Magnesium und die Schilddrüse: physiologische Einordnung, Studienlage und Versorgung
Podział
Magnesium ist ein essenzieller Mineralstoff und im menschlichen Organismus als Cofaktor in mehreren hundert enzymatischen Reaktionen sowie an der Bindung und Hydrolyse von ATP beteiligt.¹,² Im Zusammenhang mit der Schilddrüse wird Magnesium in der Literatur über Bezugsgrößen wie die ATP-abhängige Energiebereitstellung und über Beobachtungen zu Serum-Magnesium und Schilddrüsenparametern diskutiert. Eine eigenständige, schilddrüsenbezogene Wirkangabe für Magnesium ist auf EU-Ebene nicht zugelassen.
Dieser Artikel ordnet die biochemische Rolle von Magnesium sachlich ein, referiert die heterogene Studienlage zu Magnesium und Schilddrüsenparametern, fasst die EU-Referenz- und Sicherheitswerte zusammen und stellt die in Nahrungsergänzungsmitteln verwendeten Magnesiumverbindungen ohne wertende Empfehlung dar.
1. Magnesium im Körper
Magnesium ist im Körper überwiegend intrazellulär gebunden. Etwa 60 % des Gesamtkörperbestands befinden sich im Knochen, der Rest verteilt sich auf Muskel und andere Weichgewebe; weniger als 1 % liegt im Serum vor.¹,² Die Standardliteratur beschreibt Magnesium als Cofaktor in mehr als 300 enzymatisch katalysierten Reaktionen, unter anderem in Reaktionen, in denen ATP als Mg-ATP-Komplex gebunden wird.²
Aus dieser allgemeinen Rolle in der zellulären Energiebereitstellung lassen sich plausibel Beteiligungen an Stoffwechselwegen ableiten, die auch im Schilddrüsengewebe ablaufen. Die ältere Literatur diskutiert zudem eine Beteiligung von Magnesium an der TSH- Sekretion; die Befunde sind methodisch heterogen und nicht abschließend belegt. Sie tragen in der Eigenständigkeit keine schilddrüsenspezifische Wirkangabe.
2. Magnesium und Vitamin D
Die Aktivierung von Vitamin D zu 1,25-Dihydroxy-Vitamin D verläuft über magnesiumabhängige Enzyme; auch das Vitamin-D-Bindungsprotein ist in seiner Funktion magnesiumabhängig.³ Eine Übersichtsarbeit von Uwitonze und Razzaque (2018) beschreibt, dass eine unzureichende Magnesiumversorgung die metabolische Verwertung von Vitamin D einschränken kann.³ Diese Beobachtung ist allgemein- physiologischer Natur; sie begründet keinen schilddrüsen- spezifischen Wirkbezug. Zugelassene Vitamin-D-Claims betreffen unter anderem die Funktion des Immunsystems, den Calcium- und Phosphat-Stoffwechsel und die Erhaltung normaler Knochen.
3. Studienlage zu Magnesium und Schilddrüsenparametern
Die in der Literatur verfügbaren Untersuchungen sind überwiegend Beobachtungsstudien an kleinen Stichproben mit heterogenen Endpunkten. Eine systematische Zusammenfassung mit konsistenten patientenrelevanten Endpunkten liegt nicht vor.
Wang und Kollegen (2018) berichteten in einer chinesischen Querschnittsstudie an 1 257 Erwachsenen, dass eine schwere Erniedrigung des Serum-Magnesiums (≤ 0,55 mmol/L) mit einer höheren Wahrscheinlichkeit positiver Antikörper gegen Thyreoglobulin sowie mit der Diagnose einer Hypothyreose assoziiert war.⁴ Es handelt sich um eine Querschnittserhebung; ein kausaler Zusammenhang ist daraus nicht ableitbar.
Eine observationelle Untersuchung von Moncayo und Moncayo (2015) diskutiert eine erworbene Magnesiumdefizienz im Rahmen einer hypothetisierten mitochondrialen Dysfunktion bei benignen Schilddrüsenerkrankungen.⁵ Die Arbeit beschreibt Korrelationen zwischen Magnesium, Selen und sonographischen Vaskularisierungs- indizes; sie liefert keinen Wirknachweis im Sinne einer gesundheitsbezogenen Aussage und ist im Studiendesign limitiert.
