Vitamin B6 Pyridoxal-5-Phosphat P5P Molekülstruktur mit Aminosäure-Stoffwechsel und Neurotransmitter-Synthese

Vitamin B6 (Pyridoxin und Pyridoxal-5-Phosphat): Biochemie, Referenzwerte und Studienlage

Vitamin B6 ist die Sammelbezeichnung für drei strukturverwandte Pyridin-Derivate — Pyridoxin (PN), Pyridoxal (PL) und Pyridoxamin (PM) — sowie deren phosphorylierte Formen Pyridoxin-5-Phosphat (PNP), Pyridoxal-5-Phosphat (PLP) und Pyridoxamin-5-Phosphat (PMP). Koenzymatisch aktiv ist im Wesentlichen Pyridoxal-5-Phosphat (PLP); PNP und PMP werden über die Pyridoxin-5-Phosphat-Oxidase (PNPO) zu PLP umgewandelt. PLP ist Cofaktor in über einhundert dokumentierten enzymatischen Reaktionen des Aminosäure-, Kohlenhydrat- und Lipidstoffwechsels.¹,²

Dieser Artikel fasst die biochemischen Grundlagen von Vitamin B6 zusammen, ordnet die geltenden Referenzwerte und den im Jahr 2023 von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) revidierten Tolerable Upper Intake Level ein und beschreibt die Studienlage zur sensorischen Polyneuropathie unter Hochdosis-Pyridoxin-Zufuhr. Er bewertet weder Dosen noch Vitamin-B6-Formen normativ.

Vitamin B6 im HCVO-Rahmen

Die EFSA hat eine Reihe von gesundheitsbezogenen Aussagen zu Vitamin B6 wissenschaftlich bewertet; die positiv bewerteten Claims sind in den Anhang der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 aufgenommen worden.³ Zugelassen sind nach diesem Anhang unter anderem die Angaben, dass Vitamin B6 zu einer normalen Cystein-Synthese, zu einem normalen Energiestoffwechsel, zu einer normalen Funktion des Nervensystems, zu einem normalen Homocystein-Stoffwechsel, zu einem normalen Eiweiss- und Glykogenstoffwechsel, zu einer normalen psychischen Funktion, zur normalen Bildung roter Blutkörperchen, zu einer normalen Funktion des Immunsystems, zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung sowie zur Regulierung der Hormontätigkeit beiträgt.³

Nicht zugelassen sind Aussagen zu einer Wirkung von Vitamin B6 auf die Schilddrüsenfunktion, auf depressive Verstimmungen, auf prämenstruelles Syndrom oder auf Schwangerschaftsübelkeit. Solche Aussagen wären entweder krankheitsbezogen im Sinne des Artikels 7 Absatz 3 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 und des Artikels 14 HCVO und damit nur über eine eigenständige Zulassung möglich, oder sie wären als nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angaben nach Artikel 10 Absatz 1 HCVO unzulässig.

Biochemie und Cofaktor-Funktion

PLP wirkt als prosthetische Gruppe in einer ungewöhnlich grossen Zahl von Enzymklassen. Bei den klassisch beschriebenen Reaktionen handelt es sich um Aminosäure-Umsetzungen: Transaminierungen (zum Beispiel Alanin- und Aspartat-Aminotransferase), Decarboxylierungen (Aromatische-L-Aminosäure-Decarboxylase mit Beteiligung an der Bildung von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin; Glutamat-Decarboxylase mit Bildung von γ-Aminobuttersäure, GABA), Razemisierungen, β- und γ-Eliminierungen sowie Aldol-Spaltungen.¹,²,⁴

