Reverse T3 (rT3): Biochemie, Vorkommen und Stellenwert in der Diagnostik

Reverse T3 (rT3): Biochemie, Vorkommen und Stellenwert in der Diagnostik

Das reverse Trijodthyronin (rT3, chemisch 3,3',5'-Trijodthyronin) ist ein Stoffwechselprodukt des Schilddruesen-Prohormons Thyroxin (T4). Es entsteht durch innere Ringdeiodierung von T4 und ist biologisch inaktiv. In Patienten- und Selbsthilfe-Foren wird rT3 haeufig als zentraler Laborparameter diskutiert, waehrend die internationalen endokrinologischen Fachgesellschaften die routinemaessige Bestimmung in der Hypothyreose-Versorgung nicht empfehlen.

Der vorliegende Artikel ordnet rT3 biochemisch ein, beschreibt die Konstellationen, in denen seine Konzentration im Serum veraendert ist, und referiert die Studienlage zur prognostischen und diagnostischen Bedeutung. Er folgt der Linie des Artikels zur peripheren T4-T3-Konversion und beschraenkt sich auf eine sachliche Darstellung des Forschungsstands.

1. Biochemische Einordnung

Das Prohormon T4 wird in der Peripherie durch die Familie der Iodothyronin-Deiodasen umgewandelt. Diese Familie umfasst die drei Selenoenzyme DIO1, DIO2 und DIO3 mit unterschiedlicher Substratspezifitaet und Gewebeverteilung (Bianco et al. 2002; Gereben et al. 2008).¹,²

T4 traegt am inneren und am aeusseren Ring je zwei Jodatome. Wird das Jodatom am aeusseren Ring (5'-Position) entfernt, entsteht das biologisch aktive Trijodthyronin (T3). Wird statt dessen ein Jodatom am inneren Ring (5-Position) entfernt, entsteht rT3. Die aeussere Ringdeiodierung wird vorrangig von DIO1 und DIO2 katalysiert, die innere Ringdeiodierung von DIO3 (und in geringerem Mass von DIO1). DIO3 wirkt damit als das wesentliche inaktivierende Enzym des Schilddruesen-Hormonsystems.¹,²,³

rT3 bindet nicht oder nur in vernachlaessigbarem Mass an den nuklearen Schilddruesenhormon-Rezeptor und entfaltet keine genomische T3-aequivalente Wirkung. Es wird nach Bildung relativ rasch weiter deiodiert (vor allem zu 3,3'-T2). In Tracerstudien wird die rT3- Halbwertzeit im Serum mit einer Spannweite von wenigen Stunden angegeben, die Werte variieren je nach Methodik und Untersuchungskollektiv.¹

2. rT3 im Stoffwechsel des Gesunden

Auch im gesunden Organismus wird ein Teil des im Plasma zirkulierenden T4 zu rT3 inaktiviert. Schaetzungen zum Anteil der T4-Inaktivierung ueber den rT3-Weg beruhen auf Tracerstudien und Modellannahmen; in der Literatur werden Spannweiten von rund einem Drittel des taeglichen T4-Umsatzes genannt, ohne dass eine einheitliche, validierte Quote existiert.¹ Die Bildung von rT3 ist insofern kein pathologischer Prozess, sondern Bestandteil der physiologischen Hormonregulation.

Eine besondere Rolle spielt DIO3 in der Plazenta und in fetalen Geweben: Hier wird muetterliches T4 und T3 in grossem Umfang zu rT3 und 3,3'-T2 inaktiviert, was zur Abschirmung der fetalen Schilddruesenachse beitraegt (Bianco und Kim 2006).⁴

3. rT3 unter akuter und chronischer Krankheit (NTIS)

Bei schwerer Erkrankung, ausgepraegtem Stress, ausgedehnter Operation, Sepsis und in Hungerzustaenden verschiebt sich das Aktivitaetsmuster der Deiodasen: DIO1- und DIO2-Aktivitaet sind reduziert, DIO3 ist gewebs- und situationsspezifisch hochreguliert. In der Folge sinkt zirkulierendes T3, waehrend rT3 ansteigt. Dieses Muster wird als nicht-thyreoidales Krankheitssyndrom (Non-Thyroidal Illness Syndrome, NTIS; auch Euthyroid-Sick-Syndrome oder Low-T3-Syndrom) bezeichnet.⁵,⁶

