Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Definition, Arten und Qualität

Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Definition, Arten und Qualität

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind aus dem modernen Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Laut einer Erhebung des Schweizerischen Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit konsumieren rund 30 % der erwachsenen Bevölkerung regelmässig Nahrungsergänzungsmittel.1 Doch was genau versteht man unter diesem Begriff, wie unterscheiden sich NEM von Arzneimitteln und welche Qualitätskriterien sollte man beim Kauf beachten? Dieser Artikel bietet einen wissenschaftlich fundierten Überblick.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Eine Definition

Nahrungsergänzungsmittel sind gemäss der europäischen Richtlinie 2002/46/EG definiert als Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung zu ergänzen.2 Sie enthalten konzentrierte Nährstoffe oder sonstige Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung und werden in dosierter Form – etwa als Kapseln, Tabletten, Pulver oder Flüssigkeiten – angeboten.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) betont, dass NEM keine therapeutische Wirkung haben dürfen und nicht zur Heilung von Krankheiten bestimmt sind.3 Ihr Zweck liegt vielmehr in der Ergänzung der Nährstoffzufuhr, wenn diese über die normale Ernährung nicht ausreichend gewährleistet werden kann.

📋 Definition gemäss EU-Richtlinie 2002/46/EG

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, die:

• Die normale Ernährung ergänzen sollen

• Konzentrierte Nährstoffe oder andere Stoffe mit ernährungsspezifischer Wirkung enthalten

• In dosierter Form (Kapseln, Tabletten, Pulver, Flüssigkeiten) angeboten werden

• Keine Arzneimittel sind und keine Heilversprechen machen dürfen

 

Rechtlicher Rahmen in der Schweiz

In der Schweiz unterliegen Nahrungsergänzungsmittel dem Lebensmittelgesetz (LMG) und der Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (VNem).4 Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ist für die Überwachung zuständig. Anders als in der EU besteht in der Schweiz keine Meldepflicht für Nahrungsergänzungsmittel, sofern diese den gesetzlichen Vorgaben entsprechen.

Die Schweizer Gesetzgebung orientiert sich weitgehend an den EU-Vorschriften, insbesondere an der EU-Verordnung 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben.5 Gesundheitsbezogene Aussagen (Health Claims) sind nur zulässig, wenn sie wissenschaftlich belegt und von der EFSA genehmigt wurden.

Regulierung im Vergleich: Schweiz und EU

Aspekt

Schweiz

EU

Gesetzliche Grundlage

LMG, VNem

Richtlinie 2002/46/EG

Zuständige Behörde

BLV

EFSA / nationale Behörden

Meldepflicht

Nein (Selbstkontrolle)

Ja, in vielen Ländern

Health Claims

Orientierung an EU-Liste

EFSA-Positivliste

Höchstmengen

Festgelegt in VNem

Nationale Regelungen

 

Nahrungsergänzungsmittel vs. Arzneimittel

Die Abgrenzung zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln ist von zentraler Bedeutung. Während Arzneimittel zur Diagnose, Heilung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten bestimmt sind, dienen NEM ausschliesslich der Ergänzung der Ernährung.6 Das Schweizerische Heilmittelgesetz (HMG) definiert klare Grenzen: Sobald ein Produkt therapeutische Wirkungen beansprucht, gilt es als Arzneimittel und unterliegt der Zulassungspflicht durch Swissmedic.