Eine kleine Untersuchung von Kolanu und Kollegen (2020) an 165 Patientinnen verschiedener Altersgruppen mit altersgematchten Kontrollen beschrieb Zusammenhänge zwischen Serum-Magnesium und TSH; die Effektgrößen sind klein, die Stichprobe ist nicht repräsentativ und die Studie wurde an einer spezifischen geographischen Population durchgeführt.⁶
In ihrer Gesamtschau ist die Studienlage zu Magnesium und Schilddrüsenparametern beim Menschen heterogen, mit überwiegend kleinen Stichproben, gemischten Effektrichtungen und ohne randomisierte kontrollierte Studien, die einen Schilddrüsen- relevanten Endpunkt prospektiv prüfen.
4. Magnesium und der HCVO-Rahmen
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat mehrere Wirkungsangaben zu Magnesium wissenschaftlich bewertet (EFSA Journal 2009;7(9):1216 und 2010;8(10):1807). Die Europäische Kommission hat auf dieser Grundlage in VO (EU) Nr. 432/2012 die folgenden gesundheitsbezogenen Aussagen für Magnesium zugelassen:⁷
- Magnesium trägt zum Elektrolytgleichgewicht bei.
- Magnesium trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei.
- Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.
- Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei.
- Magnesium trägt zu einer normalen Eiweißsynthese bei.
- Magnesium trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei.
- Magnesium trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei.
- Magnesium trägt zur Erhaltung normaler Zähne bei.
- Magnesium trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.
- Magnesium hat eine Funktion bei der Zellteilung.
Eine eigenständige schilddrüsenbezogene Wirkangabe für Magnesium ist nicht zugelassen. Eine Aussage wie „Magnesium unterstützt die Schilddrüse" oder „Magnesium hilft bei Hashimoto-Thyreoiditis" ist auf EU-Ebene als gesundheitsbezogene Aussage nicht verwendbar; eine krankheitsbezogene Aussage zu einem Lebensmittel ist nach Art. 7 Abs. 3 LMIV ausgeschlossen.
5. Referenzwerte und Sicherheitswerte
Die EFSA leitete 2015 für Magnesium keine Population Reference Intakes ab, sondern Adequate Intakes (AI), da aus den verfügbaren Bilanzstudien kein Average Requirement abgeleitet werden konnte.⁸ Die AI betragen für Erwachsene:
- Männer: 350 mg pro Tag.
- Frauen: 300 mg pro Tag.
Die D-A-CH-Referenzwerte (DGE/ÖGE/SGE, Stand 2024) geben für Erwachsene 350 mg pro Tag (Männer) und 300 mg pro Tag (Frauen) als empfohlene Zufuhr an.⁹
Der EU-relevante Tolerable Upper Intake Level für supplementäres Magnesium beträgt 250 mg pro Tag für Erwachsene und Kinder ab vier Jahren (Scientific Committee on Food, 2001; in der EFSA-Übersicht 2024 unverändert ausgewiesen).¹⁰ Bezugspunkt war die osmotische Diarrhoe als kritischer Endpunkt; die LOAEL lag bei 360–365 mg zusätzlich zur Ernährung. Magnesium aus normaler Ernährung ist hiervon nicht erfasst.
Die Differenz zwischen AI (350 mg, gesamte Zufuhr) und UL für supplementäre Zufuhr (250 mg, zusätzlich zur Ernährung) ist häufige Quelle von Missverständnissen. Die Verträglichkeit hängt zudem von der Magnesiumverbindung, der Tagesverteilung und der individuellen Empfindlichkeit ab.
6. Erfassung des Magnesiumstatus
Magnesium ist überwiegend intrazellulär gebunden; der Serum- Magnesium-Wert spiegelt diesen Pool nur eingeschränkt wider. Eine Übersichtsarbeit von Workinger und Kollegen (2018) beschreibt die methodischen Herausforderungen der Statuserfassung und nennt unter anderem die diätetische Zufuhrabschätzung, das Serum-Magnesium, das Magnesium in Erythrozyten und Urinmessungen als ergänzende Parameter, ohne dass eine einzelne Methode als Referenzstandard etabliert ist.¹¹ Die Bewertung im Einzelfall gehört in die ärztliche Beurteilung.
7. Magnesiumverbindungen in Nahrungsergänzungsmitteln
In der EU sind Magnesiumverbindungen für die Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln nach Anhang II der VO (EG) Nr. 1170/2009 (zur Ergänzung der RL 2002/46/EG) zugelassen. Sie unterscheiden sich in Löslichkeit, fraktionaler Resorption, gastrointestinaler Verträglichkeit und im Anteil elementaren Magnesiums an der Verbindung.¹²,¹³ Eine generelle Über- oder Unterlegenheit einer Form lässt sich aus der vorhandenen Studienlage nicht ableiten.