Peeters et al. (2005) untersuchten in einer Kohorte von 451 Intensivpatientinnen und -patienten, die laenger als fuenf Tage intensivmedizinisch versorgt wurden, die Beziehung zwischen Serum-rT3 sowie dem T3/rT3-Quotienten und der Sterblichkeit. Bereits am ersten Behandlungstag waren rT3 und der T3/rT3-Quotient mit dem spaeteren Verlauf assoziiert, und die Serumwerte korrelierten in Post-mortem-Biopsien mit den Aktivitaeten der Deiodasen in Leber- und Skelettmuskelgewebe.⁷

Iervasi et al. (2003) berichteten in einer Kohorte von 573 Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulaerer Grunderkrankung, dass ein erniedrigtes freies T3 als unabhaengiger Praediktor der Sterblichkeit im einjaehrigen Verlauf wirkt.⁸ Spaetere Arbeiten haben das Muster „niedriges fT3, erhoehtes rT3" als Marker des Krankheitsschweregrads bei Herzinsuffizienz und in der Intensivmedizin bestaetigt; ein kausaler Beitrag der rT3-Erhoehung zum klinischen Verlauf laesst sich daraus nicht ableiten, vielmehr wird das Hormonmuster als Spiegel der Krankheitsschwere interpretiert.⁵,⁶,⁷,⁸

Das NTIS wird in der endokrinologischen Literatur ueberwiegend als adaptive Antwort des Organismus auf Krankheitsbelastung verstanden. Ob diese Adaptation in einzelnen Konstellationen kompensiert werden sollte, ist Gegenstand fortlaufender Forschung; eine routinemaessige Substitution mit Schilddruesenhormonen im Krankheitskontext wird in den Leitlinien nicht empfohlen.⁵,⁶

4. Weitere Konstellationen mit veraenderten rT3-Werten

In der wissenschaftlichen Literatur sind weitere Konstellationen beschrieben, in denen die rT3-Konzentration im Serum ansteigt oder die Verteilung zwischen T3- und rT3-Weg sich zugunsten von rT3 verschiebt:¹,⁵,⁶

  • Ausgepraegte Kalorienrestriktion und laenger andauernde Hungerzustaende: Verschiebung in Richtung rT3 als Bestandteil der metabolischen Adaptation.
  • Chronische Erkrankungen mit anhaltender Entzuendungsaktivitaet, fortgeschrittene Leber- und Niereninsuffizienz: veraenderte Bildung und/oder Clearance.
  • Schwere kardiale Erkrankungen, Sepsis, ausgedehnte chirurgische Eingriffe, schwere Brandverletzungen.
  • Einnahme bestimmter Arzneimittel, die in die Deiodase-Aktivitaet oder den Hormontransport eingreifen (in der spezialaerztlichen Beurteilung als Confounder zu beruecksichtigen).
  • Hohe T4-Substitutionsdosen koennen das Substratangebot fuer beide Konversionswege erhoehen; die Auswirkung auf rT3 ist individuell verschieden und in Beobachtungsstudien beschrieben, ohne dass eine einheitliche quantitative Aussage moeglich waere.

Aus dem Vorliegen einer einzelnen rT3-Erhoehung laesst sich daher in der Regel keine eigene Diagnose ableiten; die Interpretation ist nur im Kontext der Anamnese, der uebrigen Schilddruesenparameter und moeglicher Begleiterkrankungen aussagekraeftig.

