Mikronährstoffe und die Schilddrüse: physiologische Rollen und Studienlage im Überblick

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Mikronährstoffe und die Schilddrüse: physiologische Rollen und Studienlage im Überblick

Die Schilddrüse synthetisiert die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) und reguliert über deren Plasmaspiegel zahlreiche Stoffwechselvorgänge. An der Synthese, der peripheren Umwandlung und der Wirkung dieser Hormone sind mehrere Mikronährstoffe, also Mineralstoffe und Vitamine, beteiligt. Auf EU-Ebene sind aus dieser Gruppe ausschließlich für Jod und für Selen gesundheitsbezogene Aussagen zur Schilddrüse zugelassen. Für andere in diesem Kontext häufig genannte Stoffe wie Zink, Eisen, Vitamin D, Vitamin B12 und Magnesium existiert kein zugelassener Schilddrüsen-Claim; ihre physiologische Beteiligung wird in der Literatur unterschiedlich gut beschrieben.

Dieser Übersichtsartikel ordnet die einzelnen Stoffe entlang dieser Trennung ein und referiert die geltenden Referenzwerte. Er gibt keine Verzehrempfehlungen und ersetzt keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall. Vertiefende Einzelartikel finden sich in der Wissensdatenbank zu Jod, Selen, Zink, Vitamin D und Vitamin B12.

Stoffe mit zugelassenem Schilddrüsen-Claim

Jod

Jod ist Baustein der Schilddrüsenhormone. Pro T4-Molekül sind vier, pro T3-Molekül drei Jodatome gebunden. Die Aufnahme in die Thyreozyten erfolgt aktiv über den Natrium-Jodid-Symporter, die Einbindung in das Thyreoglobulin über die Thyreoperoxidase.¹

Für Jod ist die Angabe „Jod trägt zu einer normalen Produktion von Schilddrüsenhormonen und zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei" zugelassen.

Referenzwerte: EFSA leitete 2014 einen Adequate Intake von 150 µg pro Tag für Erwachsene ab.² Die Weltgesundheitsorganisation nennt denselben Wert.³ Die D-A-CH-Referenzwerte wurden im September 2025 auf einen Schätzwert von 150 µg pro Tag aktualisiert.⁴ Der Tolerable Upper Intake Level liegt nach EFSA bei 600 µg pro Tag für Erwachsene.⁵

Sowohl ein Jodmangel als auch eine länger andauernd hohe Jodzufuhr sind in epidemiologischen Daten mit einer erhöhten Häufigkeit von Schilddrüsenerkrankungen verbunden (Zimmermann und Boelaert 2015).⁶ Bei einer bestehenden Schilddrüsenerkrankung ist die individuelle Jodzufuhr Gegenstand ärztlicher Beurteilung.⁷ Vertiefend siehe Einzelartikel zu Jod.

Selen

Selen ist Bestandteil mehrerer Selenoenzyme der Schilddrüse, darunter die Iodothyronin-Deiodasen (DIO1, DIO2, DIO3) und die Glutathionperoxidasen.⁸,⁹ Die Schilddrüse weist pro Gewebeeinheit eine der höchsten Selenkonzentrationen im Körper auf.⁸

Für Selen ist die Angabe „Selen trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei" zugelassen. Daneben sind weitere nicht schilddrüsenspezifische Selen-Claims zugelassen.

Referenzwerte: EFSA 2014 Adequate Intake 70 µg pro Tag für Erwachsene; Bezugspunkt das Plateau von Selenoprotein P im Plasma.¹⁰ Der Tolerable Upper Intake Level wurde 2023 auf 255 µg pro Tag für Erwachsene festgesetzt; kritischer Endpunkt war Haarausfall als früh beobachtbares Zeichen einer übermäßigen Selen-Exposition.¹¹

In der Forschung zur autoimmunen Thyreoiditis ist Selen eines der am häufigsten untersuchten Spurenelemente; Meta-Analysen randomisierter Studien beschreiben überwiegend eine Senkung der Thyreoperoxidase-Antikörper unter Selen-Supplementation, ohne dass daraus ein konsistenter patientenrelevanter Nutzen hervorgeht.¹² Vertiefend siehe Einzelartikel zu Selen.

Stoffe ohne zugelassenen Schilddrüsen-Claim

Für die folgenden Stoffe existiert auf EU-Ebene kein zugelassener Health Claim, der einen Beitrag zur Schilddrüsenfunktion benennt. Ihre Erwähnung beschränkt sich auf die in der Literatur beschriebene physiologische Beteiligung und auf die geltenden allgemeinen Referenzwerte.

