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Vitamin D und Hashimoto-Thyreoiditis: Studienlage, Referenzwerte und Versorgung
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Vitamin D ist sowohl Nährstoff als auch Hormonvorstufe. In seiner aktivierten Form 1,25-Dihydroxy-Vitamin-D (Calcitriol) wirkt es über den nukleären Vitamin-D-Rezeptor (VDR), der auf zahlreichen Zelltypen exprimiert wird, unter anderem auf T-Lymphozyten, B-Lymphozyten, antigenpräsentierenden Zellen und Makrophagen.¹,²
Dieser Artikel beschreibt die immunologische Rolle des Vitamin D, ordnet die Studienlage zu Vitamin D und autoimmuner Thyreoiditis (Hashimoto-Thyreoiditis) ein, fasst die geltenden Referenz- und Sicherheitsbereiche zusammen und stellt die in der Literatur diskutierten Vitamin-D-Formen sachlich gegenüber. Er bewertet weder Dosen noch Spiegelziele normativ. Eine Übersicht der bei Schilddrüsenerkrankungen diskutierten Nährstoffe gibt der Beitrag Mikronährstoffe im Überblick.
Vitamin D im Immunsystem
Vitamin D entsteht beim Menschen zum überwiegenden Teil über die UV-B-induzierte Synthese in der Haut; ein kleinerer Anteil stammt aus der Ernährung. Die Speicherform 25-Hydroxy-Vitamin-D (25(OH)D) wird in der Leber gebildet und im Plasma gemessen. Die biologisch aktive Form 1,25-(OH)₂-D entsteht über eine zweite Hydroxylierung in der Niere sowie gewebespezifisch auch in Immunzellen.¹,³
Beobachtungen in der Literatur zur immunmodulatorischen Wirkung des Vitamin D umfassen:
- Veränderungen im Differenzierungsmuster CD4⁺-positiver T-Lymphozyten mit beschriebener Verschiebung zugunsten regulatorischer T-Zellen.²,⁴
- Hemmung der Produktion proinflammatorischer Zytokine in Zellkulturen (Interleukin-2, Interferon-γ, Tumornekrose-Faktor-α).²
- Einfluss auf die Reifung dendritischer Zellen und die Expression kostimulatorischer Moleküle.²,⁴
Diese Beobachtungen sind weitgehend zellbiologisch und tierexperimentell, mit kleineren Befundgruppen aus klinischen Studien. Eine direkte Übertragung der Mechanismen auf den klinischen Verlauf einer autoimmunen Erkrankung ist daraus nicht ohne Weiteres ableitbar.
Zugelassene Wirkungsangaben zu Vitamin D
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat mehrere Vitamin-D-bezogene Wirkungsangaben wissenschaftlich bewertet und in die EU-Liste zugelassener gesundheitsbezogener Angaben aufgenommen, unter anderem zur Funktion des Immunsystems, zur Aufnahme und Verwertung von Calcium und Phosphor, zum Calciumspiegel im Blut, zur Erhaltung normaler Knochen, Muskelfunktion und Zähne sowie zur Zellteilung. Ein eigenständiger Health Claim zu „Vitamin D bei Hashimoto-Thyreoiditis" oder „Vitamin D senkt Schilddrüsen-Autoantikörper" existiert in der EU nicht und ist nach dem europäischen Recht für gesundheitsbezogene Angaben nicht als gesundheitsbezogene Aussage verwendbar.¹⁸
Studienlage zu Vitamin D und Hashimoto-Thyreoiditis
Beobachtungs- und Querschnittsstudien
Mehrere Beobachtungsstudien beschreiben einen Zusammenhang zwischen niedrigem 25(OH)D-Spiegel und Hashimoto-Thyreoiditis. Tamer et al. (2011, Türkei) führten eine prävalenzorientierte Fall-Kontroll-Studie an 161 Hashimoto-Patienten sowie 162 gesunden Kontrollen durch. Die Prävalenz einer Vitamin-D-Insuffizienz (< 30 ng/mL) lag in der Hashimoto-Gruppe bei 92 %, in der Kontrollgruppe bei 63 %; der Unterschied war statistisch signifikant.⁵ Mazokopakis et al. (2015) untersuchten 218 euthyreote Hashimoto-Patienten auf der griechischen Insel Kreta; 85,3 % hatten einen 25(OH)D-Spiegel unter 30 ng/mL.⁶
Eine Meta-Analyse von Wang et al. (2015) wertete 20 Studien aus und fand bei Patienten mit autoimmuner Thyreoiditis im Mittel signifikant niedrigere 25(OH)D-Spiegel als bei Kontrollen; die Effektstärke variierte zwischen den eingeschlossenen Studien.⁷ Diese Studien zeigen eine Assoziation, sind aber zur Klärung der Frage, ob ein niedriger Vitamin-D-Spiegel Ursache oder Folge der autoimmunen Erkrankung ist, nicht geeignet.