5. Messung von rT3: methodische Probleme

Die Bestimmung von rT3 im Serum ist nicht in dem Mass standardisiert, wie es fuer TSH, freies T4 und freies T3 etabliert ist. Es existieren unterschiedliche Immunoassays und massenspektrometrische Verfahren; die Referenzbereiche sind hersteller- und labor-abhaengig. Eine einheitliche, ueber Labore vergleichbare Referenzintervall-Festlegung liegt nicht vor.⁷

Daraus folgt: Ein „erhoehter" oder „normaler" rT3-Wert ist nur im Verhaeltnis zum Referenzintervall des messenden Labors aussagekraeftig. Konkrete Zahlenwerte aus einer Erstmessung sind ohne den Laborkontext nicht uebertragbar; Vergleichsmessungen sollten in demselben Labor durchgefuehrt werden.

6. Stellenwert in den Leitlinien

Die aktuellen Leitlinien der American Thyroid Association zur Therapie der Hypothyreose (Jonklaas et al. 2014) und der European Thyroid Association (Wiersinga et al. 2012) sehen die routinemaessige Bestimmung von rT3 in der Versorgung der Hypothyreose nicht vor. Auch die Bestimmung des T3/rT3-Quotienten ist in den Leitlinien nicht als Steuerungsparameter fuer eine Therapie etabliert.⁹,¹⁰

In der Beurteilung des NTIS wird rT3 im wissenschaftlichen Schrifttum als Forschungs- und Verlaufsparameter herangezogen, ohne dass daraus eine eigenstaendige Behandlungsindikation abgeleitet wird. Die Interpretation des Befunds gehoert in die spezialaerztliche Einzelbeurteilung; eine Selbstinterpretation eines isolierten rT3-Werts oder eines errechneten Quotienten ist nicht angezeigt.

7. Zusammenfassung

Reverse T3 ist ein biologisch inaktives Produkt der inneren Ringdeiodierung von T4 und entsteht ueberwiegend durch DIO3-Aktivitaet. Es ist Bestandteil des normalen Schilddruesenhormonstoffwechsels und spielt im Mutter-Kind-Verhaeltnis sowie in der Anpassung an akute und chronische Erkrankungen (NTIS) eine Rolle.

Erhoehte rT3-Werte bei gleichzeitig niedrigem fT3 sind ein in der Forschung gut beschriebenes Korrelat des Krankheitsschweregrads, insbesondere bei Intensivpatientinnen und -patienten sowie bei fortgeschrittener kardialer Erkrankung. Eine eigene therapeutische Konsequenz aus der Senkung von rT3 ist nicht etabliert.

In der Hypothyreose-Versorgung empfehlen die ATA-Leitlinie 2014 und die ETA-Leitlinie 2012 die routinemaessige Messung von rT3 nicht. Die Bestimmung kann in spezifischen Konstellationen (z. B. zur Verlaufsbeurteilung bei NTIS) erfolgen und gehoert in die aerztliche Einzelbeurteilung. Eine validierte und ueber Labore vergleichbare Standardisierung fehlt.

Die endgueltige Indikationsstellung zu Diagnostik und Beurteilung liegt bei der behandelnden Aerztin oder dem behandelnden Arzt.


Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.