Im Homocystein-Methionin-Zyklus ist PLP Cofaktor der Cystathionin- β-Synthase und der Cystathionin-γ-Lyase und damit am Transsulfurierungsweg beteiligt, der über Homocystein und Cystathionin zur Synthese von L-Cystein führt.¹,⁴ Im Kohlenhydratstoffwechsel ist PLP Cofaktor der Glykogen- Phosphorylase, dem Schlüsselenzym der Glykogenolyse in Skelettmuskel und Leber. In der Häm-Biosynthese katalysiert die PLP-abhängige δ-Aminolävulinsäure-Synthase den ersten und geschwindigkeits- bestimmenden Schritt. Im Tryptophan-Stoffwechsel werden mehrere PLP-abhängige Enzyme der Niacin-Biosynthese aus Tryptophan benötigt; ein B6-Mangel kann darüber den Niacin-Status mitbeeinflussen.²,⁴

Aus dieser Vielzahl von Funktionen lässt sich keine einzelne „Leitwirkung" von Vitamin B6 ableiten. Vielmehr berührt eine B6-Unterversorgung in unterschiedlichem Mass mehrere Stoffwechselwege parallel; die im EU-Register zugelassenen Claims spiegeln diese systemische Cofaktor-Rolle wider.

Pharmakokinetik und Vitamin-B6-Formen

Die Vitamere PN, PL und PM werden im Dünndarm passiv aufgenommen. Phosphorylierte Formen aus der Nahrung müssen vor der Resorption durch eine intestinale alkalische Phosphatase dephosphoryliert werden. In der Leber werden die freien Formen durch die Pyridoxalkinase phosphoryliert; die anschliessende Oxidation durch die PNP-Oxidase liefert PLP. PLP zirkuliert im Plasma zu rund 90 % an Albumin gebunden; ein Anteil findet sich Hämoglobin-gebunden in Erythrozyten.¹,²

In Nahrungsergänzungsmitteln werden überwiegend zwei Vitamin-B6- Formen verwendet:

Pyridoxin-Hydrochlorid (PN-HCl). Synthetisch hergestellte, chemisch sehr stabile Form. Sie wird im Körper über die genannten hepatischen Schritte in PLP umgewandelt.

Pyridoxal-5-Phosphat (PLP, „P5P"). Die im Plasma zirkulierende und enzymatisch aktive Form. Vor der intestinalen Aufnahme wird sie durch alkalische Phosphatasen zu freiem Pyridoxal hydrolysiert und nach der Resorption hepatisch erneut phosphoryliert.¹,²

Aus der verfügbaren Studienlage ist nicht abgeleitet, dass eine dieser Formen in der Zufuhr generell wirksamer wäre als die andere. Welche Form im Einzelfall geeignet ist, hängt von Indikation, Begleitumständen und ärztlicher Beurteilung ab.

Mangel und Symptomatik

Ein isolierter, ausschliesslich ernährungsbedingter Vitamin-B6- Mangel ist in westlichen Industrieländern selten. Häufiger sind sekundäre Defizite im Rahmen von Alkoholkrankheit (gestörte Phosphorylierung), Niereninsuffizienz, chronisch-entzündlichen Erkrankungen oder Medikamenten-induziert (Isoniazid, Penicillamin, hochdosierte Östrogen-Präparate).⁵

Klinische Manifestationen umfassen seborrhoische Hautveränderungen, Cheilitis und Glossitis, periphere Neuropathie, Verwirrtheitszustände und im Säuglingsalter Pyridoxin-abhängige Epilepsien (genetisch bedingt, Antiquitin-Defekt).¹,⁵ Der Status wird laborchemisch üblicherweise über die Plasma-PLP-Konzentration erfasst; die EFSA nennt eine Plasma-PLP-Konzentration von 30 nmol/L als Populationsmittel als Indikator für eine adäquate Versorgung.⁶

