Mariendistel und Silymarin: Biochemie und Studienlage
Dividir
Die Mariendistel (Silybum marianum) gehoert zu den am laengsten phytotherapeutisch untersuchten Pflanzen. Ihre fruchtigen Bestandteile liefern einen Stoffgemisch-Komplex, der seit der zweiten Haelfte des 20. Jahrhunderts unter dem Sammelnamen Silymarin in der wissen- schaftlichen Literatur erscheint. Silymarin ist Gegenstand zahlreicher praeklinischer Arbeiten und einer wachsenden, aber heterogenen klinischen Studienlage zu Lebererkrankungen unterschiedlicher Aetiologie.
Dieser Artikel beschreibt die botanische Herkunft, die chemische Zusammensetzung, die Pharmakokinetik und die Studienlage von Silymarin. Er ordnet die aktuelle regulatorische Situation der Health Claims Verordnung, VO (EG) Nr. 1924/2006 (HCVO), ein und benennt die Grenzen der Evidenz.
Botanik und Inhaltsstoffe
Die Mariendistel ist eine ein- oder zweijaehrige Korbbluetler-Art, die im Mittelmeerraum heimisch ist und heute weltweit kultiviert wird. Pharmazeutisch verwendet werden die reifen Fruechte (Cardui mariae fructus), seltener die Krautteile.¹
Aus den Fruechten wird durch Extraktion mit organischen Loesungsmitteln der Silymarin-Komplex gewonnen. Silymarin ist kein einzelner Wirkstoff, sondern ein Gemisch strukturell verwandter Flavonolignane. Die quantitativ wichtigsten Bestandteile sind:²
- Silybin (zwei Diastereomere Silybin A und Silybin B), der groesste Anteil des Komplexes;
- Isosilybin (Isosilybin A und Isosilybin B);
- Silychristin;
- Silydianin.
Daneben enthaelt Silymarin Flavonoide wie Taxifolin sowie Begleitstoffe. Die Zusammensetzung schwankt je nach Herkunft des Pflanzenmaterials und Extraktionsverfahren; standardisierte Praeparate werden in der Regel auf einen Silymarin-Gehalt zwischen 70 und 80 Prozent eingestellt, bezogen auf die Summe der genannten Flavonolignane.¹
Pharmakokinetik
Die orale Bioverfuegbarkeit von freiem Silybin gilt als gering. Im Plasma wird Silybin nach Aufnahme rasch in glucuronidierte und sulfatierte Konjugate ueberfuehrt; ein erheblicher Teil wird ueber die Galle ausgeschieden. Die terminale Halbwertszeit von Silybin im Plasma liegt im Bereich von etwa sechs Stunden, mit kurzer Verweilzeit der nicht konjugierten Form.³
Um die Bioverfuegbarkeit zu verbessern, wurden Formulierungen entwickelt, in denen Silybin nicht als freier Stoff, sondern als Komplex mit Phosphatidylcholin vorliegt (Silybin-Phosphatidylcholin- Komplex, in der Literatur als IdB 1016 oder unter den Markennamen Silipide und Realsil bezeichnet). In einer Studie an gesunden Probandinnen und Probanden lagen die Plasmaspiegel des Silybins nach Gabe des Komplexes deutlich hoeher als nach Gabe einer aequimolaren Dosis konventionellen Silymarins.³ Bewertet wurde das als Folge einer verbesserten Passage durch die intestinale Mukosa.
Die Pharmakokinetik der weiteren Silymarin-Bestandteile ist weniger gut untersucht; einige Daten sprechen fuer aehnlich niedrige Konjugations-bedingte Bioverfuegbarkeit von Silychristin und Silydianin.²
Praeklinische Mechanismen
In Zellkultur- und Tiermodellen sind verschiedene Mechanismen beschrieben, die zur biologischen Aktivitaet von Silymarin beitragen koennen:
- Antioxidative Wirkung. Silybin faengt reaktive Sauerstoffspezies direkt ab und greift in die Lipidperoxidation ein. In Hepatozyten-Modellen wurden Veraenderungen des intrazellulaeren Glutathion-Status berichtet.⁴
- Modulation von Entzuendungsmediatoren. In experimentellen Modellen reduzierten Silybin-Konzentrationen im mikromolaren Bereich die Aktivierung des NF-kB-Signalwegs und die Expression proinflammatorischer Zytokine.⁴
- Antifibrotische Hinweise. In Tiermodellen induzierter Leberfibrose (Tetrachlorkohlenstoff, Gallengangligatur) wurden unter Silybin-Gabe geringere Kollagenablagerungen und eine reduzierte Aktivierung hepatischer Sternzellen beschrieben.⁵
- Interaktion mit zellulaeren Transportern. Saller und Mitarbeitende referieren Befunde zu einer Modulation von Transportern der ABC-Familie und der Gallensalz-Export-Pumpe.²
Diese Mechanismen sind biochemisch beschrieben, ueberwiegend in vitro oder im Tiermodell. Eine quantitative Uebertragung auf den klinischen Verlauf einer menschlichen Lebererkrankung laesst sich aus den Modellen nicht direkt ableiten.