- Magnesiumcitrat und Magnesiumgluconat: gut lösliche organische Salze, in Vergleichsstudien mit vergleichsweise hoher fraktionaler Resorption.¹²
- Magnesiumbisglycinat (Magnesiumdiglycinat): Chelat aus Magnesium und zwei Molekülen Glycin; in der Literatur als gut löslich und in der gastrointestinalen Verträglichkeit als vergleichbar beschrieben.
- Magnesiummalat und Magnesiumtaurat: organische Salze, in einzelnen Studien untersucht; eine breite Datenlage zur fraktionalen Resorption am Menschen liegt nicht vor.
- Magnesium-L-Threonat: organische Verbindung; die EFSA hat 2022 eine Sicherheitsbewertung als Novel Food vorgenommen und die Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln innerhalb der dort geprüften Bedingungen als sicher eingestuft.
- Magnesiumoxid: anorganische Verbindung mit hohem Anteil elementaren Magnesiums an der Masse, aber geringerer Löslichkeit; in Vergleichsstudien wurde eine niedrigere fraktionale Resorption beschrieben.¹²,¹³
Welche Magnesiumverbindung im Einzelfall geeignet ist, hängt unter anderem von Verträglichkeit, Tagesmenge und Mahlzeitenkontext ab. Diese Beurteilung ist nicht Gegenstand eines allgemeinen Wissensartikels.
8. Magnesium in Lebensmitteln
Wesentliche Magnesiumquellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, grünes Blattgemüse sowie magnesiumreiches Mineralwasser. Verarbeitungsschritte wie die Ausmahlung von Getreide reduzieren den Magnesiumgehalt deutlich; konkrete Werte schwanken mit Anbaugebiet, Sorte und Verarbeitungsgrad. Quellen für Lebensmittel-Tabellen sind die Schweizer Nährwertdatenbank für die Schweiz, der Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) für Deutschland und die FoodData Central des US Department of Agriculture für internationale Vergleichswerte.
9. Wechselwirkungen
Hochdosierte orale Magnesiumzufuhr kann osmotische Diarrhoe auslösen; dies war der für den EU-UL maßgebliche Endpunkt.¹⁰ Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann Magnesium akkumulieren; die Indikation und Menge einer supplementären Magnesiumzufuhr ist in diesem Kontext eine ärztliche Entscheidung.
Die Resorption von Levothyroxin kann durch zeitnah eingenommene mineralhaltige Präparate beeinflusst werden; die jeweiligen Fachinformationen einzelner Levothyroxin-Präparate enthalten Hinweise zu Mindestabständen bei der Einnahme. Diese Empfehlungen gehören in die ärztliche oder apothekerliche Beratung im Einzelfall.
10. Zusammenfassung
Magnesium ist ein essenzieller Mineralstoff mit weitreichender Beteiligung am Energiestoffwechsel, an der Funktion des Nervensystems, an der Muskelfunktion und an der Eiweißsynthese; in diesen Bereichen sind zugelassene EU-Health-Claims vorhanden (VO (EU) Nr. 432/2012). Eine schilddrüsenbezogene Wirkangabe ist nicht zugelassen. Die Studienlage zu Magnesium und Schilddrüsenparametern ist heterogen und beruht überwiegend auf kleinen Beobachtungsstudien; daraus lässt sich keine schilddrüsenspezifische Verzehrempfehlung ableiten.
Die EFSA hat 2015 Adequate Intakes von 350 mg pro Tag (Männer) und 300 mg pro Tag (Frauen) abgeleitet, ohne dass ein Average Requirement begründet werden konnte. Der EU-Tolerable Upper Intake Level für supplementäre Zufuhr (zusätzlich zur Ernährung) beträgt 250 mg pro Tag (SCF 2001). Die in Nahrungsergänzungsmitteln zugelassenen Magnesiumverbindungen unterscheiden sich pharmakokinetisch; eine pauschale Über- oder Unterlegenheit einer Form ergibt sich aus der Studienlage nicht. Die ärztliche Beurteilung von Versorgungslage, Indikation und Menge bleibt der zentrale Bezugspunkt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder paralleler Medikamenteneinnahme ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. Nahrungsergänzungsmittel können Neben- und Wechselwirkungen haben.
Quellenverzeichnis
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- Wang K, Wei H, Zhang W, et al. Severely low serum magnesium is associated with increased risks of positive anti-thyroglobulin antibody and hypothyroidism: A cross-sectional study. Sci Rep. 2018;8(1):9904. DOI: 10.1038/s41598-018-28362-5.
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- Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern. ABl. L 136 vom 25.5.2012, S. 1, in der konsolidierten Fassung.
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