Studienlage zur Hochdosis-Pyridoxin-Zufuhr

Die Frage der oberen Verträglichkeitsgrenze von Vitamin B6 ist seit einer Fallserie aus dem Jahr 1983 Gegenstand der Diskussion. Schaumburg und Kollegen beschrieben in der ursprünglichen Beobachtung sieben Erwachsene, die nach mehrjähriger Selbstmedikation mit hohen Pyridoxin-Tagesdosen eine sensorische Polyneuropathie mit Ataxie und ausgeprägter Hinterstrang-Symptomatik entwickelt hatten. Vier der Betroffenen waren schwer eingeschränkt; nach Absetzen der Zufuhr bildete sich die Symptomatik im Verlauf vollständig oder weitgehend zurück. Die Autoren beschrieben die Konstellation als „neues Megavitamin-Syndrom" und mahnten verbindliche Sicherheitsgrenzen an.⁷

In der Folge wurden weitere Fallserien und Beobachtungen zu peripheren neuropathischen Symptomen unter erhöhter Pyridoxin-Zufuhr publiziert.⁸,⁹ Die methodische Aussagekraft dieser Berichte ist durch das Studiendesign begrenzt: Fallserien können einen kausalen Zusammenhang nur nahelegen, kontrollierte Dosis-Wirkungs-Studien sind aus ethischen Gründen schwer durchführbar.

Die EFSA hat im Jahr 2023 eine umfassende Re-Analyse der verfügbaren humanen und tierexperimentellen Daten vorgelegt. Auf dieser Grundlage hat der EFSA NDA-Panel den Tolerable Upper Intake Level (UL) für Vitamin B6 bei Erwachsenen — einschliesslich Schwangerer und Stillender — auf 12 mg/Tag festgesetzt; für Kinder und Jugendliche wurden alterskorrigierte Werte abgeleitet (4 bis 11 Monate 2,2–2,5 mg/Tag, 1 bis 6 Jahre 3,2–4,5 mg/Tag, 7 bis 17 Jahre 6,1–10,7 mg/Tag).¹⁰ Der neue Wert ersetzt den 2000 vom Wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission (SCF) gesetzten UL von 25 mg/Tag.¹⁰,¹¹ Aus den verfügbaren Verzehrserhebungen ist nach Einschätzung des Panels über Lebensmittel allein keine Überschreitung des neuen UL zu erwarten; relevant ist die Frage vor allem für die regelmässige Zufuhr aus hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln.¹⁰

Referenz- und Aufnahmewerte

  • EFSA NDA-Panel 2016: Population Reference Intake (PRI) von 1,7 mg/Tag für erwachsene Männer und 1,6 mg/Tag für erwachsene Frauen, abgeleitet aus einem mittleren Plasma-PLP-Zielwert von 30 nmol/L. Average Requirement 1,5 mg/Tag (Männer, allometrisch skaliert) bzw. 1,3 mg/Tag (Frauen). Für Schwangere und Stillende werden zusätzliche Bedarfe ausgewiesen.⁶
  • D-A-CH-Referenzwerte (DGE, ÖGE, SGE): Empfohlene Zufuhr in derselben Grössenordnung (1,4 bis 1,6 mg/Tag für Erwachsene, geschlechts- und altersabhängig), mit Anpassungen für Schwangerschaft und Stillzeit.¹²
  • EFSA NDA-Panel 2023: Tolerable Upper Intake Level von 12 mg/Tag für Erwachsene einschliesslich Schwangerer und Stillender.¹⁰

Übliche Vitamin-B6-Quellen in der Ernährung sind Fisch (insbesondere Lachs, Thunfisch), Geflügel, Innereien, Vollkorngetreide, Hülsen- früchte, Kartoffeln, Bananen, Avocados und Nüsse.¹,²