Klinische Studienlage
Die Mehrzahl der klinischen Arbeiten zu Silymarin betrifft drei Indikationsfelder: nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD/MASLD) einschliesslich Steatohepatitis (NASH/MASH), alkoholische Lebererkrankung und Virushepatitiden (insbesondere Hepatitis C). Die Studien sind methodisch heterogen, oft klein und verwenden unterschiedliche Praeparate.
NAFLD/MASLD und NASH
- Loguercio und Mitarbeitende (2012) fuehrten eine multizentrische doppelblinde Phase-III-Studie zu einem Silybin-Phosphatidylcholin- Vitamin-E-Komplex an Patientinnen und Patienten mit histologisch gesicherter NAFLD beziehungsweise NASH durch. Ueber zwoelf Monate berichteten die Autorinnen und Autoren in der Verum-Gruppe einen signifikanten Rueckgang der Aminotransferasen (AST, ALT) und der gamma-Glutamyl-Transferase sowie Veraenderungen in der Leberhistologie bei einem Teil der Behandelten. Eine Placebo-Kontrolle war eingeschlossen.⁶
- Anushiravani und Mitarbeitende (2019) randomisierten 150 Personen mit sonografisch nachgewiesener NAFLD auf fuenf Arme (Lebensstil plus Placebo, Metformin, Silymarin 140 mg pro Tag, Pioglitazon, Vitamin E). Die Studie war doppelblind mit versiegelten Zuordnungsumschlaegen. Im Studienverlauf wurden Veraenderungen der Aminotransferasen und der sonografisch beurteilten Steatose berichtet.⁷
- Wah Kheong und Mitarbeitende (2017) randomisierten 99 Personen mit histologisch gesicherter NASH auf Silymarin 700 mg dreimal taeglich oder Placebo ueber 48 Wochen. Der primaere kombinierte histologische Endpunkt (Rueckgang des NAFLD Activity Score um mindestens 30 Prozent ohne Verschlechterung der Fibrose) wurde im Vergleich zu Placebo numerisch haeufiger erreicht; sekundaere Endpunkte wie der Rueckgang des Fibrose-Scores zeigten in der Verum-Gruppe eine guenstigere Tendenz.⁸
Eine Meta-Analyse der RCTs zum Silybin-Phosphatidylcholin-Vitamin-E- Komplex (Realsil) bei NAFLD und NASH berichtet eine signifikante Reduktion der Aminotransferasen ueber die einzelnen Studien hinweg. Die methodische Qualitaet der eingeschlossenen Studien ist heterogen, und die klinische Bedeutung der Enzymveraenderungen fuer den Langzeitverlauf der Erkrankung ist aus den Daten nicht ableitbar.⁹
Alkoholische und virale Lebererkrankungen
Eine Cochrane-Uebersichtsarbeit von Rambaldi und Mitarbeitenden (2007) wertete 13 randomisierte kontrollierte Studien mit zusammen 915 Personen mit alkoholischer Lebererkrankung und/oder Hepatitis B oder C aus. Die Autorinnen und Autoren konnten ueber alle Studien sowie ueber die Subgruppe der methodisch hochwertigen Studien keinen signifikanten Effekt der Mariendistel auf die Gesamtmortalitaet oder die Mortalitaet durch Lebererkrankung nachweisen. Ein Einfluss auf leberbezogene Komplikationen oder die Leberhistologie liess sich ebenfalls nicht belegen. Die Autorinnen und Autoren formulierten als Schlussfolgerung, dass die vorliegende Evidenz weder fuer noch gegen einen Effekt der Mariendistel in diesen Indikationen spreche, und forderten hochwertige weitere Studien.¹⁰
Synthese: aeltere und neuere Uebersichten
- Saller und Mitarbeitende (2001) werteten in einer ausfuehrlichen Uebersicht 525 Quellen aus, von denen 36 fuer eine detaillierte Analyse herangezogen wurden. Die Autorinnen und Autoren ordneten Silymarin als Phytotherapeutikum mit hepatoprotektivem Anspruch ein, hoben die zum damaligen Zeitpunkt unzureichende Evidenzqualitaet hervor und differenzierten zwischen symptomatischer Wirkung und klinischem Endpunkt.¹¹
- Saller und Mitarbeitende (2007) aktualisierten die Pharmakologie-Uebersicht; ueber 700 Arbeiten wurden gesichtet, 92 Prozent davon auf tierexperimenteller Ebene. Die Autorinnen und Autoren beschrieben Silymarin als „multi-functional and multi-target" wirkendes Stoffgemisch und betonten die Diskrepanz zwischen mechanistischer Evidenz und klinischer Endpunkt-Studien.²
In der Gesamtschau besteht eine breite biochemische und praeklinische Daten-Basis, eine wachsende Zahl kleiner bis mittel- grosser randomisierter klinischer Studien mit heterogenen Ergebnissen, und keine etablierte Evidenz fuer eine Senkung harter Endpunkte (Mortalitaet, Dekompensation) bei den untersuchten Lebererkrankungen.
