeitenden (2007) wertete 18 randomisierte kontrollierte Studien mit zusammen 1088 Personen mit alkoholischer Lebererkrankung und/oder Hepatitis B oder C aus. Auf die Gesamtmortalität zeigte sich kein signifikanter Effekt (relatives Risiko 0,78, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,53 bis 1,15). Die leberbezogene Mortalität war über alle Studien hinweg signifikant reduziert (relatives Risiko 0,50, 0,29 bis 0,88), in der Subgruppe der methodisch hochwertigen Studien jedoch nicht (relatives Risiko 0,57, 0,28 bis 1,19). Ein Einfluss auf leberbezogene Komplikationen oder die Leberhistologie liess sich nicht belegen. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien war niedrig; die Autoren stellten die berichteten günstigen Effekte in Frage und forderten hochwertige weitere Studien.¹⁰

Synthese: ältere und neuere Übersichten

  • Saller und Mitarbeitende (2001) werteten in einer ausführlichen Übersicht 525 Quellen aus, von denen 36 für eine detaillierte Analyse herangezogen wurden. Für die Leberzirrhose fassten sie fünf Studien mit 602 Personen zusammen: die Gesamtmortalität war nicht signifikant reduziert (Odds Ratio 0,75), die leberbezogene Mortalität signifikant (Odds Ratio 0,54, p unter 0,01). Die Autoren hoben zugleich die begrenzte Qualität der damaligen Datenlage hervor.¹¹
  • Saller und Mitarbeitende (2007) aktualisierten die Pharmakologie-Übersicht; über 700 Arbeiten wurden gesichtet, 92 Prozent davon auf tierexperimenteller Ebene. Die Autoren beschrieben Silymarin als „multi-functional and multi-target“ wirkendes Stoffgemisch und betonten die Diskrepanz zwischen mechanistischer Evidenz und klinischer Endpunkt-Studien.²

In der Gesamtschau besteht eine breite biochemische und präklinische Daten-Basis sowie eine wachsende Zahl kleiner bis mittelgrosser randomisierter klinischer Studien mit heterogenen Ergebnissen. In methodisch hochwertigen Studien lässt sich eine Senkung harter Endpunkte (Mortalität, Dekompensation) bei den untersuchten Lebererkrankungen nicht belegen. Einzelne Auswertungen über alle Studien hinweg berichten eine Reduktion der leberbezogenen Mortalität, die in den Subgruppen der hochwertigen Studien nicht bestehen bleibt.

Sicherheit und Verträglichkeit

Silymarin wurde in den in klinischen Studien verwendeten Dosierungen überwiegend als gut verträglich beschrieben. Berichtete unerwünschte Wirkungen betreffen vor allem den Gastrointestinaltrakt: Völlegefühl, weiche Stühle, leichte Übelkeit; gelegentlich werden Kopfschmerzen genannt. Allergische Reaktionen sind selten beschrieben.²,¹¹ Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 mit 25 Studien und 2283 Personen berichtet demgegenüber unter Silymarin eine erhöhte Rate unerwünschter Ereignisse (relatives Risiko 1,98, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,11 bis 3,54), überwiegend gastrointestinaler Art.¹⁵ Bei bekannter Allergie gegen Korbblütler ist vor einer Anwendung eine ärztliche Abklärung erforderlich.

In der Übersicht von Saller und Mitarbeitenden wird bei Personen mit zirrhosebedingtem Diabetes mellitus ein um 25 Prozent verringerter Insulinbedarf berichtet.¹¹ Bei paralleler Einnahme blutzuckersenkender Medikamente ist deshalb eine ärztliche Abklärung erforderlich.