Eisen

Die Thyreoperoxidase ist ein Häm-Enzym; die Hormonsynthese setzt intakte Häm-Strukturen voraus. In Tiermodellen senkt eine Eisen-Mangel-Anämie die Thyreoperoxidase-Aktivität und in Bevölkerungen mit kombiniertem Jod- und Eisenmangel ist die Wirksamkeit einer Jod-Supplementation eingeschränkt.¹³ Eine Querschnittsstudie an 227 nepalesischen Schulkindern beschrieb bei anämischen und eisendefizienten Kindern häufiger eine überwiegend subklinische Hypothyreose und höhere TSH-Werte; die freien Schilddrüsenhormone unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht signifikant.¹⁴

Ein eigenständiger zugelassener Health Claim „Eisen und Schilddrüsenfunktion" existiert in der EU nicht. Die zugelassenen Eisen-Claims beziehen sich unter anderem auf die normale Bildung roter Blutkörperchen und Hämoglobin, den Sauerstofftransport, den Energiestoffwechsel und die kognitive Funktion. Indikation und Bewertung einer Eisensupplementierung gehören in die ärztliche Beurteilung.

Zink

Die nukleären Schilddrüsenhormon-Rezeptoren TRα und TRβ enthalten in ihrer DNA-bindenden Domäne Zinkfinger-Motive, ein strukturelles Motiv, das in zahlreichen Transkriptionsfaktoren vorkommt und nicht schilddrüsenspezifisch ist.¹⁵ In Tiermodellen und einzelnen Humanstudien sind Zusammenhänge zwischen Zinkstatus und T3-Konzentrationen beschrieben; die Mechanismen sind nicht abschließend geklärt.¹⁶

Die EFSA hat 2009 eine gesundheitsbezogene Aussage zu Zink und Schilddrüsenfunktion wissenschaftlich negativ bewertet; die Aussage wurde entsprechend nicht in die Liste zugelassener Health Claims aufgenommen.¹⁷ Damit ist eine schilddrüsenbezogene Wirkangabe für Zink in der EU nicht als gesundheitsbezogene Aussage verwendbar.

Referenzwerte (EFSA 2014): Population Reference Intakes für Männer 9,4 bis 16,3 mg pro Tag und für Frauen 7,5 bis 12,7 mg pro Tag, in Abhängigkeit von der Phytat-Aufnahme.¹⁸ EU-Tolerable Upper Intake Level 25 mg pro Tag für Erwachsene (SCF 2003). Vertiefend siehe Einzelartikel zu Zink.

Vitamin D

Vitamin D wirkt nach Aktivierung zu 1,25-Dihydroxy-Vitamin-D über den nukleären Vitamin-D-Rezeptor, der auf zahlreichen Zelltypen inklusive Lymphozyten und antigenpräsentierenden Zellen exprimiert ist.¹⁹ Beobachtungsstudien beschreiben einen Zusammenhang zwischen niedrigen 25(OH)D-Plasmaspiegeln und Hashimoto-Thyreoiditis. Eine Metaanalyse randomisierter Studien beschreibt eine signifikante Senkung der Thyreoperoxidase-Antikörper bei ausgeprägter Heterogenität zwischen den Studien, ohne Effekt auf TSH, freies T3 und freies T4.²⁰

Zugelassene Vitamin-D-Claims betreffen unter anderem die normale Funktion des Immunsystems, die Aufnahme und Verwertung von Calcium und Phosphor sowie die Erhaltung normaler Knochen, Muskelfunktion und Zähne. Ein eigenständiger Claim „Vitamin D und Schilddrüsenfunktion" oder „Vitamin D und Hashimoto-Thyreoiditis" existiert in der EU nicht.

Referenzwerte: EFSA 2016 Adequate Intake 15 µg pro Tag (= 600 IE/Tag) bei einem Bezugspunkt von 50 nmol/L 25(OH)D.²¹ Die D-A-CH-Referenzwerte (Stand 2024) nennen einen Schätzwert von 20 µg pro Tag bei fehlender endogener Synthese.²² Der EFSA-Tolerable Upper Intake Level liegt bei 100 µg pro Tag für Erwachsene.²³ Vertiefend siehe den Einzelartikel zu Vitamin D.

Vitamin B12

Vitamin B12 (Cobalamin) trägt enzymatisch zur Methionin-Synthese und zur Methylmalonyl-CoA-Reaktion bei. Die Resorption setzt Magensäure, Pepsin, das von den Parietalzellen sezernierte Glykoprotein Intrinsic Factor und einen funktionellen Resorptionsweg im terminalen Ileum voraus.