Sicherheit und Vertraeglichkeit
Silymarin gilt in den in klinischen Studien verwendeten Dosierungen allgemein als gut vertraeglich. Berichtete unerwuenschte Wirkungen betreffen ueberwiegend den Gastrointestinaltrakt — Voellegefuehl, weiche Stuehle, leichte Uebelkeit; gelegentlich werden Kopfschmerzen genannt. Allergische Reaktionen sind selten beschrieben.²,¹¹
Cytochrom-P450-Interaktionen
In vitro hemmen Silymarin und einzelne Komponenten verschiedene Isoformen des Cytochrom-P450-Systems, am ausgepraegtesten CYP3A4 und CYP2C9.¹² Die in vitro gemessenen Hemmkonstanten liegen jedoch mehrfach ueber den Plasmaspiegeln, die nach oraler Standarddosierung erreicht werden. In klinischen Pharmakokinetik-Studien an Personen, die Substrate dieser Enzyme einnahmen (zum Beispiel Midazolam, Indinavir, Darunavir-Ritonavir), zeigten sich in den meisten Untersuchungen keine klinisch relevanten Veraenderungen der Substrat-Pharmakokinetik.¹³ Die Studienlage ist nicht vollstaendig einheitlich; eine pauschale Aussage zur Bedeutung der CYP- Interaktion im Alltag laesst sich daraus nicht ableiten. Bei einer parallelen Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente, die eng therapeutische Bereiche haben oder ueber CYP3A4 metabolisiert werden, ist eine aerztliche oder pharmazeutische Abklaerung sinnvoll.
Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder
Belastbare Daten zur Anwendung in Schwangerschaft, Stillzeit oder bei Kindern sind begrenzt. In diesen Gruppen besteht keine ausreichende Evidenz, die eine generelle Aussage erlaubt; eine aerztliche Beurteilung im Einzelfall ist erforderlich.
Regulatorische Einordnung in der EU und der Schweiz
Mariendistel-Fruechte sind in der EU und in der Schweiz als Lebensmittelzutat und als Bestandteil von Nahrungsergaenzungsmitteln verkehrsfaehig. Bestimmte Mariendistel-Zubereitungen sind daneben arzneilich zugelassen; die arzneimittelrechtliche Einordnung haengt von Praeparat, Dosis und Indikationsanspruch ab und ist nicht Gegenstand dieses Artikels.
Im Rahmen der Health Claims Verordnung VO (EG) Nr. 1924/2006 wurden zahlreiche gesundheitsbezogene Angaben zu Mariendistel und Silymarin nach Artikel 13 Absatz 1 zur wissenschaftlichen Bewertung eingereicht. Diese Angaben (insbesondere Aussagen zur Leber, zur Verdauungsfunktion und zum Schutz vor oxidativem Stress) befinden sich seit Anordnung der Europaeischen Kommission im sogenannten On-Hold-Status. Sie sind in das EU-Register der zugelassenen oder abgelehnten Claims bislang nicht aufgenommen. Eine abschliessende EU-rechtliche Bewertung steht aus. Bis zur Entscheidung der Kommission ist die Verwendung im kommerziellen Kontext einzelner Mitgliedstaaten unter Bezug auf nationale Uebergangsregelungen moeglich, rechtlich aber instabil.¹⁴
Zusammenfassung
Silymarin ist ein in der Mariendistel-Frucht enthaltener Flavonolignan-Komplex mit Silybin als quantitativem Hauptanteil. Die orale Bioverfuegbarkeit des freien Silybins ist gering; Phosphatidylcholin-Komplexierung erhoeht die Plasmaspiegel im Vergleich. Praeklinisch sind antioxidative, antiinflammatorische und antifibrotische Effekte beschrieben. Klinische Studien zu nichtalkoholischer Fettlebererkrankung berichten Veraenderungen von Aminotransferasen und einzelnen histologischen Parametern; eine Cochrane-Synthese zur alkoholischen und viralen Lebererkrankung fand keinen signifikanten Effekt auf Mortalitaet oder Komplikationen. Die EU-rechtlichen gesundheitsbezogenen Angaben zu Mariendistel und Silymarin sind aktuell On-Hold. Eine sachliche Einordnung in den Stand der Forschung und in den geltenden Rechtsrahmen ist daher geboten; klinische Entscheidungen ueber eine Anwendung gehoeren in die aerztliche Verantwortung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine aerztliche Abklaerung erforderlich. Nahrungsergaenzungsmittel koennen Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
- Abenavoli L, Izzo AA, Milic N, Cicala C, Santini A, Capasso R. Milk thistle (Silybum marianum): A concise overview on its chemistry, pharmacological, and nutraceutical uses in liver diseases. Phytother Res. 2018;32(11):2202-2213. DOI: 10.1002/ptr.6171.