Zusammenfassung

Vitamin B6 ist die Sammelbezeichnung für drei Vitamere und ihre phosphorylierten Formen, von denen Pyridoxal-5-Phosphat die koenzymatisch aktive Verbindung ist. PLP ist Cofaktor in einer grossen Zahl von Enzymen des Aminosäure-, Kohlenhydrat- und Lipidstoffwechsels, der Häm-Biosynthese und der Neurotransmitter- Synthese. Die EU hat über die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 eine Reihe von Vitamin-B6-bezogenen Health Claims zugelassen, einschliesslich der Beiträge zu Energiestoffwechsel, Nervensystem, Homocystein-Stoffwechsel, psychischer Funktion, roter Blutkörperchen-Bildung, Immunsystem, Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung sowie Regulierung der Hormontätigkeit. Ein eigenständiger zugelassener Claim zu einer Wirkung auf die Schilddrüsenfunktion existiert nicht. Die EFSA hat 2016 eine Population Reference Intake von 1,7 mg/Tag (Männer) und 1,6 mg/Tag (Frauen) abgeleitet; 2023 wurde der Tolerable Upper Intake Level auf 12 mg/Tag für Erwachsene festgelegt. Die Risikobewertung stützt sich auf die seit der Fallserie von Schaumburg und Kollegen (1983) dokumentierten Befunde zu einer sensorischen Polyneuropathie unter Hochdosis-Pyridoxin- Zufuhr. Indikation, Form und Dosis einer Vitamin-B6-Supplementation bleiben Gegenstand einer individuellen ärztlichen Beurteilung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Stover PJ, Field MS. Vitamin B-6. Adv Nutr. 2015;6(1):132-133. DOI: 10.3945/an.113.005207.
  2. Parra M, Stahl S, Hellmann H. Vitamin B6 and Its Role in Cell Metabolism and Physiology. Cells. 2018;7(7):84. DOI: 10.3390/cells7070084.
  3. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern (idF spätere Änderungen). Amtsblatt der EU L 136/1.
  4. Mooney S, Leuendorf JE, Hendrickson C, Hellmann H. Vitamin B6: a long known compound of surprising complexity. Molecules. 2009;14(1):329-351. DOI: 10.3390/molecules14010329.
  5. Brown MJ, Ameer MA, Daley SF, Beier K. Vitamin B6 Deficiency. StatPearls Publishing; 2024. Stabile URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK470579/ (Abrufdatum: 23. Mai 2026).
  6. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for vitamin B6. EFSA Journal. 2016;14(6):4485. DOI: 10.2903/j.efsa.2016.4485.
  7. Schaumburg H, Kaplan J, Windebank A, Vick N, Rasmus S, Pleasure D, Brown MJ. Sensory neuropathy from pyridoxine abuse. A new megavitamin syndrome. N Engl J Med. 1983;309(8):445-448. DOI: 10.1056/NEJM198308253090801.
  8. Parry GJ, Bredesen DE. Sensory neuropathy with low-dose pyridoxine. Neurology. 1985;35(10):1466-1468. DOI: 10.1212/wnl.35.10.1466.
  9. Albin RL, Albers JW, Greenberg HS, et al. Acute sensory neuropathy-neuronopathy from pyridoxine overdose. Neurology. 1987;37(11):1729-1732. DOI: 10.1212/wnl.37.11.1729.
  10. EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA). Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin B6. EFSA Journal. 2023;21(5):8006. DOI: 10.2903/j.efsa.2023.8006.
  11. Scientific Committee on Food (SCF). Opinion of the Scientific Committee on Food on the Tolerable Upper Intake Level of Vitamin B6. European Commission. SCF/CS/NUT/UPPLEV/16 Final,
    1. Stabile URL: https://food.ec.europa.eu/document/download/3d4d6d56-bcc2-4b51-9c5d-78fbc1a39e87_en (Abrufdatum: 23. Mai 2026).
  12. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Vitamin B6. Bonn: DGE; aktualisiert 2023. Stabile URL: https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-b6/ (Abrufdatum: 23. Mai 2026).
  13. Da Silva VR, Russell KA, Gregory JF 3rd. Vitamin B6. In: Erdman JW, Macdonald IA, Zeisel SH (Hrsg.). Present Knowledge in Nutrition. 10. Auflage. Wiley-Blackwell; 2012: 307-320. DOI: 10.1002/9781119946045.ch20.
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