Eine direkte Beteiligung von Vitamin B12 an der Schilddrüsenphysiologie ist nicht beschrieben. In der Literatur ist jedoch eine Komorbidität zwischen Hashimoto-Thyreoiditis und autoimmuner atrophischer Gastritis dokumentiert; die Gastritis kann durch Verlust des Intrinsic Factors zu einem Vitamin-B12-Mangel führen.²⁴ In einer Studie an 115 Patienten mit autoimmuner Schilddrüsenerkrankung war bei 28 Prozent der Eingeschlossenen ein niedriger Serum-B12-Spiegel nachweisbar.²⁵

Zugelassene Vitamin-B12-Claims betreffen unter anderem den normalen Energiestoffwechsel, die normale Funktion des Nervensystems und des Immunsystems, den normalen Homocystein-Stoffwechsel, die normale Bildung roter Blutkörperchen, eine Funktion bei der Zellteilung und die Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung. Ein eigenständiger Schilddrüsen-Claim existiert nicht. Referenzwert (EFSA 2015): Adequate Intake 4,0 µg pro Tag für Erwachsene; ein numerischer Tolerable Upper Intake Level wurde mangels Daten nicht abgeleitet.²⁶ Vertiefend siehe Einzelartikel zu Vitamin B12.

Magnesium

Magnesium ist als Cofaktor in mehreren hundert enzymatischen Reaktionen beteiligt, unter anderem in der Energie- und der Nervenfunktion. Zugelassene Magnesium-Claims betreffen unter anderem den Energiestoffwechsel, die Funktion des Nervensystems, die Muskelfunktion, die Eiweißsynthese, die psychische Funktion, die Erhaltung normaler Knochen und Zähne und die Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung. Ein Schilddrüsen-Claim ist nicht zugelassen; die in der älteren Literatur diskutierte Beteiligung von Magnesium an der TSH-Sekretion ist methodisch heterogen und nicht abschließend belegt.

Die Magnesium-Versorgung kann unabhängig von der Schilddrüse relevant sein. Eine schilddrüsenbezogene Indikation für eine gezielte Magnesium-Supplementation lässt sich aus der publizierten Literatur nicht ableiten.

Können Nährstoffmängel wie eine Schilddrüsenunterfunktion wirken?

Mehrere Symptome einer unzureichend kompensierten Hypothyreose (Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Haarausfall, Kälteempfindlichkeit) überschneiden sich mit Symptomen, die bei einem manifesten Mangel an Eisen, Vitamin B12 oder Vitamin D auftreten können. Die Abgrenzung erfolgt nicht über symptomgeleitete Selbstdiagnose, sondern über die ärztliche Anamnese, körperliche Untersuchung und gezielte laborchemische Abklärung.

Welche Parameter im Einzelfall sinnvoll bestimmt werden, hängt von der Grunderkrankung, der Begleitmedikation und dem klinischen Bild ab und ist Gegenstand der ärztlichen Beurteilung.

Rechtlicher Rahmen für gesundheitsbezogene Aussagen

Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel unterliegen in der EU und in der Schweiz einem strengen Regime für gesundheitsbezogene Aussagen. Erlaubt sind ausschließlich Angaben, die auf EU-Ebene offiziell zugelassen sind, und zwar in ihrem exakten oder in einem sinngleichen Wortlaut. Ihre Verwendung ist außerdem an Mengenbedingungen geknüpft, die im jeweiligen Rechtsakt festgelegt sind.

Aussagen mit Krankheitsbezug sind grundsätzlich unzulässig. Formulierungen wie „Stoff X hilft bei Hashimoto-Thyreoiditis" oder „Stoff X verbessert die Schilddrüsenfunktion bei Hypothyreose" sind in diesem Rahmen nicht erlaubt, unabhängig davon, ob zu einzelnen Endpunkten eine wissenschaftliche Studienlage besteht.

Zusammenfassung

Auf EU-Ebene sind gesundheitsbezogene Aussagen zur Schilddrüsenfunktion ausschließlich für Jod und für Selen zugelassen. Für Eisen, Zink, Vitamin D, Vitamin B12 und Magnesium existiert kein zugelassener Schilddrüsen-Claim; ihre physiologische Beteiligung an der Schilddrüsen-Achse wird in der Literatur in unterschiedlicher Tiefe beschrieben, ohne dass daraus eine schilddrüsenbezogene Wirkangabe oder eine pauschale Verzehrempfehlung abzuleiten wäre. Die Studienlage zu Selen und Vitamin D bei autoimmuner Thyreoiditis zeigt Verschiebungen serologischer Marker ohne konsistenten Effekt auf klinisch relevante Endpunkte; eine Einordnung der Evidenz der Supplementierung bei Hashimoto gibt der entsprechende Übersichtsartikel. Indikation, Bestimmung und Bewertung einzelner Mikronährstoff-Parameter bei bestehender Schilddrüsenerkrankung sind Gegenstand der ärztlichen Beurteilung.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

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