Kriterium

Nahrungsergänzungsmittel

Arzneimittel

Rechtliche Einstufung

Lebensmittel

Medizinprodukt

Zweck

Ernährung ergänzen

Krankheiten heilen/behandeln

Zulassung

Keine (Selbstkontrolle)

Swissmedic-Zulassung

Wirkversprechen

Nur zugelassene Health Claims

Therapeutische Aussagen erlaubt

Vertrieb

Frei verkäuflich

Apothekenpflichtig oder rezeptpflichtig

 

Kategorien von Nahrungsergänzungsmitteln

Nahrungsergänzungsmittel lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen, die jeweils unterschiedliche Funktionen im Körper erfüllen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die EFSA haben umfangreiche Bewertungen zu den einzelnen Stoffgruppen veröffentlicht.7

Kategorie

Beschreibung

Beispiele

Vitamine

Organische Verbindungen, essentiell für Stoffwechselprozesse

Vitamin D, Vitamin B12, Vitamin C, Folsäure

Mineralstoffe

Anorganische Nährstoffe für Knochen, Nerven, Stoffwechsel

Magnesium, Kalzium, Eisen, Zink, Selen, Jod

Fettsäuren

Essentielle Fettsäuren für Herz, Gehirn, Entzündungsregulation

Omega-3 (EPA, DHA), Omega-6

Aminosäuren

Proteinbausteine für Muskeln, Hormone, Enzyme

L-Cystein, L-Methionin, BCAA, Glutamin

Probiotika

Lebende Mikroorganismen für die Darmgesundheit

Lactobacillus, Bifidobacterium

Antioxidantien

Schutz vor oxidativem Stress und freien Radikalen

Glutathion, CoQ10, Alpha-Liponsäure, OPC

Pflanzenstoffe

Sekundäre Pflanzenstoffe mit spezifischen Wirkungen

Mariendistel, Kurkuma, Ashwagandha

Enzyme

Biokatalysatoren für Verdauung und Stoffwechsel

Bromelain, Papain, Lipase

 

Weiterführende Artikel: Vitamine: Essenzielle Mikronährstoffe für den Körper · Mineralstoffe und Spurenelemente: Bausteine für die Gesundheit · Aminosäuren: Bausteine des Lebens · Antioxidantien: Schutzschild gegen freie Radikale

Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln

Die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln unterliegt strengen Qualitätsanforderungen. In der EU und der Schweiz müssen Hersteller die Grundsätze der Guten Herstellungspraxis (GMP – Good Manufacturing Practice) einhalten.8 Der Herstellungsprozess umfasst mehrere Schritte:

Schritt

Phase

Beschreibung

1

Rohstoffbeschaffung

Auswahl und Prüfung der Ausgangsstoffe (Pflanzen, Mineralien, synthetische Rohstoffe) auf Reinheit und Identität

2

Extraktion/Isolierung

Gewinnung der aktiven Inhaltsstoffe durch physikalische oder chemische Verfahren

3

Formulierung

Mischung mit Hilfsstoffen (Füllstoffe, Trennmittel, Überzugsmittel) für Stabilität und Bioverfügbarkeit

4

Dosierung

Abfüllung in die Endform: Kapseln, Tabletten, Pulver, Flüssigkeiten

5

Qualitätskontrolle

Analyse auf Identität, Reinheit, Gehalt, mikrobiologische Sicherheit und Schwermetalle

6

Verpackung

Lichtgeschützte, luftdichte Verpackung mit korrekter Etikettierung gemäss Lebensmittelrecht

 

Qualitätsmerkmale und Zertifizierungen

Die Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln kann stark variieren. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigte, dass bei einigen Produkten erhebliche Abweichungen zwischen deklariertem und tatsächlichem Gehalt bestehen können.9 Um hochwertige Produkte zu erkennen, sollten Verbraucher auf folgende Qualitätskriterien achten:

Qualitätsmerkmal

Bedeutung

GMP-Zertifizierung

Good Manufacturing Practice – garantiert standardisierte Herstellungsprozesse und Qualitätskontrollen

Laboranalysen

Unabhängige Prüfung auf Identität, Reinheit, Gehalt und Schadstoffe (Schwermetalle, Pestizide)

Transparente Deklaration

Vollständige Angabe aller Inhaltsstoffe, Mengen und Herkunft auf dem Etikett

Bioverfügbare Formen

Verwendung gut resorbierbarer Wirkstoffformen (z.B. Methylcobalamin statt Cyanocobalamin)

Minimale Zusatzstoffe

Verzicht auf unnötige Füllstoffe, Farbstoffe oder Konservierungsmittel

Herkunft/Produktion

Produktion in der EU/Schweiz unter strengen Qualitätsstandards

 

️ Wichtiger Hinweis

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme sollte vor der Einnahme von NEM ärztlicher Rat eingeholt werden.