- Saller R, Brignoli R, Melzer J, Meier R. An updated systematic review with meta-analysis for the clinical evidence of silymarin. Forsch Komplementmed. 2008;15(1):9-20. DOI: 10.1159/000113648.
- Barzaghi N, Crema F, Gatti G, Pifferi G, Perucca E. Pharmacokinetic studies on IdB 1016, a silybin- phosphatidylcholine complex, in healthy human subjects. Eur J Drug Metab Pharmacokinet. 1990;15(4):333-338. DOI: 10.1007/BF03190223.
- Surai PF. Silymarin as a natural antioxidant: an overview of the current evidence and perspectives. Antioxidants (Basel). 2015;4(1):204-247. DOI: 10.3390/antiox4010204.
- Trappoliere M, Caligiuri A, Schmid M, et al. Silybin, a component of sylimarin, exerts anti-inflammatory and anti- fibrogenic effects on human hepatic stellate cells. J Hepatol. 2009;50(6):1102-1111. DOI: 10.1016/j.jhep.2009.02.023.
- Loguercio C, Andreone P, Brisc C, et al. Silybin combined with phosphatidylcholine and vitamin E in patients with nonalcoholic fatty liver disease: a randomized controlled trial. Free Radic Biol Med. 2012;52(9):1658-1665. DOI: 10.1016/j.freeradbiomed.2012.02.008.
- Anushiravani A, Haddadi N, Pourfarmanbar M, Mohammadkarimi V. Treatment options for nonalcoholic fatty liver disease: a double-blinded randomized placebo-controlled trial. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2019;31(5):613-617. DOI: 10.1097/MEG.0000000000001369.
- Wah Kheong C, Nik Mustapha NR, Mahadeva S. A randomized trial of silymarin for the treatment of nonalcoholic steatohepatitis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2017;15(12):1940-1949.e8. DOI: 10.1016/j.cgh.2017.04.016.
- Aller R, Laserna C, Rojo MA, et al. Effect of silymarin plus vitamin E in patients with non-alcoholic fatty liver disease. A randomized clinical pilot study. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2015;19(16):3118-3124. (zugehoerige Meta-Analyse: Zhong S, et al. The therapeutic effect of silymarin in the treatment of nonalcoholic fatty disease: A meta-analysis. Medicine (Baltimore). 2017;96(49):e9061. DOI: 10.1097/MD.0000000000009061.)
- Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C. Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C virus liver diseases. Cochrane Database Syst Rev. 2007;(4):CD003620. DOI: 10.1002/14651858.CD003620.pub3.
- Saller R, Meier R, Brignoli R. The use of silymarin in the treatment of liver diseases. Drugs. 2001;61(14):2035-2063. DOI: 10.2165/00003495-200161140-00003.
- Doehmer J, Tewes B, Klein KU, Gritzko K, Muschick H, Mengs U. Assessment of drug-drug interaction for silymarin. Toxicol In Vitro. 2008;22(3):610-617. DOI: 10.1016/j.tiv.2007.11.020.
- Molto J, Valle M, Miranda C, et al. Effect of milk thistle on the pharmacokinetics of darunavir-ritonavir in HIV-infected patients. Antimicrob Agents Chemother. 2012;56(6):2837-2841. DOI: 10.1128/AAC.00025-12.
- Europaeische Kommission. EU Register of nutrition and health claims made on foods — Background and status of botanical Article 13(1) claims (on hold). Verfuegbar unter: https://ec.europa.eu/food/food-feed-portal/screen/health-claims/eu-register (Abrufdatum: 2026-05-23).