Quellenverzeichnis

  1. Bianco AC, Salvatore D, Gereben B, Berry MJ, Larsen PR. Biochemistry, cellular and molecular biology, and physiological roles of the iodothyronine selenodeiodinases. Endocr Rev. 2002;23(1):38-89. DOI: 10.1210/edrv.23.1.0455.
  2. Gereben B, Zavacki AM, Ribich S, Kim BW, Huang SA, Simonides WS, Zeöld A, Bianco AC. Cellular and molecular basis of deiodinase- regulated thyroid hormone signaling. Endocr Rev. 2008;29(7):898-938. DOI: 10.1210/er.2008-0019.
  3. Bianco AC, Dumitrescu A, Gereben B, Ribeiro MO, Fonseca TL, Fernandes GW, Bocco BMLC. Paradigms of Dynamic Control of Thyroid Hormone Signaling. Endocr Rev. 2019;40(4):1000-1047. DOI: 10.1210/er.2018-00275.
  4. Bianco AC, Kim BW. Deiodinases: implications of the local control of thyroid hormone action. J Clin Invest. 2006;116(10):2571-2579. DOI: 10.1172/JCI29812.
  5. de Vries EM, Fliers E, Boelen A. The molecular basis of the non-thyroidal illness syndrome. J Endocrinol. 2015;225(3):R67-R81. DOI: 10.1530/JOE-15-0133.
  6. Warner MH, Beckett GJ. Mechanisms behind the non-thyroidal illness syndrome: an update. J Endocrinol. 2010;205(1):1-13. DOI: 10.1677/JOE-09-0412.
  7. Peeters RP, Wouters PJ, Kaptein E, van Toor H, Visser TJ, Van den Berghe G. Serum 3,3',5'-triiodothyronine (rT3) and 3,5,3'- triiodothyronine/rT3 are prognostic markers in critically ill patients and are associated with postmortem tissue deiodinase activities. J Clin Endocrinol Metab. 2005;90(8):4559-4565. DOI: 10.1210/jc.2005-0535.
  8. Iervasi G, Pingitore A, Landi P, Raciti M, Ripoli A, Scarlattini M, L'Abbate A, Donato L. Low-T3 syndrome: a strong prognostic predictor of death in patients with cardiac disease. Circulation. 2003;107(5):708-713. DOI: 10.1161/01.CIR.0000048124.64204.3F.
  9. Jonklaas J, Bianco AC, Bauer AJ, et al. Guidelines for the Treatment of Hypothyroidism: Prepared by the American Thyroid Association Task Force on Thyroid Hormone Replacement. Thyroid. 2014;24(12):1670-1751. DOI: 10.1089/thy.2014.0028.
  10. Wiersinga WM, Duntas L, Fadeyev V, Nygaard B, Vanderpump MP. 2012 ETA Guidelines: The Use of L-T4 + L-T3 in the Treatment of Hypothyroidism. Eur Thyroid J. 2012;1(2):55-71. DOI: 10.1159/000339444.

Verifikationsstand der Quellen (Stand 2026-05-22):

Verifiziert via WebSearch, PubMed und DOI-Resolver: Quellen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Autoren, Jahre, Baende, Hefte, Seiten und DOIs wurden gegen PubMed, Oxford Academic, AHA Journals, Bioscientifica (J Endocrinol) und Karger Publishers abgeglichen. Quellen 2, 3, 4, 5, 9 und 10 sind zusaetzlich aus Artikel 48 (periphere T4-T3-Konversion) bekannt und dort bereits verifiziert.

Korrekturen gegenueber V1/V3:

  • Peeters et al. 2005 — die V1/V3-Angabe „J Clin Endocrinol Metab. 2005;90(12):6498-507" ist falsch. Korrekt: Band 90, Heft 8, Seiten 4559-4565 (PMID 15886232). Im finalen Text korrigiert.
  • Warner & Beckett 2010 — die V1/V3-Angabe „Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2010;24(1):81-97" ist nicht verifizierbar. Ersetzt durch die zitierfaehige Arbeit derselben Autoren in J Endocrinol 2010;205(1):1-13 (PMID 20016054).
  • Hoang et al. 2013 (Desiccated Thyroid Extract) — Quelle thematisch nicht passend zu rT3, ersatzlos gestrichen.
  • Saemtliche Tabellen aus V1/V3 wurden in Fliesstext und Listen umgewandelt.
  • Imperativ-Wendungen an die Leserschaft („Seien Sie skeptisch ...", „Besprechen Sie ...", „Wenn rT3 erhoeht ist, sollte die Ursache behandelt werden") und polemische Gegenueberstellungen („Schulmedizin-Position" vs. „Alternativ-Position", „rT3-Detox", „rT3-senkende Nahrungsergaenzungsmittel") wurden gestrichen.
  • Quantifizierungen ohne Primaerquelle („30-40 % des T4", „Halbwertszeit 3-4 Stunden", „Referenzbereich 90-350 pmol/L") wurden in der Schaerfe zurueckgenommen oder durch eine Spannweiten- Darstellung mit Quellenhinweis ersetzt.
  • Selbstdiagnose-Anleitung und Lese-Empfehlungen wurden vollstaendig entfernt; die Aussage zur Leitlinien-Position ist als Leitlinien-Information formuliert, nicht als Lese-Empfehlung.
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