Cytochrom-P450-Interaktionen

In vitro hemmen Silymarin und einzelne Komponenten verschiedene Isoformen des Cytochrom-P450-Systems, am ausgeprägtesten CYP2C19, in geringerem Ausmass CYP2D6 und CYP3A4.¹² Die in vitro gemessenen Hemmkonstanten liegen jedoch mehrfach über den Plasmaspiegeln, die nach oraler Standarddosierung erreicht werden. In einer offenen Pharmakokinetik-Studie an 15 Personen unter Darunavir-Ritonavir zeigten sich unter zusätzlicher Gabe von Silymarin keine klinisch relevanten Veränderungen der Substrat-Pharmakokinetik.¹³ Die Studienlage ist nicht vollständig einheitlich; eine pauschale Aussage zur Bedeutung der CYP-Interaktion im Alltag lässt sich daraus nicht ableiten. Bei einer parallelen Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente mit engem therapeutischem Bereich ist eine ärztliche oder pharmazeutische Abklärung sinnvoll.

Befund zum Schilddrüsenhormon-Transport

In einem Zellmodell wurde Silychristin, ein Bestandteil des Silymarin-Komplexes, als Hemmer des Schilddrüsenhormon-Transporters MCT8 beschrieben; der halbmaximale Hemmwert lag bei rund 100 Nanomol. Die Autoren leiten daraus Fragen zur Sicherheit in Bezug auf die Schilddrüsenhormonachse ab.¹⁶ Der Transport von Schilddrüsenhormonen in die Zelle ist Voraussetzung für ihre biologische Wirkung und für die intrazelluläre Umwandlung von T4 in T3. Daten am Menschen liegen zu diesem Befund nicht vor.

Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder

Belastbare Daten zur Anwendung in Schwangerschaft, Stillzeit oder bei Kindern sind begrenzt. In diesen Gruppen besteht keine ausreichende Evidenz, die eine generelle Aussage erlaubt; eine ärztliche Beurteilung im Einzelfall ist erforderlich.

Regulatorische Einordnung in der EU und der Schweiz

Mariendistel-Früchte werden in der EU und in der Schweiz sowohl in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln als auch in arzneilich zugelassenen Zubereitungen verwendet. Die rechtliche Einordnung eines konkreten Produkts hängt von Präparat, Dosis und Indikationsanspruch ab und ist nicht Gegenstand dieses Artikels.

Im Rahmen der europäischen Regelung gesundheitsbezogener Angaben wurden zahlreiche Angaben zu Mariendistel und Silymarin zur wissenschaftlichen Bewertung eingereicht. Diese Angaben (insbesondere Aussagen zur Leber, zur Verdauungsfunktion und zum Schutz vor oxidativem Stress) befinden sich seit Anordnung der Europäischen Kommission im sogenannten On-Hold-Status. Sie sind in das EU-Register der zugelassenen oder abgelehnten Claims bislang nicht aufgenommen. Eine abschliessende EU-rechtliche Bewertung steht aus. Bis zur Entscheidung der Kommission ist die Verwendung im kommerziellen Kontext einzelner Mitgliedstaaten unter Bezug auf nationale Übergangsregelungen möglich, rechtlich aber instabil.¹⁴

Zusammenfassung

Silymarin ist ein in der Mariendistel-Frucht enthaltener Flavonolignan-Komplex mit Silybin als quantitativem Hauptanteil. Die orale Bioverfügbarkeit des freien Silybins ist gering; in einer Studie an neun gesunden Probanden lagen die Plasmaspiegel nach Gabe des Phosphatidylcholin-Komplexes höher als nach Gabe von konventionellem Silymarin. Präklinisch sind antioxidative, antiinflammatorische und antifibrogene Effekte beschrieben. Klinische Studien zu nichtalkoholischer Fettlebererkrankung berichten Veränderungen von Aminotransferasen und einzelnen histologischen Parametern; eine Cochrane-Synthese zur alkoholischen und viralen Lebererkrankung fand keinen signifikanten Effekt auf die Gesamtmortalität oder auf Komplikationen. Die über alle Studien berichtete Reduktion der leberbezogenen Mortalität blieb in den methodisch hochwertigen Studien nicht bestehen. Die EU-rechtlichen gesundheitsbezogenen Angaben zu Mariendistel und Silymarin sind aktuell On-Hold. Eine sachliche Einordnung in den Stand der Forschung und in den geltenden Rechtsrahmen ist daher geboten; klinische Entscheidungen über eine Anwendung gehören in die ärztliche Verantwortung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

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