Interventionsstudien
Chaudhary et al. (2016, Indien) randomisierten 102 Patienten mit neu diagnostizierter autoimmuner Thyreoiditis; ausgewertet wurden 100. Die Verum-Gruppe erhielt über acht Wochen wöchentlich 60 000 IE Cholecalciferol und täglich 500 mg Calcium, die Kontrollgruppe nur das Calcium. Nach drei Monaten wurde in der Verum-Gruppe ein stärkerer Rückgang der Thyreoperoxidase-Antikörper (TPO-AK) berichtet als in der Kontrollgruppe (minus 46,7 % gegenüber minus 16,6 %). Die Studie war offen, nicht verblindet.⁸
Vahabi Anaraki et al. (2017, Iran) randomisierten 56 Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis und Vitamin-D-Mangel (25(OH)D bis 20 ng/mL); 30 erhielten über 12 Wochen wöchentlich 50 000 IE Cholecalciferol, 26 Placebo. Auf TPO-AK und TSH fand sich weder innerhalb noch zwischen den Gruppen ein signifikanter Effekt.⁹
Krysiak et al. (2017, Polen) verglichen 34 Levothyroxin-behandelte Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis und normalem Vitamin-D-Status (25(OH)D über 30 ng/mL). Die Zuteilung zu 2 000 IE Cholecalciferol täglich (n = 18) oder keiner Supplementierung (n = 16) erfolgte nach Patientinnenpräferenz, nicht randomisiert. Nach sechs Monaten wurden in der supplementierten Gruppe niedrigere Antikörpertiter berichtet; der Effekt war für TPO-AK ausgeprägter als für Thyreoglobulin-Antikörper und korrelierte mit dem jeweiligen Ausgangstiter.¹⁰ Fehlende Randomisierung, fehlende Verblindung sowie die Stichprobengröße schränken die Aussagekraft ein.
Meta-Analyse
Jiang et al. (2022) werteten sieben Patientenkohorten aus sechs klinischen Studien mit insgesamt 258 Patienten aus. In der gepoolten Auswertung wurde unter Vitamin-D-Supplementierung ein signifikanter Rückgang der TPO-AK gegenüber Kontrolle berichtet (gewichteter Mittelwertsunterschied −158 IU/mL, 95 %-Konfidenzintervall −302 bis −14); auf TSH, freies T3 und freies T4 fand sich kein signifikanter Effekt.¹¹ Die Studienheterogenität ist hoch, mit erheblichen Unterschieden in Dosis, Behandlungsdauer und Ausgangsspiegel. Patientenrelevante Endpunkte (Symptome, Lebensqualität, Notwendigkeit der Levothyroxin-Therapie) wurden in den einzelnen Studien nicht einheitlich erhoben.
Einordnung
Die Datenlage zeigt eine assoziative Beziehung zwischen niedrigem Vitamin-D-Status und Hashimoto-Thyreoiditis sowie heterogene Effekte auf den serologischen Marker TPO-AK unter Supplementierung. Ob aus einer Verschiebung des Antikörper-Titers ein klinisch-funktioneller Nutzen folgt, ist nach der verfügbaren Evidenz nicht belegt. Der Beitrag Vitamin-D-Evidenz bei Hashimoto ordnet diese Befunde neben die Datenlage zu weiteren untersuchten Nährstoffen ein.
Referenz- und Aufnahme-Werte
- EFSA 2016: Adequate Intake (AI) von 15 µg/Tag (= 600 IE/Tag) Vitamin D für gesunde Personen ab einem Jahr. Bezugspunkt ist ein 25(OH)D-Plasmaspiegel von 50 nmol/L (= 20 ng/mL).¹²
- DGE/ÖGE-Referenzwerte: Schätzwert von 20 µg/Tag (= 800 IE/Tag) bei fehlender endogener Synthese, Stand der Ableitung 2012.¹³
- EFSA Tolerable Upper Intake Level (UL): 100 µg/Tag (= 4 000 IE/Tag) für Erwachsene (2012, in der Bewertung 2023 bestätigt).¹⁴,¹⁵
Die mittlere Vitamin-D-Zufuhr über die Ernährung liegt in Mitteleuropa nach mehreren Erhebungen deutlich unter dem EFSA-AI; die Versorgungslage hängt darüber hinaus von der Hautsynthese ab, die in Mitteleuropa zwischen Oktober und März kaum stattfindet.
Sicherheitsprofil
Die akute Toxizität von Vitamin D ist bei den üblichen Zufuhrmengen niedrig. Bei chronischer Aufnahme oberhalb des UL können Hyperkalziurie und Hyperkalziämie auftreten; daraus können Nierensteinbildung, Nierenfunktionsstörungen und in seltenen Fällen Weichteilkalzifikationen folgen.¹⁴,¹⁵
Hochdosierte Bolus-Gaben werden in der Literatur kritisch diskutiert. Eine australische randomisierte kontrollierte Studie (Sanders et al. 2010) an 2 256 Frauen ab 70 Jahren beobachtete unter einer jährlichen oralen Gabe von 500 000 IE eine erhöhte Inzidenz von Stürzen und Frakturen gegenüber Placebo, am ausgeprägtesten in den ersten drei Monaten nach Gabe.¹⁶ Auch wenn das Studienkollektiv und das verwendete Dosis-Regime nicht direkt auf andere Settings übertragbar sind, relativiert dieser Befund die Vorstellung, sehr hohe Einzeldosen seien generell harmlos.