 

Worauf Sie beim Kauf achten sollten

Die Auswahl hochwertiger Nahrungsergänzungsmittel erfordert einen kritischen Blick. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, auf seriöse Anbieter zu setzen und bei übertriebenen Wirkversprechen skeptisch zu sein.10 Folgende Punkte helfen bei der Kaufentscheidung:

1. Bedarfsanalyse: Prüfen Sie, ob tatsächlich ein Bedarf besteht. Eine Blutanalyse beim Arzt kann Aufschluss über eventuelle Mängel geben.

2. Dosierung prüfen: Vergleichen Sie die enthaltenen Mengen mit den DACH-Referenzwerten. Übermässig hohe Dosierungen sind selten sinnvoll und können Risiken bergen.

3. Inhaltsstoffe lesen: Achten Sie auf die Wirkstoffformen und Zusatzstoffe. Hochwertige Produkte verwenden bioverfügbare Formen und verzichten auf unnötige Zusätze.

4. Hersteller recherchieren: Seriöse Anbieter legen Laboranalysen offen und produzieren nach GMP-Standards.

5. Wechselwirkungen beachten: Informieren Sie sich über mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten oder anderen Präparaten.

Weiterführende Artikel: Empfohlene Tagesdosis (RDA/NRV): Was steckt dahinter? · Gängige Mythen über Nahrungsergänzungsmittel · Mikronährstoffe für die Schilddrüse: Überblick

Zusammenfassung

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung zu ergänzen. Sie unterliegen in der Schweiz dem Lebensmittelgesetz und dürfen keine therapeutischen Wirkversprechen machen. Die Produktqualität variiert erheblich – von der Reinheit der Rohstoffe über die Herstellungsprozesse bis zur Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe. Für eine fundierte Kaufentscheidung sollten Verbraucher auf GMP-Zertifizierung, transparente Deklaration und seriöse Hersteller achten. Im Zweifelsfall empfiehlt sich die Rücksprache mit einer medizinischen Fachperson.

Quellenverzeichnis

1 Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Schweizer Ernährungsbericht 2023. Bern: BLV; 2023.

2 Europäische Union. Richtlinie 2002/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. Juni 2002 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über Nahrungsergänzungsmittel. Amtsblatt der Europäischen Union. 2002;L183:51-57.

3 European Food Safety Authority (EFSA). Scientific opinions on dietary reference values. EFSA Journal. 2017;15(8):e04950.

4 Schweizerische Eidgenossenschaft. Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (VNem; SR 817.022.14). Stand: 1. Juli 2020.

5 Europäische Union. Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel. Amtsblatt der Europäischen Union. 2006;L404:9-25.

6 Schweizerische Eidgenossenschaft. Bundesgesetz über Arzneimittel und Medizinprodukte (Heilmittelgesetz, HMG; SR 812.21). Stand: 1. Januar 2022.

7 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 2. Auflage. Bonn: DGE; 2023.

8 European Commission. EudraLex – Volume 4 Good Manufacturing Practice (GMP) Guidelines. Brussels: European Commission; 2021.

9 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. BfR-Wissenschaft 01/2021. Berlin: BfR; 2021.

10 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen und Risiken. BfR-Verbraucherinformation. Berlin: BfR; 2022.

 

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachperson.

 

Terug naar blog

Reactie plaatsen

Let op: opmerkingen moeten worden goedgekeurd voordat ze worden gepubliceerd.