Bei Niereninsuffizienz, Granulomatose-Erkrankungen (zum Beispiel Sarkoidose) und einzelnen genetischen Konstellationen ist der Vitamin-D-Stoffwechsel verändert; in diesen Konstellationen gehören Indikation, Dosis und Kontrollintervalle in eine individuelle ärztliche Beurteilung.
Vitamin D2 und Vitamin D3
In Nahrungsergänzungsmitteln und in der wissenschaftlichen Literatur werden zwei Hauptformen verwendet:
- Vitamin D3 (Cholecalciferol). Tierischer und endogen gebildeter Ursprung. Aus tierischen Lebensmitteln (Fettfisch, Eigelb) sowie aus den in der Herstellung üblichen Rohstoffen Lanolin (Schafwollfett) oder Flechten.
- Vitamin D2 (Ergocalciferol). Gewonnen aus mit UV-Licht behandelten Hefen oder Pilzen.
Eine Meta-Analyse randomisierter Studien an Erwachsenen fand für Cholecalciferol einen stärkeren Anstieg des Serum-25(OH)D als für gleichdosiertes Ergocalciferol; dieser Unterschied zeigte sich bei Bolusgaben, bei täglicher Gabe war er nicht nachweisbar.¹⁹ Welche Form im Einzelfall geeignet ist, hängt von Ernährungsmuster, Verträglichkeit und individuellen Faktoren ab; eine generelle Überlegenheit einer Form ist aus der Studienlage nicht ableitbar.
Vitamin D in Lebensmitteln
Vitamin D kommt in nennenswerter Menge nur in wenigen Lebensmitteln natürlich vor. Wichtigste Quellen in der mitteleuropäischen Ernährung sind fettreiche Fische (Hering, Lachs, Makrele, Sardinen), in geringerem Maß Eigelb, einzelne Innereien und mit UV-Licht behandelte Speisepilze. Konzentration und Schwankungsbreite hängen von Tierart, Fütterung, Verarbeitungsgrad und Jahreszeit ab.
Diagnostik
Der Vitamin-D-Status wird üblicherweise über die Bestimmung des 25(OH)D im Plasma oder Serum erhoben. Die Schwellenwerte zur Bewertung sind in der Literatur uneinheitlich.
- EFSA 2016: 50 nmol/L (20 ng/mL) als Schwellenwert ausreichender Versorgung.¹²
- Endocrine Society (Holick et al. 2011): 30 ng/mL (75 nmol/L) als unterer Wert eines „Suffizienz-Bereichs"; einen einheitlichen Wert für einen „optimalen" Bereich definiert die Leitlinie nicht.¹⁷ In der überarbeiteten Fassung von 2024 rät die Fachgesellschaft von einer routinemäßigen 25(OH)D-Bestimmung in der Allgemeinbevölkerung ab; ein optimaler Zielwert zur Krankheitsprävention ließ sich aus den Studiendaten nicht ableiten.²⁰
- Eine generell konsentierte „Optimal-Spiegel"-Definition für die Allgemeinbevölkerung oder für Personen mit autoimmuner Thyreoiditis existiert nicht.
Indikation, Wahl und Interpretation einer 25(OH)D-Messung gehören in die ärztliche Beurteilung. Einzelne Werte können durch akute Erkrankung, Jahreszeit und Adipositas beeinflusst sein.
Zusammenfassung
Der Vitamin-D-Rezeptor wird in zahlreichen Zelltypen exprimiert. Vitamin D wird in der Forschung zur Hashimoto-Thyreoiditis untersucht. Die Studienlage zeigt eine Assoziation niedriger 25(OH)D-Spiegel mit Hashimoto-Thyreoiditis und unter Supplementierung heterogene Effekte auf den serologischen Marker TPO-AK; ein klinisch-funktioneller Nutzen über die Verschiebung eines Antikörper-Titers hinaus ist aus der verfügbaren Evidenz nicht belegt. Ein eigenständiger zugelassener Health Claim „Vitamin D und Hashimoto-Thyreoiditis" oder „Vitamin D und Schilddrüsen-Autoantikörper" existiert in der EU nicht. Die EFSA hat 2016 einen Adequate Intake von 15 µg/Tag und 2012/2023 einen Tolerable Upper Intake Level von 100 µg/Tag für Erwachsene festgelegt; die DGE/ÖGE-Referenzwerte nennen einen Schätzwert von 20 µg/Tag bei fehlender endogener Synthese. Vitamin D2 und Vitamin D3 unterscheiden sich pharmakokinetisch; eine generelle Überlegenheit einer Form ist aus der Studienlage nicht abzuleiten. Indikation, Spiegelbestimmung und Dosis bleiben Gegenstand einer individuellen ärztlichen Beurteilung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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